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Der Hurrikan "Katrina" erreicht das Land: die überflutete Straße zum Strand in Gulf Shores (US-Bundesstaat Alabama).

Auf der Flucht vor dem Sturm

Der gewaltige Hurrikan "Katrina" treibt die Menschen in Scharen aus New Orleans und in überfüllte NotunterkünfteGewöhnlich ist man in New Orleans stolz auf die entspannte Atmosphäre, kann nichts den vergnügt-gemächlichen Pulsschlag in "Big Easy" aus der Ruhe bringen außer Mardi Gras, der Karneval. Doch dieses New Orleans wartet seit Jahren auf die große Katastrophe. Mehr dazu im Thema des Tages.

Von DIETMAR OSTERMANN (WASHINGTON)

Wann immer ein Hurrikan auf Amerikas Küsten schlägt, setzt das Rennen um die besten Sendeplätze ein. Die Top-Moderatoren der großen Fernsehstationen streifen ihre Regenanzüge über und nichts kann sie gewöhnlich davon abhalten, sich direkt am Strand mit aller Kraft tollkühn in die peitschenden Winde zu stemmen und zu berichten, was der Zuschauer sieht, nämlich dass es heftig stürmt und regnet und man jetzt besser nicht dort sein sollte, wo der Reporter gerade ist.

Dass diesmal etwas anders war, ließ sich schon an den Fernsehbildern erkennen. Die TV-Crews wahrten respektvollen Abstand zu jenen Orten, für welche die Wetterdienste das Auge des Sturms abgekündigt hatten. Sie wichen aus, 150 Kilometer nach Mobile in Alabama oder ins Hinterland, nach Baton Rouge. Keinen zog es auf die flachen Marschinseln vor der Küste Louisianas, die schon ganz ohne Wirbelstürme allmählich im Wasser versinken. Keiner erklomm eine der riesigen Ölplattformen im Golf von Mexiko, die "Katrina" Montag früh als Erstes überrollte. Und erst recht kletterte niemand auf die Deiche von New Orleans.

Wer in der großen Suppenschüssel im Mississippi-Delta geblieben war, der flüchtete in die wenigen höher gelegenen Viertel der Stadt. Noch besser nach Downtown New Orleans in ein sturmfestes Hochhaus. Und am allerbesten in den Super Dome, wo in den dunklen, stickigen Katakomben des hoch aufragenden Sportstadions am Montag zehntausende Menschen jenen Hurrikan aussaßen, von dem Experten befürchteten, er könne einer der schlimmsten werden, den die USA je erlebt haben. Doch am Mittag war klar, dass er New Orleans nicht so schlimm erwischte wie befürchtet worden war.

Die Furcht hatte zum einen an Windgeschwindigkeiten von über 250 Stundenkilometern gelegen, die im Auge des Wirbelsturms noch am Sonntag gemessen worden waren. Die US-Behörden hatten "Katrina" daraufhin zunächst in Kategorie fünf hochgestuft. Nur drei Hurrikans dieser Stärke haben die USA seit Menschengedenken erreicht. Vor allem aber bereitete der Weg, den "Katrina" über dem Golf von Mexiko eingeschlagen hatte, den Verantwortlichen tiefe Sorge. Im großen Bogen marschierte die gewaltige Sturmfront das ganze Wochenende auf die Küste der Bundesstaaten Louisiana und Mississippi zu. Und genau dort, wo die Meteorologen lange den Landfall des in den Wetterkarten blutroten Hurrikanauges vermuteten, lag New Orleans. Vor einem "potenziell katastrophalen, lebensbedrohlichen direkten Treffer" hatte der sonst eher zurückhaltende Nationale Wetterdienst gewarnt. Das reichte, damit Bürgermeister Ray Nagin am Sonntag die ganze 480 000-Einwohner-Stadt zwangsevakuieren ließ.

