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Ende 2020: Alia und ihr fünfjähriger Sohn versuchen, durch einen Wald von Bosnien nach Kroatien zu gelangen.
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Ende 2020: Alia und ihr fünfjähriger Sohn versuchen, durch einen Wald von Bosnien nach Kroatien zu gelangen.

Nordbosnien

Flucht nach Europa: Kaltes, grausiges Spiel an der Grenze - EU schaut zu

  • vonAdelheid Wölfl
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3000 Geflüchtete sind seit Mitte Dezember in Nordbosnien ohne jedes Obdach dem harten Winter ausgesetzt. Neue Lager tun Not, aber es fehlt an Geld und am Willen zu helfen.

  • Weiterhin befinden sich tausende Menschen auf der Flucht nach Europa.
  • Im Norden von Bosnien versuchen Geflüchtete, über die Grenze nach Kroatien zu kommen.
  • Die Lebensbedingungen in den Lagern an der Grenze sind prekär, der Winter verschlimmert die Lage für Geflüchtete vor Ort noch.

Bihac - Die Wiese ist verschlammt, die Schuhe nass, die Zehen eisig, die Hosen voll feuchten Lehms. Wer ohne Trekkingschlafsack bei Minustemperaturen für nur eine Nacht in dem Schlamm überdauern will, ist zu bewundern. Für die etwa 250 Menschen, die hier in der Nähe der nordbosnischen Stadt Bihac sitzen, ist das allerdings der Normalfall.

Helfer der Internationalen Organisation für Migration (IOM) haben die Flüchtlinge entdeckt und sind nun mit Bussen gekommen. Sie verteilen Essensrationen an die meist jungen Männer, die sich in einer Reihe auf der Wiese aufstellen. Die Männer kommen aus Pakistan, Afghanistan und Bangladesch. Sie wollen heute wieder einmal versuchen, über die Bergkette, die von hier aus zu sehen ist, hinüber nach Kroatien zu kommen. „The Game“ nennen sie die Versuche, den kroatischen Grenzbeamten zu entwischen. Oft brauchen die Migranten zehn, zwanzig Anläufe. Es gibt Leute, die es 40-mal versucht haben und schon viele Monate außerhalb Bihacs irgendwie überleben. „Das Spiel“ scheint Ähnlichkeiten mit der Aufgabe von Sisyphos zu haben, der in der Unterwelt einen Felsblock einen Berg hinaufwälzen muss, welcher wiederum, fast am Gipfel, jedes Mal wieder ins Tal hinunterrollt.

Geflüchtete in Bosnien: Ähnliche Lage wie andernorts in Europa

Denn immer wieder werden die Menschen von den kroatischen Grenzbeamten zurück nach Bosnien gebracht. Manchmal werden sie auch von den Grenzern misshandelt. Seit Jahren nun machen Geschichten von Gewaltexzessen die Runde. Wenn besonders viele versuchen, die Grenze zu passieren, etwa im Sommer, kommt das öfters vor, dann wieder scheint wochenlang Ruhe zu herrschen.

Die Situation hier an der Grenze ist seit fünf Jahren angespannt. Es ist so ähnlich wie im französischen Calais, wo Flüchtlinge kampieren, um über den Ärmelkanal nach Großbritannien zu gelangen. Oder wie die Situation von Migranten auf Gran Canaria. Das alles ist sehr fern – der Traum, in die EU zu gelangen, ist in Bihac zum Greifen nahe. Die kroatischen Behörden haben aber mittlerweile eine Schneise im Wald gerodet, um die Grenze mit Drohnen besser überwachen zu kommen. Auch ein Zaun soll gebaut werden. Wenn nun der Schnee kommt, gibt es ohnehin keine Chance mehr, über die Berge zu gelangen.

Hilfe für Geflüchtete wird von lokalen Behörden in Bosnien blockiert

Zur Zeit befinden sich etwa 1000 bis 1500 Menschen im Kanton Una-Sana, die im Freien oder in Abbruchhäusern schlafen. Deshalb fordert die EU seit Wochen, dass man die Halle Bira, in der bis zum Sommer Tausende untergebracht waren, wieder öffnet. Doch das Camp Bira ist bei den Ansässigen extrem unbeliebt – es liegt mitten in der Stadt. Und die Bevölkerung von Bihac ärgert sich seit vielen Jahren darüber, dass Tausende von dort aus zur Grenze hin aufbrechen. Man beschwert sich über den Müll, angebliche Einbrüche in leerstehende Wochenendhäuser, dass der Tourismus leidet und über die auch mal in Prügeleien ausartenden Streitigkeiten unter den Neuankömmlingen.

Mittlerweile gab es sogar in Bosnien zwei Morde in den Flüchtlingstrecks – einer davon in Sarajevo. Die Kantonsregierung von Una-Sana will nach all den Jahren die Flüchtlinge nur noch loswerden. Hilfsorganisationen wie das Rote Kreuz – aber auch die vielen Privatinitiativen – werden deshalb daran gehindert den Menschen in der Stadt Essen zu geben, weil sie angeblich dadurch in Bihac gehalten werden.

