Auch die Sängerin Helene Fischer erhält rechte Drohmails nachdem ihre Daten von Polizeirechnern abgefragt wurden.
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Auch die Sängerin Helene Fischer erhält rechte Drohmails nachdem ihre Daten von Polizeirechnern abgefragt wurden.

NSU 2.0 und NSO

„Fixiert“ auf Helene Fischer: Die Sängerin wird von Rechtsextremisten bedroht

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Auch Helene Fischers Daten wurden von Polizeirechnern abgefragt, bevor rechtsextreme Anfeindungen bei ihr eingingen. Welcher Zusammenhang besteht zwischen „NSU 2.0“ und „NSO“?

  • Rechte Drohmail-Schreiber nehmen Helene Fischer ins Visier
  • Daten der Sängerin werden ständig unberechtigt von Polizeirechnern abgefragt
  • Welcher Zusammenhang besteht zwischen „NSU 2.0“ und „NSO“?

Es ist eine Anekdote, die Hessens früherer Landespolizeipräsident Udo Münch gerne erzählte, um das Problem unberechtigter Datenabfragen in der Polizei zu illustrieren. Die Daten der Sängerin Helene Fischer seien 83-mal in einer Nacht in den polizeilichen Systemen abgerufen worden, berichtete Münch im vergangenen Jahr dem Innenausschuss des Hessischen Landtags und fügte launig hinzu: „Es ist wohl relativ unwahrscheinlich, dass Frau Fischer dort 83-mal kontrolliert worden ist.“

Eines konnte sich Hessens damals oberster Polizist offenbar nicht vorstellen: dass die Daten gezielt abgefragt worden sein könnten, um sie für rechtsextreme Bedrohungen gegen Fischer zu benutzen. Auch heute gibt es keinerlei Belege dafür, dass es sich so zugetragen hat. Zweierlei aber steht fest: dass Fischer („Atemlos durch die Nacht“) zur Zielscheibe rechtsextremer Anfeindungen geworden ist und dass ihre Daten von hessischen Polizeirechnern unbefugt abgefragt wurden.

Rechte Drohungen gegen Helene Fischer: Wie hängen „NSU 2.0“ und „NSO“ zusammen?

In Hessen sind drei Polizeiabfragen zu Frauen bekanntgeworden, die anschließend rechtsextreme Drohschreiben unter dem Kürzel „NSU 2.0“ erhielten, in denen persönliche Daten genutzt wurden. Betroffen waren die Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz, die Kabarettistin Idil Baydar und die hessische Fraktionsvorsitzende der Linken, Janine Wissler. Nach Angaben des Hessischen Innenministers Peter Beuth (CDU) sind keine weiteren Fälle bekannt. Helene Fischer wurde von Rechtsextremisten bedroht, die sich als „Nationalsozialistische Offensive“ (NSO) bezeichneten. Wegen der Drohserie steht in Berlin der 32-jährige André M. aus Schleswig-Holstein vor Gericht.

Die „Nationalsozialistische Offensive“ behauptet, sie gehöre mit „NSU 2.0“ zu einem Netzwerk. Es gibt ein Indiz dafür, dass diese Angabe zutreffen könnte: Als der Prozess im April begann, musste die Verhandlung im Landgericht noch vor Verlesung der Anklage unterbrochen werden – wegen einer Bombendrohung von „NSU 2.0“.

Auch Linken Bundestagsabgeordnete Martina Renner erhält rechte Drohschreiben

Die Linken-Bundestagsabgeordnete Martina Renner berichtet, dass sich zahlreiche Drohungen der „Nationalsozialistischen Offensive“ gegen die Sängerin richteten. Renner tritt im Berliner Prozess als Nebenklägerin auf. Sie ist selbst Zielscheibe von Drohschreiben, sowohl von der „NSO“ als auch von „NSU 2.0“ und dem „Staatsstreichorchester“. Allein in den Drohbriefen, die auch an Renner gingen, werde Helene Fischer 19-mal erwähnt. Diese Schreiben stammten von der NSO und dem „Staatsstreichorchester“, nicht aber von „NSU 2.0“, berichtet die Abgeordnete. Sie erkennt eine „ziemliche Fixierung“ der rechten Schreiber auf Helene Fischer. Das Management der Sängerin reagierte bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht auf eine Anfrage der FR.

Die Bundesanwaltschaft sieht alle drei Absender in einem Zusammenhang. Man stehe mit den Justizbehörden der Länder in engem Kontakt „wegen der Serie von Drohmails, unter anderen der Absender ,NSU 2.0‘ ,Staatsstreichorchester‘ sowie ,Nationalsozialistische Offensive (NSO)‘“, teilte sie mit.

Drohmails gegen Helene Fischer: Rechte haben Obsession für die Sängerin

Helene Fischer hatte sich verstärkten Hass von Rechtsextremisten eingehandelt, als sie im September 2018 nach den Ausschreitungen rechter Schläger in Chemnitz Position bezog und sich dem Anti-Nazi-Hashtag #WirSindMehr anschloss. In den Hassschreiben des NSO wurde Fischer aufgefordert, keine deutschen Lieder mehr zu singen, sonst würden Menschen sterben. „Die ,Nationalsozialistische Offensive‘ hat offenbar eine Obsession für die Sängerin“, notierte die Prozessbeobachterin des Magazins „Der Spiegel“.

Derweil ist der hessische Landespolizeipräsident Münch Geschichte. Der Mann, der die launige Anekdote über Helene-Fischer-Abfragen erzählte, musste in der vorigen Woche gehen - wegen der Drohmail-Affäre.

Pitt von Bebenburg

Nach der Verwicklung Peter Beuths in den NSU 2.0-Polizeiskandal wäre eine Ablösung des Innenministers gerechtfertigt - und könnte ein wichtiges Signal sein. Der Kommentar.

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