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Das gusseiserne Tor neben der Gedenktafel erzürnt nicht nur Historiker.

NS-Gedenken

Flanieren über Folterkeller

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In Hamburg soll auf dem Gelände des früheren Gestapo-Hauptquartiers ein Luxuseinkaufstempel entstehen. Von den Plänen für eine Gedenkstätte blieb fast nichts übrig.

Was er tun würde? Wenn er könnte, wie er wollte? „Auf alle Fälle muss das Tor weg“, sagt Wolfgang Kopitzsch, 69. Er ist Historiker und war einmal Polizeipräsident von Hamburg. „Das Tor geht überhaupt nicht.“

„Bienvenue Moin Moin Stadthof“, so steht es über einem schmiedeeisernen Tor mitten im schicksten Hamburg zwischen Michel und Jungfernstieg, unweit des Rathauses. Ein Tor, das nicht nur Kopitzsch, sondern etliche historisch bewanderte Hamburger aus zwei Gründen entsetzt: Einmal erinnert die Aufmachung des Schriftzuges vermutlich unbeabsichtigt, aber dennoch ohne Zweifel an die Eingänge von Auschwitz, Dachau, Sachsenhausen und anderen Konzentrationslagern.

Und zum anderen führt das Tor ins Stadthaus, ein riesiges Gebäudeensemble mit Höfen, Plätzen und Wegen, das gerade in eine schicke Luxuseinkaufsbürowohnmeile umgebaut wird, zu Zeiten der Naziherrschaft jedoch die Polizei- und Gestapozentrale von Hamburg war. „Der Ort des Terrors in Hamburg“, erzählt Kopitzsch, Betonung auf „der“. „Das Stadthaus – nun verniedlichend ‚Stadthöfe‘ – war von 1933 bis zu seiner weitgehenden Zerstörung im Jahre 1943 das Zentrum der nationalsozialistischen Verfolgung, von Gewalt, Folter und Unterdrückung.“

Kopitzsch ist auch Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft ehemaliger verfolgter Sozialdemokraten. Er kennt viele traurige Geschichten aus dem Stadthaus, er kennt viele Opferdramen, er kennt die Täter, von denen etliche nach dem Krieg ungeschoren davonkamen und Karriere machten. Nur zwei unscheinbare Tafeln erinnern heute an den Ort der Verbrechen – und ein paar Stolpersteine auf dem Bürgersteig. „Wenigstens muss Greta Wehner nicht miterleben, was hier gerade passiert“, sagt Kopitzsch über die bizarren Umbaupläne nebst Restgedenken.

Die spätere Frau des langjährigen Bundestagsabgeordneten und Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner starb am 23. Dezember 2017 in Dresden. Ihre Familiengeschichte ist so ein Fall: Vater Carl Burmester war am 17. September 1934 nach einem Verhör und brutaler Folterung durch die Staatspolizei im Stadthaus ermordet worden. Ralph Giordano, der berühmte Hamburger Schriftsteller, Regisseur und Publizist, hatte sich immer geweigert, an Treffen oder Feiern im Hotel gegenüber vom Stadthaus teilzunehmen. Dreimal war Giordano von der Gestapo verhaftet und gefoltert worden. Den Blick auf das Stadthaus ertrug er später nicht.

„85 Jahre nach der Machtübergabe, 73 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Diktatur ist es völlig unverständlich, warum der Opfer, auch an diesem zentralen Ort nicht in angemessener und würdiger Form gedacht wird“, beklagt sich Historiker Kopitzsch.

Das Haus und seine böse Geschichte

Ende Januar trafen sich Kinder und Angehörige von Verfolgten und Ermordeten vor dem Stadthaus, um gegen den Umbau in einen Shopping-Tempel zu protestieren. Detlef Baade sprach bei der kleinen Kundgebung: „Wir haben eine gesellschaftliche Verpflichtung“, sagte er. „Die Toten mahnen.“ Sein Vater Herbert Baade wurde nach 1933 in den Kellern des Stadthauses von der Gestapo gefoltert. „Wer hierher zum Verhör kam, der kam nicht mehr heil heraus“, erzählt der Sohn.

