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Wie der Papst Flüchtlingen Hoffnung schenkt

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Von: Frank Nordhausen

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Messe des Papstes mit Geflüchteten auf Zypern Anfang Dezember: Franziskus wollte ein Zeichen für mehr Solidarität setzen.
Messe des Papstes mit Geflüchteten auf Zypern Anfang Dezember: Franziskus wollte ein Zeichen für mehr Solidarität setzen. © AFP

Monatelang sitzen zwei Geflüchtete aus Kamerun in der Pufferzone des geteilten Zypern fest – dann kommt der Papst.

Zypern - Sie liegen dem Papst besonders am Herzen, die beiden jungen Leute aus dem westafrikanischen Kamerun, die ihm am vergangenen Freitag im Vatikan gegenüberstehen. Die 24-jährige Grace Enjej erzählt später, sie sei in dem Moment ganz ruhig gewesen, dabei hätte sie lauthals jubeln und tanzen mögen: „Der Papst hat uns allen die Hand gereicht!“

Ihre kräftige Stimme überschlägt sich fast am Telefon. „Ich bin so glücklich! So glücklich und so dankbar!“ Und der 21-jährige Daniel Ejuba berichtet nach dem Treffen mit dem Pontifex, nie hätte er es für möglich gehalten, dass ihre Geschichte so fantastisch ausgehe: „Mein Gefühl ist so: Oh mein Gott!“

Die Lage sieht zuerst hoffnungslos aus

An einem Spätsommertag trifft die FR Grace Enjej und Daniel Ejuba zum ersten Mal in Zypern. Mitten in der von den Vereinten Nationen bewachten, entmilitarisierten Pufferzone in der geteilten Hauptstadt Nikosia. „Wir wissen nicht, was aus uns werden soll“, sagte der schlanke, wortkarge Daniel Ejuba in seinem kamerunischen Englisch. Die klein gewachsene, kurzhaarige Grace Enjej meinte: „Es scheint überhaupt keinen Ausweg für uns zu geben.“ Die beiden Studierenden hockten vor ihrem kleinen Zelt und fragten sich, wie sie in diese „verdammte Klemme“ geraten konnten.

Seit Ende Mai schon saßen sie im Niemandsland zwischen dem türkischen Nord- und dem griechischen Südzypern fest, anfangs zusammen mit einem weiteren Kameruner.

„Wir sind immer wieder zum griechischen Checkpoint gelaufen und haben verzweifelt um Asyl gebeten“, erzählten Grace und Daniel. „Vergeblich. Aber wir konnten ja nicht länger in Kamerun leben, dort war es für uns lebensgefährlich.“

In ihrer Heimat eskaliert seit 2017 ein blutiger Bürgerkrieg. Nach Jahrzehnten der Unterdrückung erhoben sich im englischsprachigen Süden Separatisten gegen die Regierung des mehrheitlich französischsprachigen Landes. Die Armee reagierte grausam, mehr als hundert Dörfer wurden niedergebrannt, tausende Menschen getötet. Über eine halbe Million Kameruner flohen nach Nigeria oder Ghana.

Unser Dorf wurde 2020 zerstört, zwei Männer erschossen, wir mussten mehrfach in den Busch fliehen

Grace Enjej

Dörfer niedergebrannt, Zivilisten erschossen

„Unser Dorf wurde 2020 zerstört, zwei Männer erschossen, wir mussten mehrfach in den Busch fliehen“, berichtete Grace Enjej. Dort sei sie den sexuellen Attacken eines Onkels ausgesetzt gewesen. Ein Freund sammelte Geld für sie und kaufte ihr das Flugticket nach Zypern.

Daniel Ejuba sagte, dass ihn die berüchtigte Separatistengruppe „Red Dragons“ zwangsrekrutieren wollte und sein Vater deshalb 4000 Euro Schulden machte, um ihm Flucht und Studium in Zypern zu ermöglichen: „In meinem Dorf tötete die Armee sogar einen Lehrer und zwei junge Schüler.“

Der dritte Kameruner namens Emil T. war selbst Soldat und desertierte, weil er sich nicht an den Menschenrechtsverletzungen beteiligen und nicht „gegen meine eigenen Brüder kämpfen“ wollte, wie er bei einem Gespräch sagte. Er habe befürchtet, gefoltert und getötet zu werden.

Doch wieso gerade Zypern? Vor drei Jahren entdeckten Menschenschmuggler, dass die UN-kontrollierte „Green Line“ leicht zu überwinden und damit ein ideales Einfallstor in die „Festung Europa“ ist. Die 184 Kilometer lange entmilitarisierte Zone war nie als Staatsgrenze konzipiert worden. Und nun zeigte sich auch, dass sie löchrig ist wie ein Sieb.

