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Flucht übers Mittelmeer: Wenn aus einer Zahl plötzlich Menschen werden

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Begegnung von Ursache und Wirkung: Boot mit Geflüchteten, im Hintergrund ein Tanker mit Treibstoff für den Wohlstand des Westens.
Begegnung von Ursache und Wirkung: Boot mit Geflüchteten, im Hintergrund ein Tanker mit Treibstoff für den Wohlstand des Westens. © Daniel Kubirski

Jedes Jahr sterben Hunderte Geflüchtete im Mittelmeer. Der Fotograf und Aktivist Daniel Kubirski erzählt, wie er selbst vom Beobachter zum Retter wurde. Ein eindringlicher Appell zum Hinschauen, zum Umdenken

Zu Beginn ein Zeitsprung, ein paar Monate zurück. Ich bin auf dem Weg nach Malta. Meine Familie und vor allem mein Sohn Jakob verzichten in den kommenden Wochen auf viel. Mir ist das klar, aber das, was ich hier tue, ist wichtig, denke ich. Mit der „Nadir“, dem Schiff der eher kleinen nicht-staatlichen Organisation „RESQSHIP“, fahre ich in das Gewässer, das wir aus Urlaubsprospekten, aus den wehmütigen Erzählungen unserer Freunde oder aus dem eigenen Urlaubsalbum kennen.

Ich würde das Mittelmeer als brutal beschreiben.

Später werde ich dort ein Foto aufnehmen, das ungeahnte Wut in mir entfesselt. Es zeigt flüchtende Menschen, kaum aus dem Wasser ragend, während im Hintergrund, gleichgültig wie eine Gleisdurchsage, ein Tankschiff mit dem Treibstoff für unseren Wohlstand durchs Bild fährt.

Mit an Bord der „Nadir“ ist auch Gerhard Trabert, Sozialmediziner aus Mainz, dessen Verein „Armut und Gesundheit in Deutschland“ die medizinische Betreuung der Mission stellt. Er kandidierte für die Wahl zum Bundespräsidenten. Ich hätte ihn gerne gewählt, wenn ich gekonnt hätte. Auch wenn ich glaube, dass einer wie er sich im Schloss Bellevue sicher nicht wohlgefühlt hätte. Doch er hätte ein Engagement in eine Ebene getragen, das es dort noch nie in solcher Präsenz gegeben hat. Dass er nicht gewählt wurde, hat ihn vielleicht sogar erleichtert; Jetzt kann er doch weiterhin dort sein, wo man ihn braucht.

Daniel Kubirski ist Fotojournalist und Aktivist, die Themen Flucht, Vertreibung und Menschenrechte gehören zu den Schwerpunkten seiner Arbeit. Er begleitet Beobachtungsmissionen verschiedener Nichtregierungsorganisationen im zentralen Mittelmeer zwischen Malta und Libyen sowie in der Ägäis zwischen Lesbos und der Türkei.
Daniel Kubirski ist Fotojournalist und Aktivist, die Themen Flucht, Vertreibung und Menschenrechte gehören zu den Schwerpunkten seiner Arbeit. Er begleitet Beobachtungsmissionen verschiedener Nichtregierungsorganisationen im zentralen Mittelmeer zwischen Malta und Libyen sowie in der Ägäis zwischen Lesbos und der Türkei. © Daniel Kubirski

Ich erlebe Tage, an denen wir von Notfall zu Notfall fahren. Es sind ungezählte Stunden, in denen wir uns mit Schlafen, Nicht-Einschlafen, Essen, Physisch-stabil-Bleiben beschäftigen. Und Trinken – auch nachts sind es noch deutlich über 30 Grad. Permanent begleitet uns die Sorge um die vielen Leben da draußen. Wir haben Wasser, Lebensmittel, ein Bett. Mit den Flüchtenden teilen wir nur die Hitze, sie haben sonst nichts.

