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Flucht aus Afghanistan – Die große Angst um die Familie

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Von: Ursula Rüssmann

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Alltag in Kabul: Seit die Taliban über Afghanistan herrschen, hat sich die Situation für Frauen grundlegend verschlechtert.
Alltag in Kabul: Seit die Taliban über Afghanistan herrschen, hat sich die Situation für Frauen grundlegend verschlechtert. © AFP

Eine aus Afghanistan Geflüchtete schildert die schrecklichen Erlebnisse ihrer Familie mit den Taliban – und wie schwer es für sie ist, Angehörigen zu helfen.

Frankfurt – Wer lächelt, weint nicht, und so ist es auch bei Meena S. Nie verlässt dieser freundliche Ausdruck ihr Gesicht. Auch nicht, als sie von der Schwester erzählt, die verschleppt und vergewaltigt wurde. Vom Vater, der darüber einen Schlaganfall bekam. Vom Bruder, der in Taliban-Haft misshandelt wurde. Vom Schwager, den die Islamisten mit Messerstichen fast umbrachten. Von ihrer eigenen Flucht nach Deutschland, schon 2014. Vom Herzrasen und den anderen Krankheiten, die sich bei ihr in den vergangenen Monaten eingestellt haben. Und von ihrem Mann Rahim, mit dem sie drei kleine Kindern hat: Ihm gehe es inzwischen auch schlechter, sagt sie, „er hat so große Sorgen um seine Geschwister“.

Wir treffen uns um die Mittagszeit in einer Frankfurter Kirchengemeinde, eine Helferin ist mit dabei, die sie seit Monaten unterstützt. S. kommt vom Deutschkurs, die kleine Tochter im Kindersitz, denn die Kita hat unerwartet früher geschlossen. Das Mädchen schläft bald ein, liebevoll mit einer Jacke zugedeckt von der 35-Jährigen, während die keine Sekunde verliert, von der Gewalt der Taliban zu erzählen, in ihrer Heimat Masar-i-Scharif in Nordafghanistan.

Meena und ihr Mann Rahim haben studiert und in Afghanistan beim Rundfunk gearbeitet, sie als Moderatorin, er als Kameramann. Schon damals gab es wiederholt Drohungen und Übergriffe, denn sie gehörten zu denen, die für das neue Afghanistan standen. 2014 mussten sie wegen der wachsenden Gefahr fliehen, über den Iran, die Türkei, per Boot nach Griechenland und dann nach Deutschland. 2015 wurden sie als Flüchtlinge anerkannt und haben heute eine Aufenthaltserlaubnis. Sie sind in Sicherheit. Und könnten hier in Ruhe leben, aber die Angst um ihre Verwandten zehrt sie auf. Sie wollen sie alle herholen.

Flucht aus Afghanistan: Deutschlands Türen sind im Moment praktisch zu

Ein Kraftakt ist das, denn die Familie ist groß, es geht um insgesamt gut 30 Menschen. Und Deutschlands Türen für Afghan:innen sind im Moment praktisch zu. Das Ortskräfteverfahren greift nicht, die Listen für gefährdete Aktivist:innen wurden schon im Herbst geschlossen. Das von der Ampel-Koalition fest versprochene Aufnahmeprogramm verzögert sich immer mehr und könnte viel bescheidener ausfallen, als von Beratungsstellen erhofft und von Betroffenen benötigt. Dass gerade Hunderttausende aus der Ukraine in Deutschland Schutz suchen, dürfte auch nicht gerade hilfreich sein.

Dabei gehören die Familien von Meena und Rahim zu jener Schicht ihrer Heimat, die sich für westliche Werte engagierte und große Hoffnungen mit der internationalen Intervention verbunden hat. Ihre Geschwister, gerade die Frauen, nutzten die dadurch eröffneten Freiräume, alle haben Schul- oder Hochschulabschlüsse, mehrere arbeiteten als Journalist:innen oder Dozent:innen. Das alles ist gescheitert, jetzt sind sie auf der Flucht. Die Familien sind regional bekannt, das macht sie umso mehr zur Zielscheibe.