Gewöhnlich ist man in New Orleans stolz auf die entspannte Atmosphäre, kann nichts den vergnügt-gemächlichen Pulsschlag in "Big Easy" aus der Ruhe bringen außer Mardi Gras, der Karneval. Doch dieses New Orleans wartet seit Jahren auf die große Katastrophe. Ein Hurrikan, der frontal auf die Stadt trifft, kann ganze Viertel meterhoch unter Wasser setzen. Für Wochen, vielleicht Monate. Denn New Orleans liegt großenteils zwei bis drei Meter unterhalb des Meeresspiegels, geschützt und trocken gehalten nur durch ein ausgeklügeltes System aus Deichen und Pumpstationen. Das ist darauf ausgelegt, Hurrikans bis Stärke 3 abzuwehren. Sobald das Wasser die Deichanlagen überspült, läuft New Orleans voll wie eine Badewanne. Dann können auch die Pumpen das Wasser nicht mehr absaugen, weil die vom Mississippi-Fluss, dem Pontchartrain-See und dem Golf von Mexiko eingeschlossene Stadt nahezu vollständig von Wasser umgeben ist.

Dieses Horrorszenario hatte Hunderttausende in die Flucht getrieben. Auf den zwei Autobahnen, die New Orleans mit dem Hinterland verbinden, stauten sich Sonntag bis spät in die Nacht hinein kilometerlang die Blechlawinen. "Diesmal scheint es ernst zu sein. Meine Mutter hat gesagt: Kommt da raus, egal wie", erklärte im US-Fernsehen ein Vater, der das Haus im berühmten French Quarter zugenagelt hatte und mit seiner Familie landeinwärts flüchtete. Die Zwangsevakuierung einer Metropole wie New Orleans, in dessen Großraum über eine Million Menschen leben - das war auch für die sturmgeplagte US-Nation eine neue, beunruhigende Erfahrung.

Die Zurückgebliebenen richteten sich derweil auf das Schlimmste ein. Sonderbusse holten in New Orleans bis wenige Stunden, bevor die ersten Ausläufer "Katrinas" die Stadt erreichten, von Sammelstellen verzweifelte Menschen ab und fuhren sie in den Super Dome sowie zehn andere Notunterkünfte. Viele hatten dabei, worum Bürgermeister Nagin gebeten hatte: Lebensmittel für mehrere Tage, Decken, Trinkwasser. Aber auch Schusswaffen, Drogen und jede Menge Alkohol sammelte die Nationalgarde an den Eingängen des Super Dome ein.

Vor allem Touristen, Alte und Obdachlose saßen in der Stadt fest, die dem Aufruf zur Zwangsevakuierung nicht rechtzeitig folgen konnten. Aber auch Kneipenbesitzer, Huren, Hoteliers und andere Bewohner fanden sich ein, die ihr Hab und Gut nicht dem Wasser oder späteren Plünderern überlassen wollten, wenn vielleicht die große Flut kommt. Als am Montag früh gegen sieben Uhr Ortszeit in der Stadt der Strom ausfiel, hatten die Eingeschlossenen noch erfahren, dass "Katrina" zum Hurrikan Stufe vier zurück gestuft worden war. Der Sturm verlor an Kraft. Und er drehte leicht nach Osten ab. Keine hundert Kilometer, aber doch genug, um New Orleans links liegen zu lassen.

Das war zumindest für die Stadt eine gute Nachricht: Die Winde würden nicht vom Meer her über die Stadt ziehen und die befürchteten Flutwellen von bis zu 20 Meter Höhe vor sich her treiben. "Katrina" fiel vielmehr von Norden in die Stadt ein, von jener Seite, wo "nur" das Brackwasser des Pontchartrain Sees auf die Dämme drückt. "Das ist eine gute Nachricht, aber lange keine Entwarnung", erklärte Gouverneurin Kathleen Bebineaux Blanco. Zumal jetzt der flache Küstenstreifen östlich von New Orleans die volle Wucht des Sturms abbekam. Gulfport im Nachbarstaat Mississippi meldete Land unter, zwei Meter im Stadtzentrum, dazu zahlreiche völlig zerstörte Gebäude.

Doch New Orleans blieb das Schlimmste offenbar erspart. Zwar zog "Katrina" mit Windstärken von bis zu 180 Stundenkilometern über die Stadt hinweg. Vom Super Dome rissen Dachteile herunter. Doch in den Gängen unter der Tribüne waren die Menschen sicher und auch die Dämme hielten. Bis Mittag, als der Hurrikan schon weiter landeinwärts gezogen war und die Winde abflauten, lief die Stadt nur mit Regenwasser voll. "Die Flut ist hier nicht so schlimm wie befürchtet, ich habe bisher keine größeren Schäden gesehen", meldete erleichtert Mike Majonos vom Katastrophenschutzamt: "New Orleans hatte offenbar wieder Glück. Das ist, als ob einem eine Kugel am Kopf vorbei zischt."

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