Ich war schon an mehreren Orten, die das humanitäre und moralische Versagen eines ganzen Kontinents aufzeigen. Das klingt plakativ, doch ich muss sagen, wie es ist: Es ist nicht die Politik allein. Es ist auch nicht die Wirtschaft allein. Oder der Protektionismus, der zu Abschottung führt, und die Abschottung, die zu Unrecht führt. Wir alle wählen das, wir wählen die Politik. Oft ohne das Bewusstsein dafür, was es an den Grenzen Europas und darüber hinaus bedeutet. Wir alle sind Europa. Was sind unsere Werte, wenn wir sie als Inhalt für gemeinschaftliches Leben definieren, noch wert?

Etwa 80 Menschen sollen auf diesem Holzboot gewesen sein.
Etwa 80 Menschen sollen auf diesem Holzboot gewesen sein. © Daniel Kubirski

Gleich zu Beginn dieser Beobachtungsmission stoßen wir auf ein leeres Holzboot. Es fasst etwa 50 Menschen auf Deck und vermutlich 30 weitere im Bauch des Schiffes. Ich bin eigentlich froh, dass es leer ist. Viele derer, die unter Deck ausharren, sterben durch das Abgas undichter Motoren oder verätzen sich an Benzindämpfen. Es gibt keine Toilette; dort unten fließt, was ein Mensch ausscheidet. Oben auf dem Deck liegen noch Spuren. Taschen, Kleidung, einige Windeln.

Die libysche Küstenwache präsentiert uns ihren „Fang“

Was mit den geschätzt 80 Menschen geschehen ist, bleibt erst unklar. Wir sind in der libyschen „Search and Rescue“-Zone; nicht zu verwechseln mit den territorialen Gewässern Libyens, die „SAR-Zonen“ definieren nur die Zuständigkeit der Anrainerstaaten für Seenotrettung. Libyen nimmt das nicht so genau, aber die „Küstenwache“, von keiner funktionierenden staatlichen Struktur legitimiert, lässt sich doch noch blicken, als die nahe „Seawatch 3“ an uns vorbeifährt, um auch nach dem leeren Boot zu sehen. Es tut gut, dass wir hier nicht allein unterwegs sind. Wir hören einen Funkspruch, in dem sie Seenotrettern und Beobachtern wie uns drohen: „You are always causing problems, you are risking lives.“ – „Sie verursachen immer Probleme, Sie riskieren Menschenleben.“ Damit sind die Ambitionen dieser „Küstenwache“ und ihre Vorstellung von „Grenzsicherung“ schnell erklärt.

Sie fahren in hohem Tempo heran, kommen immer näher, bis wir Details erkennen können – und ihren „Fang“: Es sind eindeutig die Menschen, die in dem kleinen Holzboot auf der Flucht waren. Darunter auch Kinder, sehr kleine Kinder. Frauen. Es ist, als wollte die libysche „Küstenwache“ der „Seawatch“ und uns diese menschlichen Trophäen vorführen.

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Die Zahl der Geflüchteten , die im Mittelmeer und im Nordwestatlantik ums Leben gekommen sind, ist nach Angaben der Vereinten Nationen in den vergangenen Jahren stark gestiegen. 2021 seien dort 3231 Tote oder Vermisste registriert worden, teilt das Flüchtlingshilfswerk UNHCR mit. Im Jahr 2020 seien es 1881 Tote und Vermisste gewesen, im Jahr davor 1510.

Mindestens 800 Menschen sind seit Beginn des laufenden Jahres laut der Internationalen Organisation für Migration bei der Überfahrt ums Leben gekommen oder werden vermisst. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Das Mittelmeer zählt zu den gefährlichsten Fluchtrouten der Welt. Dennoch gibt es keine staatlich organisierte Seenotrettungsmission. Nur die Schiffe privater Organisationen halten Ausschau nach in Not geratenen Geflüchteten. FR/dpa

Sie kommen noch einmal zurück, halten zwar Abstand, aber wir sehen alles. Genug, dass es weh tut. Allen ist bewusst, dass wir vielleicht zwei Stunden zu spät waren – auf dem offenen Meer, bei diesen gigantischen Entfernungen, sind zwei Stunden wie ein kurzer Gang um die Ecke. Wir haben sie verpasst, um Haaresbreite.