Meenas Schwester Rana R. hat, wie Belege zeigen, nicht nur als Model für afghanische Mode gearbeitet, sondern auch Gesundheitssendungen für Radio Bostan in der nördlichen Provinz Balkh gestaltet. Rahims Schwester Schabnam S. und seine Schwägerin Fahar waren politische Journalistinnen beim Regionalsender Naw Bahare Balkh, was übersetzt „Neuer Frühling für Balkh“ heißt – ein programmatischer Name. Der Sender wurde unter anderem unterstützt von der US-amerikanischen NGO Internews, die sich in vielen Ländern für Medienfreiheit einsetzt. Überhaupt gingen in den Provinzen außerhalb Kabuls Anfang der 2000er zahlreiche kleine Sender neu an den Start, teils gefördert durch westliche Gruppen. Es war der Versuch, mehr Information und Aufklärung auch in die Landesteile zu bringen, in denen die Analphabetisierungsquote besonders hoch ist.

Flucht aus Afghanistan: Ehemalige Journalistinnen fürchten um ihr Leben

Doch seit der Machtübernahme der Taliban sind die meisten der Sender geschlossen, die früheren Mitarbeiter:innen fürchten um ihr Leben. Laut einem Bericht von Human Rights Watch (HRW) vom März dieses Jahres haben die neuen Herrscher den gewaltsamen Druck auf Medien vor allem auf dem Land dramatisch verschärft. „Die Lage für Journalisten ist außerhalb Kabuls deutlich gefährlicher als in der Hauptstadt, vor allem für Frauen“, so HRW. Vier von fünf Journalistinnen seien inzwischen ohne Job.

Rana R., als Model und Medienschaffende den Taliban doppelter Dorn im Auge, bekommt das gleich im August zu spüren. Von ihr liegt eine schriftliche Schilderung ihrer dramatischen Ereignisse vor: Demnach überfallen Talibaneinheiten das Familienhaus beim Einmarsch in Masar-i-Scharif und misshandeln die Angehörigen. Rana R. wird verschleppt und bleibt drei Wochen verschwunden. Sie kann sich nur durch Zufall befreien, weil ihre Bewacher in Scharmützel mit Regierungskräften verwickelt werden. In der Gewalt der Taliban sei sie schwer misshandelt, mit heißem Wasser an den Beinen verbrannt und vergewaltigt worden, berichtet ihre Schwester Meena. Handyfotos zeigen massive Schwellungen in Rana R.s Gesicht.

Der Vater, ein Hochschuldozent, erleidet durch die Aufregung einen Schlaganfall und kann seitdem kaum mehr sprechen. Ihr Bruder hält während einer Demonstration für Frauenrechte ein Schild mit der Frage „Wo ist meine Schwester Rana?“ in die damals noch präsenten Medien-Kameras – er wird zeitweise festgenommen und schwer misshandelt. Rana R. selbst muss sich mit ihren vier Kindern seither verstecken und wechselt immer wieder den Wohnort, ist ihrer Schwester zufolge traumatisiert von dem Erlebten. Ranas Mann, auch Journalist, versteckt sich ebenfalls.

Flucht aus Afghanistan: Das Auswärtige Amt macht nur wenig Hoffnung

In diesem dramatischen August tut die Frankfurterin Meena S. nach dem ersten Schock sofort das Richtige. Sie fragt sich über die Frankfurter Polizei und die Bundespolizei bis zum Auswärtigen Amt durch und bekommt auch wichtige Hilfe im Sprachcafé der Kirchengemeinde. So schafft sie etwas, das heute längst unmöglich geworden ist: Ihre Geschwister, deren Kinder und die Eltern, insgesamt 17 Menschen, werden bald auf die Regierungsliste besonders gefährdeter Afghan:innen aufgenommen und erhalten Aufnahmezusagen Deutschlands. Sie schlagen sich erst nach Kabul und dann nach Islamabad durch und treffen schließlich im Januar in Deutschland ein.

