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Felicien Kabuga wurde weltweit gesucht.

Ruanda

„Finanzier“ des Völkermords in Ruanda inhaftiert

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Fast 26 Jahre lang gelang es Félicien Kabuga, sich der Strafverfolgung zu entziehen – am Samstag wurde er gefasst.

Nach der Verhaftung eines der meistgesuchten Menschen der Welt, des Ruanders Félicien Kabuga, werden wieder Fragen laut, wie es passieren konnte, dass sich der „Finanzier des ruandischen Völkermords“ mehr als ein Vierteljahrhundert lang internationalen Strafermittlern und den Behörden zahlreicher Staaten entziehen konnte.

Lewis Mudge, Direktor der New Yorker Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ für Zentralafrika, forderte eine Untersuchungskommission, die dieser Frage nachgehen solle. Und der ruandische Kommentator Gonza Muganwa beklagt, dass einer der prominentesten Planer des Völkermords von höchsten Stellen in Frankreich geschützt worden sei. „Einige mächtige Leute kannten sein Versteck“, sagt Muganwa: „Sie haben ihn erst jetzt verraten.“

Der 84-jährige Kabuga wurde am frühen Samstagmorgen von einem Großaufgebot der französischen Polizei in einem Apartmenthaus in dem Pariser Vorort Asnières-sur-Seine verhaftet. Dort habe er sich seit mindestens zwei Jahren aufgehalten, hieß es in Kreisen der Ermittler des „International Residual Mechanism for Criminal Tribunals“ (IRMT), das seit der Abwicklung des Internationalen Straftribunals für Ruanda vor fünf Jahren für die Verfolgung ruandischer Völkermörder zuständig ist. Kabuga sei von seiner bevorstehenden Verhaftung womöglich sogar informiert worden, hieß es weiter: Deshalb habe die Polizei früher als vorgesehen zugeschlagen.

Felicien Kabuga, 84, lebte unter falschem Namen nahe Paris.

Gut 26 Jahre lang gelang es dem schwerreichen Geschäftsmann, auf den die US-Regierung ein Kopfgeld von fünf Millionen Dollar ausgesetzt hatte, den Strafrechtsbehörden in der Schweiz, in Deutschland, Belgien, der Demokratischen Republik Kongo und Kenia zu entkommen. In Kenia lebte Kabuga um die Jahrtausendwende herum mehrere Jahre lang unter dem Schutz des damaligen Präsidenten Daniel arab Moi.

Kabuga hatte nach dem ruandischen Völkermord 1994 Schutz in der französischen Botschaft in Kigali gefunden und war von Frankreich in die Schweiz ausgeflogen worden. Dort wurde sein Antrag auf Asyl zwar abgelehnt. Die Berner Behörden versäumten es allerdings, den der Beteiligung am Mord von mehr als 800 000 Ruandern Beschuldigten festzunehmen. Der am 19. Juli 1935 als Sohn armer Eltern im Norden Ruandas geborene Kabuga hatte sich über den Verkauf von Zigaretten und gebrauchten Kleider allmählich zum reichsten Mann des Kleinstaats hochgearbeitet: Er verfügte schließlich über Kaffee- und Teeplantagen, Fabriken und Hotels.

Über die Verehelichungen seiner insgesamt elf Kinder knüpfte er Verbindungen zur politischen Elite des Landes: Zwei seiner Töchter heirateten Söhne des damaligen Präsidenten Juvénal Habyarimana, dessen Flugzeugabsturz am 4. April 1994 den Völkermord auslöste.

Mit dessen Planung war Kabuga bereits Jahre zuvor beschäftigt. Er gründete die radikale Hutu-Miliz Interahamwe („Diejenigen, die zusammen kämpfen“) und importierte seit Anfang 1993 insgesamt 500 000 Macheten aus China, mit denen die meisten Genozidopfer – Angehörige der Tutsi-Minderheit und liberale Hutu – später ermordet wurden.

1997 wurde Kabuga vom Internationalen Ruanda-Tribunal im tansanischen Arusha des Völkermords und ähnlicher Verbrechen in sieben Fällen angeklagt. Er blieb aber einer der auf rund 40 000 geschätzten Völkermörder, die ihrer Bestrafung zumindest bislang entkommen konnten. Die meisten von ihnen halten sich im Urwald des kongolesischen Nachbarstaats versteckt.

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