Wir wissen, was jetzt mit diesen Menschen in Libyen geschieht. Einige werden verkauft, inhaftiert, ich kenne Schilderungen, die so grausam sind, dass ich bisher keinen Weg gefunden habe, sie begreifbar zu formulieren. Oder wenigstens so, dass sie nicht sofort überfordern. Die meisten werden erneut dem Schleppergeschäft zugeführt, von dem die Libyer offen mitprofitieren. Diese Menschen sind eine Ware, und der beste Kunde ist bekanntlich derjenige, der immer wiederkommt. Solche „Pushbacks“ sind illegal, die Rechtslage ist eindeutig, sie werden aber von europäischen Regierungen toleriert, mit ihrer Grenzschutzagentur Frontex sogar gefördert – dies ist ein Ergebnis auch der deutschen Politik.

Wir sprechen von „illegaler Migration“ - falsch! Richtig wäre: illegalisierte Migration

Die Entscheidungen, die diese Politik fällt, sind nicht so harmlos wie sie scheinen. Und nur selten sind sie mit Werten des Humanismus oder des Christentums zu vereinbaren. Diese Politik ist knallhart; nicht für uns. Sondern für hilfesuchende Menschen, die den Preis für unser Handeln zahlen, indem ihnen von Menschenrechtskonventionen garantierte Rechte verwehrt werden. Und dann sprechen wir auch noch von „illegaler Migration“ – damit bloß niemand auf den Gedanken kommt, es gäbe ein Recht zu flüchten. Mit einer leichten Wortveränderung wird ein Schuh draus: illegalisierte Migration. Den Begriff stellte Gerhard an einem Abend mal wie ein Licht auf den Tisch.

Gerettet, aber nicht in Sicherheit: Schiff der libyschen Küstenwache.
Gerettet, aber nicht in Sicherheit: Schiff der libyschen Küstenwache. © Daniel Kubirski

Lange nach Einbruch der Dunkelheit stoßen wir nach einer konkreten Meldung via „Seawatch“ zu einer Rettungsaktion dazu: 400 Menschen, zusammengepfercht wieder in einem solchen Holzboot, diesmal etwas größer. Aus der Entfernung sehen wir, wie die Helferinnen und Helfer in den Beibooten der „Seawatch“ das kleine Schiff evakuieren. Dann geraten wir – es klingt übertrieben, doch das ist es nicht – mit unserem Boot in ein Schlachtfeld, werden kalt ausgespuckt ins Geschehen: Wir hören kraftlose Hilferufe, die urplötzlich jeden unserer Sinne wachschreien. Überall treiben Rettungswesten, Gegenstände. Und immer diese Rufe. Wir lassen, so schnell es geht, unser Beiboot ins Wasser. Jede Sekunde kommt mir wie eine Stunde vor. Wir sind alle ohne Zeitgefühl. Was wir tun, geschieht in Zeitlupe. Was da draußen passiert, kommt im Zeitraffer. Quälend langsam kommen wir in der Dunkelheit voran – langsam genug, um niemanden zu übersehen oder zu verletzen, aber zu langsam, um rechtzeitig da zu sein.

Im Licht meiner Stirnlampe erscheint plötzlich ein Kopf. Ein Gesicht, ängstlich, hoffend, lethargisch, ein Körper, sich an irgendetwas haltend. Ich weise Thorsten, meinem Partner im Beiboot, die Richtung, er kann nicht viel sehen. Thorsten ist Notfallsanitäter, er ist bei einigen Missionen bei großen NGO mitgefahren. Der Mann im Wasser sagt: „Help me.“ Hilf mir. Ich strecke meine Hand aus und greife die Hand, die sich mir entgegenstreckt, so kräftig ich nur kann. Wenn ich jetzt loslasse, warum auch immer, ist er tot, denke ich.

Ich halte einen Menschen fest, der kurz vor dem Ertrinken war

Zum Glück hat der Mann noch Kraft, um mitzuhelfen. Wir bringen ihn zügig zur „Nadir“, die Hilferufe sind noch immer da. Je leiser sie werden, desto geisterhafter treiben sie umher. Wir finden einen weiteren jungen Mann, der so entkräftet ist, dass er aus seiner Weste rutschen würde, sollte er es schaffen, den Arm zu heben, um auf sich aufmerksam zu machen. Noch fünf Meter, noch vier, ich rufe ihm zu: „Don’t move!! Don’t move!! I see you! We’ll get you out of here!“ „Bewegen Sie sich nicht. Ich sehe Sie. Wir holen Sie hier heraus!“ Noch zwei Meter, ich lehne mich, soweit es geht, aus dem Boot. Ein Meter, dann greife ich zu. Wenn ich ihn nicht halte, ist er weg, denke ich. Er ist erschöpft, aber er wiegt nicht schwer, ich kann ihn mit Thorstens Hilfe schnell an Bord ziehen.

