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Auf der Balkanroute: Erfroren im Niemandsland

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Von: Thomas Roser

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Ungarische Grenzpolizisten patrouillieren Mitte Dezember 2022 an der ungarisch-serbischen Grenze.
Ungarische Grenzpolizisten patrouillieren Mitte Dezember 2022 an der ungarisch-serbischen Grenze. © Attila Kisibenedek/afp

Tausende Geflüchtete harren an der ungarisch-serbischen Grenze aus. Auch Kinder sind Schlepperbanden und Grenzern schutzlos ausgeliefert.

Der Nebel über der verfallenen Fabrikhalle lichtet sich nur zögerlich. Weißer Reif hat in der klirrend kalten Nacht die Müllberge vor der Industrieruine am Ortsausgang der nordserbischen Provinzstadt Sombor überzogen. Bibbernd versuchen sich zwei übernächtigte Jugendliche an einem kokelnden Feuer zu wärmen. Sie seien aus Syrien und könnten kein Englisch, erklären sie auf Arabisch. Schulterzuckend weist ein bärtiger Jemenite auf einen Pfad, der durch das Gestrüpp zu einer heruntergekommenen Lagerhalle führt: „Vielleicht findest du in dem Hangar jemanden, der mit dir sprechen kann.“

Der abgehärmte junge Mann mit dem müden Blick stellt sich als Hassan und Lehrer aus der syrischen Kurdenhochburg Qamishli vor. „Bei uns ist Krieg“, sagt der studierte Ökonom, darum habe er seine Heimat in Richtung Deutschland verlassen. Er wolle ein „anderes, normales Leben“, sagt der Kurde: „Aber der Weg ist schwer, sehr schwer.“

Hassan kommt aus Syrien, er ist Lehrer - und wünscht sich eine Zukunft

Die EU-Grenzbehörde Frontex vermeldete jüngst den größten Andrang an den EU-Außengrenzen seit 2016: Fast die Hälfte der 30 8000 in den ersten elf Monaten des Jahres registrierten illegalen Einreisen oder versuchten Einreisen in die EU sei über die sogenannte Balkanroute erfolgt. Laut Angaben von Serbiens Flüchtlingskommissariat ist die Zahl der offiziell registrierten „Transitmigrant:innen“ bis Dezember um mehr als 100 Prozent auf 116 312 gestiegen.

Den meisten von ihnen ist mittlerweile die Weiterreise geglückt. Neben den rund 5200 Menschen, die sich derzeit offiziell in Serbiens völlig überfüllten Auffanglagern aufhalten, harren im Grenzgebiet zu Ungarn bis zu 3000 Menschen in Privatquartieren, verlassenen Ruinen oder unter freiem Himmel aus.

Hauptrouten der sogenannten Balkanroute
Die Balkanroute © FR-Grafik

Aufgebracht weist vor dem wilden Flüchtlingslager in Sombor ein junger Mann auf seinen eingegipsten Arm. Zwei Tage zuvor hätten ungarische Grenzpolizisten seinem Gefährten mit Knüppelschlägen den Arm gebrochen, übersetzt Hassan in holprigem Englisch. Ein anderer zeigt stumm die schlecht vernarbten Bisswunden an den Beinen. „Bulgariens Polizei hetzte Hunde auf uns und nahm uns unser Geld ab,“ berichtet Hassan. Tagelang sei er mit den Schicksalsgenossen „ohne Nahrung“ durch die bulgarischen Berge nach Serbien gezogen: „Es war sehr kalt. Einer von uns ist in den Wäldern gestorben.“

70 Prozent der Geflüchteten, die durch Serbien ziehen, stammten aus Syrien und Afghanistan, sagt Milica Svabic von der Hilfsorganisation klikAktiv in Belgrad. Die vermehrten Bewegungen auf der Balkanroute seien einerseits mit den Spätfolgen der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan zu erklären. Andererseits habe die Türkei begonnen, Geflüchtete nach Syrien abzuschieben oder ihre Aufenthaltsgenehmigungen nicht mehr zu verlängern: „Viele Syrer, die in den letzten Jahren in der Türkei lebten, machen sich nach Westen auf.“

Schlepper führen die Menschen gezielt an die ungarische Grenze

Derzeit gelange der Großteil der Menschen von der Türkei über Bulgarien nach Serbien, so Svabic: „Von hier versuchen die meisten über Ungarn nach Westen zu kommen.“ Neben Zäunen und Patrouillen seien es die Schleppernetzwerke, die für die ständigen Umleitungen der Balkanroute sorgten: „Letztendlich sind es die Schlepper, die den Routenverlauf bestimmen. Auf eigene Faust ist – anders als bis vor eineinhalb Jahren – fast niemand mehr unterwegs.“

