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Kein Schutz für Frauen im Ankerzentrum: „Gewaltfördernd und isolierend“

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Von: Patrick Guyton

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Ein Ankerzentrum in Bayern. Imago Images/K. Schmitt
Ein Ankerzentrum in Bayern. Imago Images/K. Schmitt © IMAGO/K. Schmitt

Frauen berichten von Bedrohung und Gewalt in bayerischen Unterkünften für Geflüchtete. Der Flüchtlingsrat bezeichnet Ankerzentren als „gewaltfördernd und isolierend“.

München - Auf einmal stand er in Bayreuth in der Asylunterkunft vor ihrer Zimmertür und bedrohte sie. „Er sagte, dass er mich umbringen wird“, berichtet Kidst Tesfaye, eine geflüchtete Frau aus Äthiopien. Es war ihr Ehemann, ein Schläger und Vergewaltiger, vor dem sie aus der Heimat geflohen war – und der sie von Äthiopien bis nach Deutschland verfolgt hat. Nach einer Weile erhielt sie eine Wohnung außerhalb der Unterkunft, doch ihr Mann rief sie weiter auf dem Handy an und stieß Morddrohungen aus. Wusste er, wo sie sich aufhält? „Wenn ich jetzt rausgehe, trage ich zum Schutz Mütze und Sonnenbrille“, erzählt Tesfaye.

Die Frau ist kein Einzelfall, deshalb hat der Bayerische Flüchtlingsrat auf einer Pressekonferenz einige allein oder mit Kindern geflüchtete Frauen vorgestellt. Bei ihnen führt einzig ihr Geschlecht dazu, dass sie Betroffene von – häufig sexueller – Gewalt waren oder sind. Die Strukturen der Flüchtlingsunterbringung in Bayern förderten die Gewalt oder verhinderten sie zumindest nicht ausreichend, meint die Organisation.

Geflüchtete in Ankerzentren: Frauen haben kaum Schutz

Neu ankommende Geflüchtete werden im Freistaat weiterhin – über das Land verteilt - in sogenannten Ankerzentren untergebracht. Alleinreisende müssen dort bis zu zwei Jahre ausharren, Familien sechs Monate. Immer wieder wurden diese teils großen Unterkünfte, die rund um die Uhr von Security bewacht werden sollen, als „Lager“ kritisiert. Der Flüchtlingsrat sieht sie als „gewaltfördernd und isolierend“, Frauen hätten einen erschwerten Zugang zu Schutz, Unterstützung und Informationen über ihre Rechte. Die Berliner Ampelkoalition hat beschlossen, dass das System der Ankerzentren „nicht weiterverfolgt“ werde, doch die CSU-geführte Bayerische Staatsregierung hält daran fest. Es habe sich bewährt, meint Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

Geflüchtete im Ankerzentrum: „Ich habe Stress und Panik“

Zarah S., eine 30-jährige Frau aus dem Iran, beschreibt, wie es darin zugeht. Sie werde von Männern „gestalkt“, erzählt sie. In die Küche geht sie nur, wenn ihr Partner dabei ist. Da dieser aber häufig weg ist, muss sie oft bis zum Abend darauf warten. „Ich habe viel Stress und Panik“, meint sie. Aus dem Iran war sie geflohen, weil ihre Familie sie – noch als Jugendliche – zwangsverheiratet hatte. Die Familie hat sie verstoßen. Hier ist ihr Status unsicher, sie hat keine Arbeitserlaubnis. Zweimal war sie schon wegen psychischer Probleme zur Behandlung in einer Klinik. „Ich möchte arbeiten, lernen und studieren“, sagt S. „Mein Partner gibt mir sehr viel Kraft, ohne ihn würde ich mich umbringen.“

Beim Erzählen über ihre Situation fängt Zarah S. an zu weinen. Auch Kidst Tesfaye weint, sie hat zwei Kinder, die sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Sie erinnert sich, wie der Mann mit dem Messer auf sie losgegangen war. Wie er mit dem Gürtel auf das Gesicht des dreijährigen Sohnes eingeschlagen hatte, was zu einer ganz erheblichen Augenverletzung führte. Fünf Jahre hatte sie in Deutschland gearbeitet, dann belegte sie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit einem Arbeitsverbot. Ihr droht die Abschiebung. Jetzt ist sie ehrenamtlich in der Kinderbetreuung in einer fränkischen Kleinstadt tätig. Nadine Kriebel vom Flüchtlingsrat kritisiert, dass nur zwei Prozent der anerkannten Asylanträge wegen geschlechtsspezifischer Verfolgung angenommen werden.

Genitalbeschneidung in Deutschland kein Grund für Anerkennung als Geflüchtete

Siree Kamara aus Sierra Leone erzählt über drohende und vollzogene Genitalbeschneidungen in ihrer Heimat. Mädchen und junge Frauen würden sich mehr und mehr dagegen wehren. In Deutschland sei dies aber längst kein Grund, um einen Status als Geflüchtete zu erhalten. „Auch nicht die Flucht vor häuslicher Gewalt und Vergewaltigung.“

Viele dieser Frauen unterstützt und begleitet Elshaday Haile vom Projekt Rosa Asyl des Nürnberger Verein Imedana. „Frauen brauchen mehr Schutz“, sagt die gebürtige Äthiopierin, es fehle an Beratungsstellen. „Wenn sie aber zur Polizei gehen, bekommen sie oft nicht so schnell Hilfe.“ In einer Asylunterkunft im fränkischen Kronach habe der Ex-Partner einer Frau immer wieder mit dem Tod gedroht. „Zehn-, 15-mal hatte sie die Polizei angerufen und gesagt, dass er sie umbringen wird“, so Haile. Schließlich sei sie getötet worden, wie auch ihr zweijähriges Kind. „Muss man erst sterben, bis etwas geschieht?“, fragt Haile.

Geflüchtete in Ankerzentren: Hilfe von Polizei vermisst

Das Bayerische Innenministerium weist den Vorwurf des mangelnden Schutzes zurück. „Die Sicherheit in und im Umfeld von Asylunterkünften“, heißt es auf Anfrage in einer Stellungnahme, sei der Regierung „ein wichtiges Anliegen.“ Es gebe speziell geschultes Gewaltschutzpersonal, das die Mitarbeitenden der Unterkünfte sensibilisiere, mit lokalen Fachstellen in Kontakt stehe und bei Gewaltschutzkonzepten unterstütze. Allein reisende Männer sollten von allein reisenden Frauen getrennt untergebracht werden. Auch seien abschließbare Zimmer „im Rahmen der technischen Möglichkeiten“ vorgesehen. Generell absperrbare Räume seien aus Brandschutzgründen nicht möglich. (Patrick Guyton)

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