Ich halte seinen Kopf, er lächelt. Ich lächle ihn an, streiche ihm über die nasse Stirn und schaue, ob seine Augen auf das Licht meiner Lampe reagieren. „Er ist wach“, sage ich zu Thorsten, „schnell aufs Schiff mit ihm“. Ich weiß nicht, wie alt er ist, in einer solchen Situation sieht wohl jeder Mensch steinalt aus. „Thank you. You saved my life.“ „Danke. Du hast mein Leben gerettet.“ Er atmet aus. Und sieht mich an, als hätte er die Macht, mir alles zu verzeihen. Als ich bei der Geburt meines Sohnes dabei war, war das ein ähnliches Gefühl. Ein „Null-Moment“, in dem man weiß, ab jetzt ist alles anders. Bis wir bei der „Nadir“ sind, halte ich ihn fest. In dieser Nacht retten wir acht Menschen auf unser Schiff, fünf von ihnen konnten es aus eigener Kraft erreichen, drei bringen Thorsten und ich. Gemeinsam mit der „Seawatch“ und der „Ocean Viking“ retten wir 395 Menschen, mehr als 400 sollen auf dem Holzboot gewesen sein. Vom Beobachter zum Retter, das geht hier schnell.

Ich verlange nicht viel - nur ein Bewusstsein für unsere Verantwortung

Wenn die Schiffe privater Seenotretter festgesetzt werden, führt das nicht zu einem Rückgang der Fluchtbewegungen. Das ist der Trugschluss, den uns manche als Fakt verkaufen wollen. Es führt nur zu noch mehr Toten. Es geht nicht um Schuld, auch nicht um ein schlechtes Gewissen. Doch wir müssen über Verantwortung reden. Jeder Vorteil hat ein Gegengewicht. Jedes Schnäppchen einen Preis, den jemand an unserer Stelle zahlt. Der schöpferische Wert der Dinge ist kaum veränderbar, die Gewichtung in der Schöpfungskette ist es schon. Das Privileg, etwas zu besitzen, zwingt uns dazu, Verantwortung zu übernehmen.

Ich bin weder Wissenschaftler noch Ökonom, ich bin Fotograf und Aktivist. Wir haben uns die Welt ganz schön asymmetrisch gemacht. Daher finde ich es ethisch nicht in Ordnung, wenn unser Komfort, Standard und Innovationsreichtum auf der Verwendung von Konfliktrohstoffen beruht. Warum wird die Bilanz unserer Mobilität am anderen Ende der Welt bezahlt? Wir können unsere Flüge mit Kompensationszahlungen klimaneutral machen, doch welcher Ausgleich steht dem Kind in der Koltanmine zu, das unsere Akkus zum Leben erweckt? Wie entschädigt man einen senegalesischen Fischer, dessen Fanggründe von europäischen Großkonzernen leergefischt werden? Solche Geschichten und Lebensumstände sind die Ursachen, die Menschen zur Flucht zwingen. Ich verlange nicht viel – nur ein Bewusstsein dafür. Das ist der Weg zu Verantwortung.

Wir können etwas tun, wir können die Globalisierung beeinflussen

Das Kind in der Koltanmine hat keine Worte oder findet kein Gehör, auch der Fischer im Senegal hat kein Publikum für seine Existenzängste. Wir aber können die Industrien und Regierungen auffordern, die Lieferketten oder Details zu Freihandelsabkommen offenzulegen. Wir können uns klarmachen, wer die Opfer der Globalisierung sind. Wir können die Gewichte setzen. Wir können das wählen .

Es braucht staatliche, politische Lösungen. Und bis es sie gibt, fahren private Seenotretter:innen auf eigene Kosten und Risiko da hinaus und kehren die Scherben auf, die Kriege und Elend und unsere Entscheidungen hinterlassen.

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