Tatsächlich ist das alles nicht ganz einfach zu begreifen. In Hamburg kennt man das Haus und seine böse Geschichte. Die Umbaupläne sind ebenfalls seit Jahren bekannt. Dennoch: An den schlimmen Keller und den berüchtigten „Seufzergang“ wollte wohl niemand erinnert werden. Hamburg, damals noch mit CDU und Grünen im Rathaus, hatte den Umgang mit dem Gedenken einfach an die Baufirma delegiert. 2009 hatte der französische Investor Quantum den Gebäudekomplex gekauft und sich verpflichtet, auf eigene Kosten eine „würdige Gedenkstätte“ mit Räumen „für Ausstellungen, Seminare, Veranstaltungen, Inszenierungen und Dokumentationen“ zu schaffen.

Die „Hamburger Morgenpost“ berichtete kürzlich, was mit der Zeit daraus wurde: Anfangs waren 1000 Quadratmeter dafür vorgesehen, dann sei die Fläche immer weiter zusammengeschrumpft. Von 530 Quadratmetern sei irgendwann später die Rede gewesen und heute seien nur noch 70 bis 100 übrig. Dazu käme noch, dass sich eine Buchhändlerin, die im Stadthaus ihren Laden und ein Café eröffnen will, nebenbei um die Gedenkstätte kümmern soll.

„Armselig und peinlich“, kommentierte Cornelia Kerth, Vorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes, als öffentlich wurde, auf was die geplante „würdige Gedenkstätte“ mittlerweile eingedampft war. Was sich bis zur Zerstörung 1943 im Hamburger Stadthaus abgespielt habe, sei doch „keine Fußnote der Geschichte, die mit ein paar Tafeln abgehakt werden könnte“, beklagte sich Pastor Ulrich Hentschel, ehemals Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie.

Am 2. Mai soll der Shopping-Tempel eröffnen. Unendlich schick soll er werden, an Berlins berühmte Hackesche Höfe erinnern. 100 000 Quadratmeter, vier Häuser, ein „Premiumstandort“ wie das Unternehmen Quantum wirbt: Büros, Einzelhandel, Gastronomie, ein „Boutique-Hotel“, elegante Wohnungen. „Die Entwicklung der Stadthöfe lebt von der Revitalisierung der historischen Bausubstanz und von der Belebung der vielzähligen Höfe innerhalb der Bebauung.“ Ein „neuer Trendstandort“ werde in der Hamburger Innenstadt entstehen, verspricht Quantum.

„Stadthöfe – Hommage ans Leben“.

Vom ehemaligen Gestapohauptquartier keine Rede. Die Hamburger Kulturbehörde will nun retten, was noch zu retten ist und Gedenkstätte und künftigen Trendstandort irgendwie unter einen Hut bekommen. Dazu soll es Gespräche zwischen Historikern, Bauherren, Opfervertretern und interessierten Hamburgern geben.

Außerdem will sich der Kulturausschuss mit dem Thema befassen. Die Zeitung „Die Welt“ zitierte kürzlich eine Quantum-Projektentwicklerin: „Neues zu schaffen in Analogie und Harmonie zum Alten – darum geht es uns bei den Stadthöfen.“ Ein Satz, dem Historiker Kopitzsch sogar zustimmen könnte: Gerade die Familien und Angehörigen der zahllosen Opfer hätten doch ein besonderes Recht auf ein umfassendes Gedenken, das sei Verpflichtung aller Beteiligten, gerade auch von Senat und Bürgerschaft, findet er. Und ja, es gebe noch etwas, das er gerne machen würde, wenn er könnte wie er wollte: Den Slogan löschen, mit dem Quantum seit Jahren für sein Projekt wirbt und der aufgedruckt sei auf Abdeckungen ausgerechnet der Kellerräume: „Stadthöfe – Hommage ans Leben“.

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