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Aus der Ferne Kanonendonner

Silvester in Frankfurt vor 60 JahrenZwei Zeitzeugen schildern, wie sie den Jahreswechsel 1944 / 1945, fünf Monate vor Kriegsende, in Frankfurt erlebt haben.

Von STEPHAN LOICHINGER

Am 2. Januar 1945 druckte die Rhein-Mainische Zeitung aus Frankfurt, das amtliche Organ der NSDAP für den Gau Hessen-Nassau, die Neujahrsansprache Adolf Hitlers mit dem Titel "Die wertvollste Realität ist das Volk". Sie begann so: "Nur der Jahreswechsel veranlaßt mich, heute zu Ihnen, meine deutschen Volksgenossen und Volksgenossinnen, zu sprechen. Die Zeit hat von mir mehr als Reden gefordert." Der Tagesbefehl Hitlers für die Wehrmachtssoldaten für diesen Tag lautete: "Meine Zuversicht ist stärker als je zuvor."

Karlheinz Vogel schrieb in seinem Kommentar "Die Schlacht geht weiter": "Tausende Schüsse werden im letzten Sekundenbruchteil des alten Jahres abgefeuert worden sein, um erst im neuen Jahre ihr Ziel zu finden. Millionen wachsamer Augen werden in der Minute, da uns im Rundfunk die hehren deutschen Glocken den Jahreswechsel anzeigten und wir in der Heimat den Uebergang persönlich empfanden, in das Niemandsland gestarrt haben, um die Bewegungen des Feindes zu kontrollieren."

Läuteten die Glocken tatsächlich an jenem Tag? Der Frankfurter Kaufmann Gustav Lerch, 1929 geboren und in der damaligen Predigerstraße in der später zerstörten Altstadt aufgewachsen, hat aufgeschrieben, was die Frankfurter am 31. Dezember 1944 hörten: 11.31 - 12.12 Uhr Alarm, 12.58 - 13.36 Uhr Öffentliche Luftwarnung, 13.39 - 16.04 Uhr Öffentliche Luftwarnung, 18.31 - 19.55 Uhr Alarm.

Gustav Lerch, damals kaufmännischer Lehrling beim Feinkostgeschäft Witwe Hassan, seine Mutter und seine beiden Schwestern waren bei einem der ersten Luftangriffe im September 1943 in ihrer Wohnung in der Fahrgasse ausgebombt worden. Das Gleiche geschah ihnen im März 1944 in ihrer behelfsmäßigen Wohnung auf der Zeil. Danach kamen sie in einem Haus in der Eschersheimer Landstraße 187 unter.

So lebten sie damals: in Ruinen, Kellern, in dauerndem Hunger, in ständiger Furcht vor Fliegerangriffen. Man hat das oft gelesen und gehört, aber die Zeitzeugen haben schon Recht, wenn sie sagen: "Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen."

Gustav Lerch erinnert sich: "An diesem 31. Dezember 1944, einem Sonntag, war der Himmel kaum bewölkt und sehr klar. Am Abend gab es um 18.25 Uhr Voralarm, dem kurz darauf Fliegeralarm folgte. Bei Fliegeralarm traf sich die Hausgemeinschaft auf der Rückseite des Hauses, wo der Eingang zum Luftschutzkeller war. Das tat sie auch an diesem Silvesterabend.

Aus der Ferne im Westen hörte man Kanonendonner. Bald war auch das Brummen vorbei fliegender Moskito-Schnellbomber zu hören, die aber als Ziel die Chemischen Werke in Ludwigshafen hatten. Der Angriff dauerte nicht sehr lange und bereits um 19.55 Uhr folgte Entwarnung, und man konnte nun getrost den Luftschutzkeller verlassen.

Seit Kriegsbeginn hatte es fast 1000 Fliegeralarme gegeben! Nach der Entwarnung gingen wir in die Wohnung der Familie Andres. Mit ihnen tranken wir zusammen ein Glas Sekt um Mitternacht, um das neue Jahr zu begrüßen. Was würde uns im neuen Jahr erwarten? Wir ahnten nicht, dass wir nur einige Wochen später, am Abend des 28. März 1945, den ersten amerikanischen Soldaten auf der Miquelallee begegnen würden."

Gustav Lerch sagt, sein Vater habe ihm mal eine Weltkarte gezeigt und gesagt: "Der kleine Fleck ist Deutschland, die anderen sind alle gegen uns." Seitdem wusste er: Die Deutschen werden den Krieg nicht gewinnen. 1944 war das Land schon stark zerstört. Der Winter war lang. In Frankfurt lag der Schnee einen halben Meter hoch. Freude kam an Silvester nicht auf. Hoffnung?

"Was wir uns gewünscht haben, war: Frieden, Frieden, Frieden", sagt Lerch. Gertrud Töpfer ist 82 Jahre alt und wohnt in dem wiederaufgebauten Haus in Preungesheim, das im März 1944 als einziges in der Straße von einer Bombe getroffen wurde. Ihr Vater schickte sie mit ihrer Freundin Emmi Korte danach zu Verwandten auf deren Bauernhof in Lauter bei Laubach, wo die Wetterau in den Vogelsberg übergeht.

Aus Sorge, sie würde ihre Eltern nicht wiedersehen, kam sie alle zwei Wochen nach Frankfurt. Sie war 21. Sie hatte an der Musikhochschule studiert. Sie sah nach den Angriffen mit Phosphorbomben "alles kaputt, in Trümmern, in rauchenden Trümmern". Die Altstadt brannte tagelang.

"Der letzte Kriegswinter war unglaublich hart und kalt. Die Leute hatten nichts zu verbrennen und keine Lebensmittelmarken. Wir haben Weihnachten mit großer Beklemmung gefeiert. Wir hatten seit langem keine Post vom Mann meiner Cousine, der im November 1944 den Rückzug auf der Halbinsel Ösel anordnete. Dabei traf ihn ein sowjetisches Geschoss. Er schaffte es aufs Boot. Da starb er. Das haben wir gleich nach Silvester erfahren. Schrecklich. Seine Tochter war da sechs Jahre alt. An Silvester haben wir nicht gefeiert. Wir haben fürs neue Jahr gehofft, dass der Krieg zu Ende geht. Dass er verloren war, war uns klar", sagt Gertrud Töpfer.

Propagandaminister Joseph Goebbels fand derweil in einer Rede an Silvester "die abendländische Menschheit zum Jahresabschlusse in einer wahrhaft tragischen Lage". Zwar sei die US-amerikanische Armee im Juni 1944 in der Normandie gelandet, und doch herrschten überall in Westeuropa "Hunger, Elend, Chaos".

Vom Hunger, Elend, Chaos in Deutschland sagte Goebbels nichts. Am 25. März 1945 druckte die Rhein-Mainische Zeitung statt vier Seiten nur noch eine und darauf unter der Schlagzeile "Kein Deutscher fällt in die Hände des Feindes" den Räumungsbefehl der Nazi-Führung: "Der Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar hat auf Grund der Feindbedrohung die sofortige totale Räumung der Städte Darmstadt, Offenbach, Frankfurt am Main, Wiesbaden (...) Die Bevölkerung dieser Gebiete ist grundsätzlich aus dieser Zone zurückzuführen."

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