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Ekrem Imamoglu tritt für die oppositionellen Sozialdemokraten von der CHP an.

Türkei

Fernsehduell um Istanbul

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Vor der Bürgermeisterwahl treten die Kandidaten im für die Türkei ungewöhnlichen Format an.

Es sollte das wichtigste Fernsehereignis der Türkei werden: Mit Spannung erwarteten Zuschauer am Sonntag das erste Fernsehduell zweier Spitzenkandidaten bei einer politischen Abstimmung im Land seit 17 Jahren. Was in liberalen Demokratien selbstverständlich ist, war in der Türkei auf Befehl des Dauerherrschers Recep Tayyip Erdogan verpönt. Doch eine Woche vor der umstrittenen Wiederholung Oberbürgermeisterwahl in Istanbul sollten nun die beiden wichtigsten Bewerber am Abend in einer TV-Live-Debatte gegeneinander antreten: Ex-Premier Binali Yildirim von Erdogans islamischer Regierungspartei AKP und der Gewinner der später annullierten Wahl vom 31. März, Ekrem Imamoglu, Kandidat eines Oppositionsbündnisses unter Führung der sozialdemokratischen CHP. Alle großen türkischen Sender wollten die Diskussion übertragen.

Für Bürger und Beobachter war es eine handfeste Überraschung, als ausgerechnet der regierungsnahe TV-Sender „Habertürk“ vor vier Wochen den Kandidaten eine Live-Debatte anbot. Während Imamoglu sofort zusagte, erbat sich Yildirim etwas Zeit, um die Zustimmung „der Partei“ einzuholen. Dass der Präsident sein Okay gab, wirkt wie eine Zeitenwende, denn er hatte den AKP-Funktionären seit dem Machtantritt der 2002 Fernsehduelle als „Zeitverschwendung“ untersagt.

Der 48-jährige Oppositionsbewerber Imamoglu hatte die Bürgermeisterwahl in der größten Stadt der Türkei im März knapp vor Yildirim gewonnen. Doch machte die AKP Unregelmäßigkeiten geltend, die zwar nicht belegt werden konnten, deren Reklamation den Hohen Wahlrat (YSK) aber nach massivem Druck Erdogans dazu brachte, die Abstimmung zu annullieren und für den 23. Juni neu anzusetzen. Der YSK begründete seine Entscheidung mit widersprüchlichen Aussagen.

Binali Yildirim war Premier und ist der Kandidat der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP.

Als Moderator hatten beide Seiten Ismail Kücükkaya vom türkischen Sender Fox-TV akzeptiert, auch eine Überraschung, denn der Journalist gilt als AKP-kritisch. Jeder Kandidat sollte gleich viel Zeit für seine Antworten bekommen – ein Nachteil für den 63-jährigen Yildirim, der sehr behäbig redet und im Gegensatz zum Schnellsprecher Imamoglu auch als nicht besonders schlagfertig gilt. Es wurde erwartet, dass Imamoglu die Vetternwirtschaft der seit einem Vierteljahrhundert in der 16-Millionen-Metropole regierenden Islamisten, die Plünderung der Stadtkassen und die Zerstörung zahlreicher Grünflächen anprangern würde.

Yildirim wirkt wie ein Getriebener, er hat sich inzwischen viele Wahlversprechen seines Kontrahenten – etwa mehr Arbeitsplätze – zu eigen gemacht und sogar dessen Slogan „Alles wird schön“ leicht abgewandelt übernommen.

Die Strategie der AKP im Wahlkampf bestand vor allem darin, Imamoglu zu verunglimpfen. Er wurde als „Grieche“ und damit Agent des Auslands tituliert, eine Sonderkommission des Innenministeriums sucht nach Unregelmäßigkeiten seiner früheren Amtsführung als Bezirksbürgermeister. All das konnte Imamoglus Popularität bisher nicht schmälern. Letzte Umfragen geben ihm einen Vorsprung von zwei bis sechs Prozent.

Gewinnt er die Abstimmung, dürfte er zum Herausforderer Erdogans bei den nächsten Präsidentschaftswahlen werden. Diesmal hat sich der Autokrat völlig gegen seine Art aus dem Wahlkampf herausgehalten. Beobachter glauben, dass er sich vorsorglich von einer neuen Niederlage distanzieren will.

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