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Fingerzeig nach Köln

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Von: Joachim Frank

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Der Brief mit dem Rücktrittsgesuch ging am 21. Mai nach Rom - bislang hat sich der Papst noch nicht offiziell zu Marx’ Wunsch geäußert.
Der Brief mit dem Rücktrittsgesuch ging am 21. Mai nach Rom - bislang hat sich der Papst noch nicht offiziell zu Marx’ Wunsch geäußert. © dpa

Reinhard Marx‘ Entscheidung ist mehr als nur ein Symbol. Sie könnte auch andere zum Handeln zwingen.

So einfach das klingt, so schwierig, so mühselig war und ist es, an diesen Punkt zu gelangen. Kardinal Reinhard Marx ist selbst ein sprechendes Beispiel dafür. Noch 2018, als die Bischöfe eine Studie zum Ausmaß des Missbrauchs und zu den strukturellen Ursachen vorstellten, verneinte er die Frage nach einer eigenen konkreten Verantwortung. Auch keiner seiner 26 Mitbrüder an der Spitze eines deutschen Bistums sah vor gut zwei Jahren einen Rücktritt als persönliche Konsequenz geboten.

Und Kardinal Rainer Woelki, der in Köln durch ein eigenes Gutachten Licht ins Dunkel eines Systems des Verschweigens, Vertuschens und Verharmlosens bringen wollte, bezeichnete einen Rücktritt noch im März als den falschen Schritt. „Das wäre nur ein Symbol.“ Marx zeigt nun, was gerade in der katholischen Kirche hinlänglich bekannt sein sollte: Symbole sind wichtig. Und wer als Vertreter der Kirche sagt: „Wir haben versagt“, der muss sich – wie Marx – fragen: „Wer ist wir? Gehöre ich nicht auch dazu?“ Mit allen Konsequenzen.

Bislang haben die Opfer sexuellen Missbrauchs genau darauf vergeblich gewartet. Bischöfe beteuerten ihre Betroffenheit, sprachen von Schuld und Versagen, versprachen Aufklärung, Gerechtigkeit und – vor allem – Schritte zur Verhinderung neuer Taten. Doch seit mehr als zehn Jahren müssen die Opfer erleben, wie die Aufarbeitung wieder und wieder infrage gestellt und ausgebremst wird. Das System Kirche erweist sich als sehr beharrlich, widerständig und unempfindlich.

Dicke Schwielen liegen auf dem moralischen Sensorium einer Institution, die von ihrer Botschaft her aufs Höchste empfindlich sein müsste für den „Mord an Kinderseelen“, wie der Papst das in seiner typischen, bildmächtigen Sprache formuliert hat. Aber die Institution ist kein anonymer Apparat. Immer handeln in einem System die Menschen, die es installieren, stabilisieren und ihm Schutz geben – jenen Schutz, den sie den Opfern allzu lange vorenthalten haben.

Dass das auch die moralische Verantwortung derer berührt, die heute in Ämtern und Würden sind, hat Marx in seltener Klarheit formuliert. Zwar nannte er seinen Rücktritt mehrfach eine ganz persönliche Entscheidung. Doch Marx ist auch ein Politiker. Und so hat er erst gar nicht den Versuch unternommen, die politische Stoßrichtung seines Schrittes zu kaschieren. In seinem Angriff auf die notorischen Leugner systemischer Zusammenhänge und die Gegner tief gehender Kirchenreformen fehlten im Grunde genommen nur die Namen. Einer davon ist gerade in Köln bestens bekannt: Rainer Woelki. Alles, was Marx über eine Verkürzung der Aufarbeitung auf Verfahrensfragen und andere Kosmetik sagt, verbindet sich mit dem Agieren des Kölner Kardinals.

Die Dringlichkeit und die Glaubwürdigkeit von Marx’ Kritik, der im Übrigen auch selbst seit Jahren Vorwürfen im Umgang mit Missbrauchsfällen ausgesetzt ist und sich einem eigenen Gutachten dazu zu stellen haben wird, erreichen mit seinem Amtsverzicht ein ganz neues Niveau. Und damit auch der Druck auf Woelki und andere.

Die Apostolische Visitation im Erzbistum Köln muss vor dem Hintergrund von Marx’ Demission in neuem Licht betrachtet werden. Klar ist jetzt: Bei der Entsendung der beiden Kontrolleure hatte der Papst die Gemengelage in der deutschen Kirche sehr klar vor Augen, wie Marx sie ihm aus erster Hand schilderte. Die Erlaubnis des Papstes, dies zu veröffentlichen, ist eine Art Approbation. Auch das setzt Maßstäbe – weit über München hinaus.

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