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Festival des Rassismus in Jerusalem: Flaggenmarsch an Feiertag ahnt aus

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Von: Maria Sterkl

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Die Polizei sieht zu: Ein militanter Israeli besprüht einen Palästinenser mit Pfefferspray.
Die Polizei sieht zu: Ein militanter Israeli besprüht einen Palästinenser mit Pfefferspray. © AFP

Hass und Aggression am Tag der religiös-zionistischen Flaggenparade durch die Altstadt Jerusalems. Viele Jugendliche rufen: „Tod den Arabern, Tod den Arabern“.

Jerusalem – Die Reporterin Hala S. steht in der ersten Reihe, direkt hinterm Zaun, der die Journalist:innen von den Marschierenden trennt, und sie filmt. Einen halben Meter unterhalb der Brüstung ziehen jüdische Nationalist:innen vorbei. „Flaggentanz“ nennen sie das, und die meisten tragen Israelflaggen, aber nicht alle. Manche schwenken die schwarz-gelben Fahnen der rechtsextremen Organisation Lehava.

Die flaggentragenden Massen strömen an Hala vorbei, aber viele der jungen Nationalist:innen bleiben kurz stehen, als sie sehen, dass die Reporterin ein Kopftuch trägt. Hala filmt sie, als sie ihr die Zunge zeigen, den gestreckten Mittelfinger, sie als Hure beschimpfen und ihr ins Gesicht spucken. Über ihre Backe rinnen Tränen und der Schleim eines Unbekannten, aber Hala filmt weiter.

Jerusalemtag: Gedenktag an die Eroberung Ostjerusalems für rassistische Märsche genutzt

Auf den Stufen, die zum Damaskustor führen, ist kein Platz mehr, doch immer mehr Flaggenschwenkende rücken nach. „Bitte schaffen Sie Platz, gehen Sie weiter in Richtung Klagemauer“, fordert ein Polizist per Lautsprecher auf – und er wünscht einen „fröhlichen Feiertag“.

Am Sonntag feierten nationalistisch-religiöse Israelis den Jerusalemtag, an dem der Eroberung Ostjerusalems durch Israel im Jahr 1967 gedacht wird. Für Palästinenser:innen ist es ein Tag der Trauer und des Zorns, und für manche von ihnen ein Anlass, um wieder einmal zu betonen, dass für Jüd:innen kein Platz im Nahen Osten sei.

Jerusalem: Für Palästinenser:innen ist es ein Tag der Trauer

Seit 1967 leben die palästinensischen Ostjerusalemer:innen unter israelischer Besatzung. Den Radikalen, die bei der Flaggenparade mitziehen, reicht das nicht. Sie wollen nicht nur Besatzung, sie wollen die Palästinenser:innen am liebsten aus Ostjerusalem vertreiben. „Bald seid ihr nicht mehr hier“, jubelt ein älterer Mann, während er die Israelflagge vor den Kameras der palästinensischen Journalist:innen schwenkt. „Israel den Juden, Araber raus!“

Der Flaggenmarsch, der vom israelischen Premierminister genehmigt werden muss, führt durch sensibles Gebiet: Die Fahnentragenden betreten die Altstadt durchs Damaskustor, einem beliebten Treffpunkt der palästinensischen Jerusalemer:innen. Sie ziehen durchs muslimische Viertel und weiter bis zur Klagemauer. Beim jährlichen Flaggenmarsch zeigen die nationalistischen Jüd:innen den Palästinenser:innen, wem Jerusalem gehört. „Das ist mein Zuhause, seit Tausenden Jahren!“, ruft ein junger Marschteilnehmer, als Hala ihn auffordert, sie nicht zu bedrängen.

Rassistischer Marsch in Jerusalem: Polizei duldet Beleidigungen

Laut Schätzungen der Polizei marschierten am Sonntagabend 70.000 Menschen. In den Tagen vor der Parade war heftig debattiert worden, ob es tatsächlich eine gute Idee sei, Jüd:innen durch die muslimische Altstadt ziehen zu lassen. Hunderte Polizist:innen wurden von anderen Städten abgezogen, um die Parade zu sichern. Im vergangenen Jahr hatte die Hamas mit Raketenbeschuss gedroht, sollte der Marsch wie geplant stattfinden. Er wurde dann zwar in letzter Sekunde abgesagt, die Raketen flogen trotzdem. Es folgten elf Tage Krieg. Die Erinnerungen daran sind frisch, trotzdem genehmigte Premierminister Naftali Bennett den Marsch auf der umstrittenen Route. Zu groß war der Druck aus dem eigenen nationalreligiösen Lager.

Die Mehrheit der Israelis kann mit der Flaggenparade in Jerusalem wenig anfangen. „Ich kriege Gänsehaut, wenn ich das sehe“, sagt die 60-jährige Rachel, eine Tochter österreichischer Holocaustüberlebender, die in Israel geboren ist und in Jerusalem lebt. Mit Religion oder Zionismus habe dieser Marsch wenig zu tun, sagt Rachel: „Das sind Extremisten, die nicht wissen, wohin mit ihrer Gewalt.“ An diesem Tag achte sie darauf, ihre Wege kurz zu halten. Die Schlachtgesänge der jungen Nationalist:innen, oft sind es Ultras des Jerusalemer Fußballclubs Beitar, jagen ihr Angst ein.

Jerusalem: Mehrheit der Israelis kann mit Flaggenparade nichts anfangen

Zwar versicherte Premierminister Bennett im Vorfeld der Parade, dass die Polizei „null Toleranz für Gewalt oder Provokationen von Extremisten“ zeigen werde. Als Dutzende zionistische Teenager auf den Stufen vor dem Damaskustor „Tod den Arabern, Tod den Arabern“ skandieren, tun sie das vor den Augen der führenden Polizist:innen Jerusalems, die vom Balkon der lokalen Polizeistation aus mit verschränkten Armen das Treiben beobachten.

Nur einmal schreitet der Polizeichef ein, mahnt die Jungen zu weniger blutrünstigen Tönen. Wenig später stimmen sie erneut an: „Der Jude ist eine Seele, der Araber ein Hurensohn.“ Die Flaggenparade wird zum Festival des Rassismus, beschützt von der Exekutive, die von israelischem Steuergeld bezahlt wird. (Maria Sterkl)

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