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„Ich will nicht sterben“: Femen-Aktivistin in Paris.

Gewalt gegen Frauen

Femizide: Morde an Frauen passieren, weil sie Frauen sind

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Gewalt gegen Frauen - weltweit gehen Hunderttausende auf die Straße, um sie anzuprangern. Täter sind meist Partner oder Ex-Partner.

Alle paar Tage wird eine Frau von ihrem Lebensgefährten oder Ex-Mann ermordet – 2018 waren es in Deutschland 123 Frauen. Aufsehen erregte zuletzt ein Fall in Limburg, wo der Mann die Frau zunächst überfahren und dann mit der Axt getötet hat. Was folgt, ist stets ein kurzes kollektives Entsetzen – aber nicht der Aufschrei, den eine solche Tat eigentlich auslösen müsste.

Herr Sutterlüty, warum ist das so?
Es wird ein tragischer Fall wahrgenommen, aber die Verbindung zwischen den Fällen wird kaum hergestellt. Es hat tiefe Gründe, warum Frauen immer wieder Opfer von Gewaltverbrechen werden durch Personen, die ihnen nahestehen, insbesondere durch ihre Partner oder Ehemänner. Ich finde die Erklärung der Philosophin und Feministin Kate Manne sehr plausibel. Danach hassen sich diese Männer im Grunde selbst dafür, von jemand anderem abhängig zu sein. Wenn die Frau nicht ständig die Gebende ist, wie sie das erwarten, werden sie gewalttätig.

Femizide - Vorgeschichte innerhalb der Beziehung

Ihre Empörung bringen am Samstag in Rom Tausende Frauen zum Ausdruck.

Ein Rollenproblem?
Meistens haben solche Morde eine ganz lange Vorgeschichte innerhalb der Beziehung. Diese Dynamik lässt sich so begreifen: Der Mann versucht, durch Gewalt zu bekommen, was er von der Frau anderweitig nicht bekommt, nämlich Zuwendung und Anerkennung. Je mehr er zu Gewalt greift, desto weniger bekommt er, was er eigentlich möchte. Das ist eine Art Teufelskreis. Es kommt nicht von ungefähr, dass gerade Trennungsphasen für Frauen am gefährlichsten sind. Daran erkennt man die Abhängigkeit des Mannes. Das entschuldigt und rechtfertigt natürlich gar nichts, kann aber vieles erklären.

In Göttingen wurde eine Frau, die die Annäherungsversuche eines Mannes abgewiesen hatte, mit Brandbeschleuniger übergossen und angezündet. Wie erklären Sie sich die Brutalität, die Aggression?
Das sind richtige Hate Crimes. Mysogynie, also Frauenhass, führt zu dieser überbordenden Grausamkeit. In den USA wurden Internet-Austauschforen ausgewertet, die von Männern betrieben werden, die bei Frauen erfolglos sind. Diese sogenannten Incel-Foren – Incel steht für „involuntary celibacy“ (unfreiwilliges Zölibat) - sind voller Hasstiraden. Darin wird zum kollektiven Mord an Frauen aufgerufen. Das sind alles Männer, die von Frauen nicht das bekommen, worauf sie ein Recht zu haben glauben.

„Beziehungstat“ - Mord mit einem bestimmten Motiv

Woher nehmen diese Männer die Überzeugung, ein Recht auf Zuwendung von Frauen zu haben, egal wie sie selbst sich verhalten?
Wir haben sehr, sehr lange mit Geschlechterasymmetrien gelebt, in unserer Kultur und auch in vielen anderen Kulturen. Die damit einhergehenden Muster männlicher Dominanz- und Besitzansprüche überleben sich nicht von einem Tag auf den anderen. In einer historischen Langzeitperspektive könnte man sich eher darüber wundern, wie grundlegend sich in den vergangenen 100 Jahren die gesellschaftliche Situation von Frauen verbessert hat – bei allen Missständen, die es nach wie vor gibt.

