Algerien

Flötentöne von der Militärspitze

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Algeriens Armeechef Ahmed Gaid Salah, bislang stets ein treuer Vasall von Staatschef Bouteflika, umgarnt die demonstrierenden Menschen des Landes - ein Porträt.

Seine Zornesausbrüche sind so legendär wie gefürchtet. In geselliger Runde gilt der untersetzte General als Genießer, als Liebhaber feiner Küche und genüsslicher Raucher. Mindestens einmal in der Woche lässt sich der beleibte 79-Jährige irgendwo im Land bei der Truppe blicken und achtet genau darauf, dass jeder Schritt später auch auf Facebook erscheint. Ahmed Gaid Salah ist der oberste Soldat Algeriens, ein Mann, der über einen Militäretat von zehn Milliarden Dollar pro Jahr verfügt und zur absoluten Machtspitze Algeriens gehört.

Lange wehrte der Vater von sieben Kindern jede Kritik an seinem Förderer und Gönner Abdelaziz Bouteflika kategorisch ab. Selbst nach der ersten Woche der Massenproteste gegen dessen fünfte Amtszeit warnte er grollend die Demonstranten, die Armee werde die Zügel in der Hand behalten und „die errungene Sicherheit und Stabilität Algeriens“ garantieren. Er als Generalstabschef werde nicht zulassen, dass das Land in das „dunkle Jahrzehnt“ zurückfalle, eine unverhohlene Anspielung auf den Bürgerkrieg in den neunziger Jahren, der 200 000 Menschen das Leben kostete.

Geboren wurde Ahmed Gaid Salah am 13. Januar 1940 in der Berber-Ortschaft Ain Yagout im Nordosten Algeriens. Wie Bouteflika kämpfte der junge Mann in der Nationalen Befreiungsarmee gegen die französischen Besatzung. Nach der Unabhängigkeit ging er an die sowjetische Militärakademie Vystrel bei Moskau, wo er als Offizier eine Artillerieausbildung erhielt. 1994, auf dem Höhepunkt des Bürgerkrieges, wurde er Chef des Heeres. 2004 ernannte ihn Bouteflika zum Oberkommandierenden der Armee, ein zentraler Machtposten, den er seit 15 Jahren bekleidet. Dem Präsidenten hält Salah dafür bis heute eisern die Treue. „Ich werde dem Freiheitskämpfer Bouteflika dienen bis zum letzten Atemzug“, rief er 2013 aus, als ihn der Staatschef zusätzlich zum Vize-Verteidigungsminister beförderte.

Je lauter jedoch die Forderungen des Millionenheers von Demonstranten werden, zusammen mit Bouteflika auch das gesamte Machtsystem zu stürzen, desto sanfter werden die Töne des aufbrausenden Armeechefs. Algerien und die Armee seien stolz auf ihr Volk, flötete er am Wochenende bei einer Feier in der Militärakademie von Rouiba. Militär und Bevölkerung hätten die gleichen Werte und eine gemeinsame Vorstellung von der Zukunft, behauptete er. Ausdrücklich lobte er den friedlichen und zivilen Charakter der Protestmärsche und betonte, die Beziehungen zwischen Armee und Volk seien robust und herzlich.

Erinnerungen an 2011 in Kairo werden wach

Mit dieser Rhetorik knüpft der machtbewusste General gezielt an das ägyptische Beispiel von 2011 an. „Das Volk und die Armee – Hand in Hand“, skandierten damals die Massen auf dem Tahrir-Platz. Demonstrativ inszenierte sich Kairos Armeeführung im Arabischen Frühling als Beschützer des Volkes und zwang den alternden Staatschef Hosni Mubarak schließlich zum Rücktritt.

Unter dem wachsenden Druck der Straße könnte sich jetzt auch Ahmed Gaid Salah gezwungen sehen, den gleichen Weg einzuschlagen. Noch ist unklar, ob er den greisen und kranken Abdelaziz Bouteflika tatsächlich fallen lässt. Zum ersten Mal allerdings fehlten bei Salahs jüngster Rede die üblichen Elogen auf den Präsidenten, dem er so viel zu verdanken hat.

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