Professionelle Schlepper locken nach Zypern

In Kamerun werben professionelle „Agenten“ für die Passage „nach Europa“ über die Türkei nach Zypern, da ihre Landsleute dort kein Einreisevisum bräuchten. Sie verschweigen, dass Zypern geteilt ist und der Norden nur de jure, aber nicht de facto nicht zur EU gehört. Tatsächlich wussten die drei Kameruner nichts über die politische Lage auf der Insel, als sie, unabhängig voneinander, im Frühjahr im Norden landeten. In ihren Dörfern gab es kein Internet, um sich vorab zu informieren. „Ich wusste nur, dass Zypern in Europa liegt“, sagte Daniel Ejuba. „Es war ein Schock, als ich feststellte, wo ich angekommen war“, fügte Grace Enjej hinzu.

Zypern ist geteilt, seit 1974 türkische Truppen nach einem griechischen Militärputsch mehr als ein Drittel der Insel besetzten. Das gesamte Eiland ist zwar seit 2004 offiziell EU-Mitglied, doch ist das Gemeinschaftsrecht im okkupierten Norden „ausgesetzt“. Die Inselteile trennt die von den UN-Blauhelmen kontrollierte sogenannte „Green Line“. In Nikosia, der letzten geteilten Hauptstadt der Welt, zieht sich die Demarkationslinie mitten durch die pittoreske Altstadt.

Das Vorgehen war nicht nur unmenschlich, sondern auch ungesetzlich

Doros Polykarpou, Bürgerrechtler

Im Nicht-EU-Teil gelandet

Als den drei Kamerunern im türkischen Nordzypern das Geld ausging, sahen sie, jede*r für sich, nur noch einen Weg, um nicht zwangsabgeschoben zu werden: die Flucht in den griechischen Süden. Ein Schleuser versammelte sie Ende Mai nachts an der Festungsmauer in Nikosia und zeigte ins Dunkel: „Springt runter und ihr seid in der EU!“ In Wahrheit landeten sie in der Pufferzone und wurden Minuten später von einer UN-Patrouille aufgegriffen. Anders als üblich überstellten die Blauhelme sie aber nicht an die Südzyprioten, sondern überließen sie ihrem Schicksal. Fortan waren die Flüchtlinge im Niemandsland gefangen.

Ihr Glück im Unglück: Genau an dieser Stelle der „Green Line“ existiert ein Übergang zwischen den „zwei Zypern“ mit dem „Home for Cooperation“, einem Begegnungsort für griechische und türkische Zyprioten. Deren Betreiber erlaubten den Kamerunern, Toilette und Dusche zu benutzen. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR sorgte für Essen und Wasser. Ein Mitarbeiter der US-Botschaft schenkte den Geflüchteten ein Zelt, eine portugiesische Diplomatin brachte Kleidung. Internationale Medien berichteten. Doch jeder Versuch des Trios, am griechischen Checkpoint Asyl zu beantragen, wurde rigoros abgewehrt. „Sie sagten, der Innenminister hätte gesagt, er könnte uns nicht reinlassen“, erzählte Grace. Als sie einmal schwer erkrankte, ließen die Grenzposten sie zwar ins Krankenhaus bringen, doch wurde sie nach der Genesung wieder in der Pufferzone ausgesetzt.

Wie in Belarus war das zyprische Drama nicht nur lokalen Umständen, sondern auch einem Versagen der europäischen Politik geschuldet: der Tatsache, dass sich die Länder an der EU-Außengrenze von den anderen Mitgliedsstaaten im Stich gelassen fühlen – und darauf mit Härte gegen Asylsuchende reagieren. Selbst als es Emil T., mit 34 Jahren der Gruppenälteste, Anfang Oktober wegen hohen Fiebers gestattet wurde, in einem Flüchtlingslager Südzyperns unterzukommen und einen Asylantrag zu stellen, mussten die beiden anderen im Niemandsland bleiben. Eine Anfrage der Frankfurter Rundschau zu den Gründen der Ungleichbehandlung ließ das Innenministerium in Nikosia unbeantwortet.

Die Pufferzone darf nicht zum neuen Einfallstor werden

Nicos Nouris, Innenminister von Zypern

Regierung fürchtet Präzedensfall

Von ihrem Zelt aus konnten die Flüchtlinge direkt auf die massive venetianische Festungsmauer blicken. „Wir dürfen die Hoffnung nicht verlieren“, sagte Grace bei einem letzten Treffen Ende November, als sie und Daniel bereits sechs Monate festsaßen. Der Weg nach vorn war ihnen noch immer ebenso versperrt wie der Weg zurück. Nordzypern kennt kein Asylrecht, und Südzypern mit seinen rund 900 000 Einwohnern ächzt unter der höchsten Pro-Kopf-Zahl erstmaliger Asylbewerber in der EU. Die Aufnahmelager sind längst über ihre Kapazitäten hinaus belegt.

Im griechischen Teil der Insel sind laut offiziellen Angaben von Januar bis Ende Optober bereits 12 000 Migranten eingetroffen, gut 38 Prozent mehr als im gesamten Vorjahr. Rund 85 Prozent von ihnen kamen illegal über die „Green Line“ aus dem Norden. Eine völlig neue rechtliche Diskussion über das Niemandsland eröffnete der südzyprische Innenminister Nicos Nouris, als er den drei Kamerunern das Recht verweigerte, einen Asylantrag zu stellen. „Die Pufferzone darf nicht zum neuen Einfallstor werden“, verkündete der Minister. Würde sein Land die drei Migranten einreisen lassen, würden bald „Tausende folgen“.