Harter Winter setzt Geflüchteten zu – EU unterstützt nicht

Der Leiter der IOM-Mission in Bosnien-Herzegowina, Peter Van der Auweraert, warnt, dass die Menschen, die ohne Unterkunft sind, „im Schnee sterben werden“, wenn die Regierung nicht sofort eine Unterbringung zur Verfügung stelle. Das Lager Lipa, etwa 25 Kilometer außerhalb der Stadt, ist nämlich nicht winterfest und müsste dringend aufgerüstet werden, damit die Zelte auch einen harten Winter überstehen können. In Lipa sind zur Zeit 1300 Menschen untergebracht. Seit November gibt es dort keine Unterstützung vonseiten der EU.

„Wir haben seit Monaten gefordert, dass das Lager an Elektrizität und Wasser angeschlossen wird“, sagt Van der Auweraert. „Aber es ist nichts passiert. Die IOM wird noch bis Mittwoch hier in Lipa bleiben, dann wird es hier keinen Strom und kein Wasser mehr geben“, kündigt er an. Einige Lagerinsassen sind bereits aus Lipa fort, weil sie wissen, dass das Camp geschlossen wird. Von dieser Woche an ist die Gesundheit, ja, ist das Leben von insgesamt 3000 Menschen in höchster Gefahr, weil sie im strengen bosnischen Winter bei Kälte und Nässe im Freien ausharren müssen.

Politische Lage in Bosnien macht Situation für Geflüchtete noch schlimmer

In der Nähe von Tuzla wurde zwar eine Kaserne ausgemacht, in der einige Leute unterkommen könnten, aber es fehlt noch immer ein politischer Beschluss, genau so wie für die Wiedereröffnung des Lagers Bira. Beide Unterkünfte sind für das Überwintern lebensnotwendig.

Doch die bosnischen Politikriege bewegt sich nicht. Der bosnische Landesteil Republika Srpska verweigert sogar seit dem Beginn der Migrationsbewegungen jegliche Unterstützung, die Leute werden ausschließlich im Landesteil Föderation betreut. „Wir müssen in dieser Woche eine Lösung finden“, warnt nun Van der Auweraert vor der nahenden humanitären Katastrophe. Um Lipa winterfest zu machen, müssten die Migranten in der Zwischenzeit nämlich auch woanders untergebracht werden.

Camp Lipa in Bosnien: Überwintern unter harten Bedingungen

Shahmeer hat sich ein paar Polster und Decken auf einen Betontisch vor dem Container gelegt. Über ihm flattern ein paar Plastikweihnachtsgirlanden, vor ihm an der Containerwand prangen die afghanische und die bosnische Fahne. Drinnen in dem Container bereiten ein paar junge Männer ein afghanisches Reisgericht zu.

Shahmeer ist seit fünf Monaten hier im Camp Lipa. Etwa 1300 Migranten leben zurzeit in den riesigen weißen Zelten, die eigentlich sonst als Festzelte in der Schweiz verwendet werden. In den Zelten stecken fette Schläuche, die heiße Luft ins Innere pumpen. Sonst könnten die Menschen darin gar nicht überleben. Es hat bereits geschneit und die Temperaturen liegen nun um den Gefrierpunkt.

Geflüchtete im Camp Lipa: Bald kein Dach mehr über dem Kopf

Shahmeer ist trotz der erschreckenden Umstände relativ entspannt – vielleicht, weil er bereits älter ist. Der Mann aus Dschalalabad ist vor zweieinhalb Jahren aufgebrochen, um nach Italien oder Frankreich zu gehen. Mehr als ein Jahr lang war er in einem türkischen Lager. „Dann war ich in Bulgarien, dann in Serbien, dort war das Wetter auch schlecht. Und jetzt hier, wo es auch kalt ist“, listet er die Stationen seiner Odyssee auf. „Ich war bereits 15-mal beim ,Game‘ und jedes Mal haben mich die kroatischen Polizisten zurückgebracht.“ Wenn sie doch durchkommen, versuchen die Flüchtlinge sich weiter nach Slowenien durchzuschlagen und dann nach Italien, wo die meisten untertauchen wollen. Aber viele werden auch aus Italien und Slowenien über Kroatien wieder zurück nach Bosnien-Herzegowina gebracht. Eine Chance, einen legalen Aufenthalt in Europa zu bekommen, hat kaum wer von ihnen.

„Ich habe nicht besonders viel Glück, wenn es um das ,Game‘ geht“, sagt Shahmeer. Er ist aber trotzdem irgendwie gut gelaunt. „Vielleicht komme ich in einem Jahr nach Italien oder in zwei, man weiß es nicht. Es dauert eben.“ Das Camp Lipa, das jetzt bereits heillos überfüllt ist, findet er toll, weil er drei Mal am Tag Essen bekommt, weil er ein Bett hat und die Zelte geheizt werden. „Ich sage immer: Das ist doch besser als gar nichts.“ Shahmeer weiß noch nichts davon, dass er von diesem Donnerstag an gar nichts mehr haben wird. (Adelheid Wöfl)

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