Aber freuen kann sich Meena S. heute darüber nicht mehr wirklich. Ihre Lippen zittern, das feine Lächeln ist verschwunden. „Es ist schwer“, sagt sie und atmet tief durch, die Schwester Rana sei ja weiter in höchster Gefahr: „Wir wissen gar nicht genau, wo sie ist, und sie ist allein mit den Kindern. Wenn die Taliban sie finden, werden sie sie töten oder als Geisel nehmen und uns erpressen“, befürchtet die junge Afghanin. Die Angehörigen ihres Mannes Rahim haben es inzwischen zwar bis nach Dschalalabad geschafft, nicht weit von Pakistan. Doch ob sie die Grenze ohne Visum passieren können, ist fraglich. Würde Rahims Bruder getötet, drohe den zwei erwachsenen Schwestern die Zwangsverheiratung: „Mein Mann liegt deshalb nachts wach“, sagt Meena S..

Das Auswärtige Amt macht der Familie nur wenig Hoffnung. Auf den Aufnahmeantrag von Rahim S. für seine Geschwister antwortet es Anfang Mai, zwar seien deren Lebensumstände „zutiefst beklemmend“, das reiche aber nicht für die Anerkennung dringender humanitärer Aufnahmegründe. Denn die Probleme der Familie könnten nicht „als singuläres Einzelschicksal bewertet werden (…), das sie von anderen vergleichbaren Biografien unterscheidet“. Was man in etwa so verstehen kann: Da es vielen im Land so geht, ist es nicht außergewöhnlich genug. Ähnliche Schreiben werden derzeit häufig verschickt.

Flucht aus Afghanistan: Die Zeit rennt ihnen davon

Immerhin gibt das Ministerium einen konkreten Tipp: Es rät, einen Antrag auf Familienzusammenführung nach Paragraf 36 (2) des Aufenthaltsgesetzes zu stellen – der erlaubt, anders als sonst auch, den Nachzug erwachsener Geschwister nach Deutschland, wenn „besondere Härten“ vorliegen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Familie sei das, aber die Hürden seien sehr hoch, wie die Hilfsorganisation Pro Asyl sagt. Außerdem müssen Afghan:innen dafür persönlich bei der deutschen Botschaft in Islamabad vorsprechen. Die Wartezeit für einen Termin dort derzeit: mindestens ein Jahr. Pro Asyl und die Diakonie haben die Bundesregierung denn auch gerade erst an ein weiteres uneingelöstes Versprechen aus dem Koalitionsvertrag erinnert: den Familiennachzug endlich zu beschleunigen.

Meena S. und ihr Mann Rahim bekommen die Hindernisse jeden Tag zu spüren. Die Zeit rennt ihnen davon, die Ohnmacht nagt, fast täglich erhalten sie Hilferufe ihrer Verwandten aus Afghanistan. Wie nehmen sie es da wahr, dass Zehntausende ukrainische Geflüchtete hier große Offenheit erleben und viele Unterstützungsangebote bekommen? Die junge Afghanin, die unter anderem in Tadschikistan studiert hat, wählt ihre Worte mit Bedacht. „Ich bin 35 Jahre alt. Ich habe 28 Jahre lang im Bürgerkrieg gelebt, unser Elternhaus wurde fünfmal zerstört, immer mussten wir umziehen. Ich kann nachfühlen, wie es den Menschen in der Ukraine geht“, sagt sie. Die Menschen bräuchten die Hilfe. Aber: „Auch in Afghanistan sterben jetzt jeden Tag Menschen, weil sie für mehr Freiheit und mehr Demokratie eingetreten sind. Wir sollten doch alle die gleichen Rechte haben.“ (Ursula Rüssmann)

Alle Namen afghanischer Betroffener wurden von der Redaktion geändert.

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