„Das Vorgehen war nicht nur unmenschlich, sondern auch ungesetzlich“, entgegnet der Bürgerrechtler Doros Polykarpou, Chef des Flüchtlingshilfsvereins Kisa in Nikosia. Es widerspreche der zyprischen Verfassung und dem EU-Recht, Asylbewerber ohne Anhörung abzuweisen. Auch der UNHCR forderte mehrfach, die Pufferzonenmigranten müssten Zugang zu einem Asylverfahren erhalten. Vergeblich.

Daniel Ejuba und Grace Enjej vor ihrer Rettung im Niemandsland auf Zypern.
Daniel Ejuba und Grace Enjej vor ihrer Rettung im Niemandsland auf Zypern. © Frank Nordhausen

Dann kam der Papst. Franziskus reiste Anfang Dezember für eine Woche nach Zypern und Griechenland. Seine Reise widmete er den Geflüchteten, die an die Tore der EU pochen. Er besuchte Flüchtlingslager und erinnerte an das Leid der Migranten im Mittelmeer und an der belarussisch-polnischen Grenze. Und er versprach, 100 Geflüchtete, je zur Hälfte aus beiden Besuchsländern, Christen und Muslime, mit nach Rom zu nehmen, um ihnen dort politisches Asyl zu verschaffen. Er wollte, wie er sagte, vor Weihnachten „ein Zeichen der Solidarität“ setzen. Er forderte die Regierungen Europas auf, die vor Krieg und Armut Geflohenen als „Brüder und Schwestern mit den offenen Armen von Christenmenschen“ aufzunehmen.

Als der Papst am 2. Dezember in Zypern eintraf, gingen am Abend drei „sehr nette, höfliche“ Abgesandte des Vatikans zum Zelt von Grace und Daniel. „Gerade als wir völlig verzweifelten, wendete sich alles zum Guten“, erzählt Grace Enjej. „Als sie uns die Abreise nach Italien anboten, habe ich geweint vor Freude!“ Der Vatikan hatte dazu eine Absprache mit italienischen und zyprischen Behörden getroffen.

Das war der schönste Tag in meinem Leben

Daniel Ejuba

„Rettungsring für den Innenminister“

Schon am nächsten Morgen trafen die jungen Leute und alle anderen glücklichen „Ausreiser“ mit dem Papst zu einem ökumenischen Gebet zusammen. „Das war der schönste Tag in meinem Leben“, sagt Daniel Ejuba. Anschließend durften die beiden einen Asylantrag stellen. „Wahrscheinlich war der Innenminister froh, dass ihm der Papst einen Rettungsring aus der lästigen Problemlage zuwarf“, meint Flüchtlingshelfer Doros Polykarpou.

Vor allem aber sei es dem Pontifex um die Rettung der beiden jungen Leute aus Kamerun gegangen, deren Schicksal er in den Medien aufmerksam verfolgt habe, erläutern Mitarbeiter der katholischen Hilfsorganisation Caritas in der zyprischen Hauptstadtadt Nikosia. Als Franziskus am vergangenen Freitag in Rom mit der ersten Gruppe der geretteten Flüchtlinge aus Afrika und Syrien zusammentrifft, sind auch Grace und Daniel dabei. Die sechs Frauen und vier Männer sind tags zuvor aus Zypern in die italienische Hauptstadt geflogen. Hier begegnen sie dem Papst zum zweiten Mal in nur drei Wochen, ausgerechnet an seinem 85. Geburtstag.

Der Fluchtweg.
Der Fluchtweg. © FR

Im Vatikan nimmt sich das Oberhaupt der katholischen Kirche zwei Stunden Zeit, um mit den zehn Asylsuchenden zu sprechen. Franziskus wendet sich persönlich an die beiden Kameruner. „Jetzt seid ihr hier. Ihr, die Flüchtlinge aus der Pufferzone!“ Dann habe er sie gebeten, ihre Geschichte zu erzählen, sagt Grace Enjej. Als sie sich überschwänglich für die Hilfe bedankten, habe er zu ihnen gesagt: „Mein Glückwunsch, ihr seid gesegnet“, erzählt Daniel Ejuba. Für Asyl, Unterkunft und Verpflegung sei in Rom mindestens ein Jahr lang gesorgt. Zuerst aber sollten sie Italienisch lernen.

Anschließend möchte Grace Finanzwirtschaft, Daniel Computerwissenschaften studieren. Ihre Familien und Freunde in Kamerun haben die beiden nach der Ankunft in Rom per WhatsApp informiert – soweit möglich. Seinen Vater könne er nicht erreichen, klagt Daniel, „weil er vor dem Militär wieder in den Wald flüchten musste“. Auch wenn ihr Weg nach Zypern sie zunächst ins Niemandsland geführt habe, bereue sie ihre Flucht nicht, sagt Grace Enjej. „Es war die beste Entscheidung meines Lebens.“ Sie fügt, von Rührung überwältigt, hinzu: „Mir kommt unsere Rettung immer noch wie ein Traum vor.“ (Frank Nordhausen)

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