Fetischist Rumsfeld

Wahlkampf in den USA

Von HELMUT MÜLLER-SIEVERS

Psychologisch gesehen repräsentiert Donald Rumsfeld unter all den Figuren, die George W. Bush umgeben, den entmutigendsten Typ. Karl Rove zeigt noch eine gewisse Aufrichtigkeit in seinen religiösen Überzeugungen und Dick Cheney eine Art positiver Energie in seiner Boshaftigkeit. Bei Rumsfeld hingegen betritt man eine Ebene der frei schwebenden Agressivität, die durch keine Grundsätze und keine besondere Kompetenz gebunden wird. Den ungezügelten Wüterich kennen die psychologischen Lehrbücher ebenso wie den Versager; Rumsfeld mag deren erfolgreiche Kreuzung sein, ein neuer Typus in den amerikanischen Machtzentralen.

Aus seiner Zeit in Chicago als CEO des Pharma- und Chemiekonzerns Searle erzählt man sich Anekdoten, wie außergewöhnlich unangenehm der Mann im persönlichen Umgang war. Seine Mitarbeiter pflegte er dadurch zu prüfen, dass er sich im Abstand von wenigen Zentimetern vor ihnen aufbaute und ihnen ins Gesicht schrie. Zuckten sie, hatten sie die Anerkennung ihres Chefs verloren. Er schaffte es, einen umstritten Süßstoff, der in den klinischen Versuchen einen hohen Prozentsatz von Hirntumoren hervorgerufen hatte, durch massiven Einsatz seiner Beziehungen in Washington an den Kontrollbehörden vorbei zu bringen. Es gibt bis heute Angehörige von Tumor-Opfern, die deswegen im Internet und auf dem Rechtsweg klagen.

Seine Berufung zum Verteidigungsminister machte deutlich, dass Colin Powell Außenminister war, um die PC-Advokaten zu befriedigen. Im Pentagon umgab sich Rumsfeld mit einer Phalanx von Untersekretären - Wolfowitz natürlich, aber auch Stephen Cambone und Douglas Feith - die das Militär und vor allem seine Befehlshaber verachten und gleichzeitig den CIA aus der militärischen Aufklärungsarbeit drängen wollen. Sie haben, mit Billigung des Präsidenten, ein Netz von ultra-geheimen Spezialeinheiten gestrickt, die nicht nur den Auftrag zur Jagd auf Verdächtige erhielten, sondern gleichzeitig die Erlaubnis, überall auf der Welt geheime Gefängnisse einzurichten und in diesen Verhöre vorzunehmen, für die das Verbot der Folter nicht mehr gelten sollte. Diese Aufträge waren umso leichter zu erteilen, als im Zuge der Abwendung vom Staat als Rechtsverwahrer Teile der Kommandos von Zivilisten gebildet wurden, die keinem militärischen Befehl unterstehen. Guantanamo ist nur die sichtbarste Insel in diesem Meer der Rechtsfreiheit, Abu Ghraib nur zufällig bekannt geworden.

Warum ist es um Rumsfeld so still?

Dass diese Initiativen direkt im Büro des Verteidigungsministers abgezeichnet wurden, dass von Verfehlungen Einzelner keineswegs die Rede sein kann, hat Seymour Hersh in seinen Aufsehen erregenden Reportagen im "New Yorker" im Mai gezeigt. Jetzt hat Hersh diese Reportagen aktualisiert und vornehmlich die Erkenntnisse aus den Untersuchungsausschüssen eingearbeitet. Die Resultate, die er in seinem Buch Chain of Command ausbreitet, sind noch erschreckender als erwartet, die Spuren, die direkt aus den Gefängnissen ins Pentagon und ins Weiße Haus führen, noch deutlicher. Wenn Hershs Fakten stimmen, geht es nicht mehr darum, die Verantwortlichen zu finden, sondern darum, ob der urpolitische Sprech-Akt - Verantwortung tragen - für dieses Weiße Haus noch etwas bedeutet.

Doch auch in den Medien und in der öffentlichen Diskussion ist der Furor über die Folter gedämpft. Was an dem Folterskandal in Abu Ghraib für viele Amerikaner so lähmend und beschämend ist, geht über die Frage der politischen Verantwortlichkeit hinaus. In Akten der systematischen Folter - gerade wenn, wie hier, der Befehl zur sichtbaren sexuellen Erniedrigung der Gefangenen gegeben wurde - offenbart sich das Unbewusste einer Kultur, bebildert sich öffentlich, wie sie von Macht und Ohnmacht träumt, wie sie ihre Phantasien unzensiert ausleben würde. Die Rumpfpyramiden und Fellatioanordnungen, die Hundeleinen, Kapuzen und Fesseln sind Inszenierungen und Objekte einer kollektiven sexuellen Phantasie, die sich offensichtlich nicht mehr um den Geschlechtsunterschied rankt, sondern die den potentiellen Terror des anderen Körpers durch Fetische bannen möchte.

Eine Erhebung der einschlägigen Internetseiten würde die Weitläufigkeit dieser Phantasien bestätigen, die Lektüre avancierter akademischer Texte zeigen, dass die Genderforschung nicht unerheblich dazu beigetragen hat, sie auch zu rechtfertigen. Der Fetischist, das wissen wir aus zahlreichen Untersuchungen, pendelt zwischen zwei Extremen, dem Versagen und der Wut, und er will vor allem eines nicht: Verantwortung für beides tragen. Auch darum ist es um Donald Rumsfeld so still. Seymour Hershs Ruf nach Verantwortlichkeit wird verhallen. Zwar hat Hersh Richard Perle wegen eines Interessenkonflikts zu Fall bringen können (der ihn prompt als die Gestalt bezeichnete, die in Amerika einem Terroristen am nächsten kommt), an Donald Rumsfeld aber wird er vor den Wahlen nicht herankommen.

Dossier: Der Kampf ums Weiße Haus

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