Wie hat sich die Zahl der Gewalttaten entwickelt? Es gab ja einige rechtliche Neuerungen wie die Reform des Sexualstrafrechts.
Oder das Gewaltschutzgesetz. Ja, normativ hat sich viel verändert. Es ist selbstverständlich geworden, dass Vergewaltigung von Frauen in der Ehe strafbar ist; häusliche Gewalt gilt nicht mehr als Kavaliersdelikt und wird geahndet. Trotzdem sind die Gewaltraten in der Familie – sowohl gegenüber Kindern als auch zwischen Partnerinnen und Partnern – in den letzten Jahrzehnten auf einem gleichbleibend hohen Niveau geblieben.

Warum gerade in diesem Umfeld, das ja besonderen Schutz bieten sollte?
In der Familie gibt es ein strukturell angelegtes Gewaltpotenzial. Die familiale Interaktion ist stark emotionsgeladen. Die hohen Erwartungen an das private Glück sind sehr enttäuschungsanfällig. Auch ist das Verhalten innerhalb der Familie von einer ganz anderen Körperlichkeit als in anderen sozialen Sphären geprägt. Im häuslichen Bereich gibt es oft nichts Drittes, das von außen käme und Eskalationen stoppen könnte. Je isolierter eine Familie lebt, desto höher sind die Gewaltraten.

Gewalt gegen Frauen - schichtenübergreifend

Und warum verlässt die Frau nicht sofort ihren Mann?
Da gibt es offenkundig starke Bindekräfte – und bisweilen auch den fatalen Glauben daran, dass heftige Eifersucht und daraus resultierende Gewalt letztlich Liebesbeweise sind. Von außen ist das schwer zu begreifen.

Ferdinand Sutterlüty ist Professor für Soziologie an der Goethe-Universität und kommissarischer Direktor des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt. Er hat zahlreiche Publikationen zur Gewalt- und Kriminalsoziologie vorgelegt.

Könnte die mangelnde Aufmerksamkeit für diese Verbrechen auch an verharmlosenden Begriffen liegen – wie „Beziehungstat“ oder „Familiendrama“?
Wenn etwa der Begriff „Beziehungstat“ überdecken soll, dass es sich um einen Mord handelt, dann wäre das in der Tat verharmlosend. Das beobachte ich aber nicht so. „Beziehungstat*“ ist ein fester Terminus für einen Mord mit einem bestimmten Motiv.

Frauenrechtlerinnen plädieren dafür, den von der Weltgesundheitsorganisation WHO geprägten Begriff Femizid auch in Deutschland offiziell zu verwenden. Was halten Sie davon?
Dieser Begriff hat seine Berechtigung, weil er die politische Aufmerksamkeit auf einen systematischen Tatbestand lenken soll – dass es eben Morde an Frauen gibt, weil sie Frauen sind. Das ist keine Privatangelegenheit, sondern gehört auf die politische Bühne.

Gibt es Milieus oder Personengruppen, in denen die Gewalt gegen Frauen besonders hoch ist?
Gewalt gegen Frauen zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. Es gibt leicht erhöhte Raten bei sozial benachteiligten Gruppen, aber diese Unterschiede sind kaum signifikant. Man denke an die in den vergangenen Jahren bekannt gewordenen E-Mail-Chats an US-amerikanischen Elite-Universitäten: Dort äußern sich junge, überwiegend weiße Männer, die künftige Oberschicht also, so herablassend über Frauen, wie man sich das kaum vorstellen kann.

Interview: Sabine Hamacher

Erschreckend viele Frauen in Hessen erfahren körperliche und sexuelle Gewalt. Ein Bündnis fordert mehr Schutz für Frauen vor Gewalt. Am internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen gibt es in Frankfurt viele Aktionen gegen häusliche Gewalt. Auch in den USA und in Kanada ist die Gewalt gegen Frauen ein erschreckendes Problemen. Bevorzugtes Ziel sind hier die Indigenen.*

Die rechtskonservative Regierung Ungarns will mit ihrem Frauenbild gezielt die Gesellschaft spalten. Aber immer weniger Frauen wollen sich kleinhalten lassen. Ungarn braucht ein neues Frauenbild.* 

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