Mit den „besonders stark entwickelten“ Schleppernetzwerken in Serbien und Ungarn erklärt die Anwältin, dass die Hauptroute seit Sommer vergangenen Jahres erneut über das Land mit den höchsten Stacheldrahtzäunen verläuft: „Logisch ist die Passage über Ungarn keineswegs. Objektiv wäre es derzeit leichter, über Kroatien nach Westen zu gelangen“. Auch, weil es dort nicht mehr so häufig zu Pushbacks komme. Die Schlepper aber führten „die Leute gezielt an die ungarische Grenze“.

In Ungarn würden die Schlepper zum Weitertransport nicht an der Grenze, sondern in Weilern oder Gehöften im Hinterland auf ihre Kundschaft warten: „Bis dorthin müssen sich die Leute allein durchkämpfen.“ Direkt am Grenzzaun seien ungarische Grenzer, in einem „zweiten Gürtel“ im Hinterland meist österreichische und deutsche Beamte stationiert, so Svabic: „Die Leute gelangen mit Leitern auf die Zäune, verletzen sich aber häufig beim Sprung nach unten. Mit gebrochenen Beinen werden sie schon am Zaun gefasst und abgedrängt.“

Vor allem unbegleitete Minderjährige sind völlig schutzlos

Lange Zeit sei die bosnisch-kroatische Grenze „am brutalsten“ überwacht gewesen. Nun intensiviere sich mit der gestiegenen Zahl der Grenzgänger erneut in Ungarn der Prügeleinsatz. Im Gegensatz zu den ungarischen Polizisten seien die dort eingesetzten Auslandsbeamten „normalerweise nicht gewalttätig“: „Wenn sie die Flüchtlinge aufgreifen, übergeben sie die Leute den ungarischen Kollegen, die sie zurück zur Grenze befördern – und nach Serbien abdrängen.“

Vor allem alleinreisende Kinder und Minderjährige seien auf der Balkanroute „sehr starker Ausbeutung und Gewalt“ ausgesetzt, berichtet Tanja Ristic von der Kinderhilfsorganisation Save the Children in Belgrad. Sexuelle Gewalt sei für die Schlepper „auch eine Art, die Kinder zu kontrollieren“. Im Gegenzug für Hilfsdienste beim Menschenschmuggel erhielten mittellose Minderjährige das „oft nicht eingelöste Versprechen“ einer schnelleren Passage nach Westen. Gleichzeitig würden sie an den Grenzen auch von der Polizei Gewalt erfahren: „Kinder, die ohne Familien unterwegs sind, haben niemanden, auf den sich stützen können – und stützen sich daher auf die Schlepper.“

Eltern schicken eines ihrer Kinder fort - es klingt wie ein grausames Märchen

Bei den Jugendlichen aus Afghanistan handele es sich meist um Minderjährige von 15 Jahren „und aufwärts“, sagt Svabic: „Bei den Syrern sind oft Kinder von zwölf Jahren und jünger allein unterwegs.“ Oft hätte deren Eltern keine Vorstellung, wie Familienzusammenführung funktioniere: „Sie denken, dass es der sicherste Weg ist, den ältesten Sohn mit zwölf Jahren auf die Reise zu schicken. Sie glauben, dass er in Deutschland automatisch Papiere und Asyl erhält – und der Rest der Familie nachkommen kann. Was so nicht stimmt.“

Ihre Organisation versuche den Eltern in den Herkunftsländern die Gefahren für ihre Kinder aufzuzeigen, sagt Ristic: „Aber oft ist ihre Verzweiflung so groß, dass sie ihre Kinder trotz des Wissens um die Risiken dennoch auf die Reise schicken.“ Den Kindern wiederum mache „der Erwartungsdruck der Familien zu schaffen“: „Selbst stark ausgebeutete Kinder entscheiden sich daher selten, in einem der Transitländer zu bleiben und sich dort eine Existenz aufzubauen.“

Im Schnitt seien die von ihr befragten Jugendlichen bereits vier Jahre unterwegs, so Ristic: „Das sind vier verlorene Jahre mit traumatischen, sehr prägenden Gewalterfahrungen, ohne Unterstützung, ohne Gelegenheit, sich zu entwickeln. Sie wachsen mit der Erfahrung von Gewalt als Teil des Lebens auf. Die große Frage ist, welche Folgen das später haben wird. Und was mit ihnen geschieht, wenn sie nach fünf, sechs Jahren endlich an ihr Ziel gelangen.“

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