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Die Mordrate an indigenen Frauen liegt in den USA 10 Mal über dem nationalen Durchschnitt. (Symbolbild von einer Demonstration gegen Gewalt gegenüber Frauen)

Indigene Frauen

Femizide: Indigene Frauen sind in den USA und Kanada besonders gefährdet

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Indigene Frauen sind die schwächsten Glieder in der Gesellschaft. Da sich niemand für sie stark macht, werden sie zur bevorzugten Zielscheibe von Gewalttätern.

Die Mappe mit Bildern und Zeitungsausschnitten, die Vicki Hill fest an ihre Brust drückt, ist der wertvollste Besitz der jungen Indianerin aus Prince Rupert – einem Fischerort im äußersten Norden der kanadischen Provinz British Columbia. Sie ist alles, was Vicki von ihrer Mutter Mary Jane noch hat. Mary Jane Hill verschwand am 26. März 1978. 16 Monate war Vicki damals alt. Drei Tage, nachdem ihre Mutter verschwunden war, wurde sie 30 Kilometer außerhalb der Stadt gefunden. Sie lag nackt im Gebüsch, ein paar Hundert Meter von der Straße entfernt.

Im Totenschein, den Vicki vor fünf Jahren auf Anfrage von der örtlichen Polizei ausgehändigt bekam, wird als Todesursache Lungenentzündung angegeben. Doch der letzte Satz des einseitigen Dokuments straft diesen Befund Lügen. „Wir befinden, dass die Todesursache von Mary Jane Hill Totschlag war“, steht da.

Femizide: Indigene Frauen in USA und Kanada besonders gefährdet 

Eine polizeiliche Untersuchung hat es nie gegeben. Mary Janes Leiche, auch das hat Vicki erst erfahren, nachdem sie anfing, Fragen zu stellen, wurde an einer freien Stelle auf dem Friedhof von Prince Rupert verscharrt, ohne Grabstein, ohne Markierung. Wer hat die Leiche gefunden? Wer hat den merkwürdigen Totenschein ausgestellt? Vicki Hill will Antworten haben. Sie will wissen, warum sie ohne Mutter aufwachsen musste, warum ihre Kinder keine Großmutter haben. Sie will endlich Gewissheit haben und das Gefühl los werden, dass jeder, der ihr in Prince Rupert auf der Straße begegnet, der Mörder ihrer Mutter sein könnte.

„Highway of Tears“ wird ein 700 Kilometer langer Straßenabschnitt im Norden Kanadas genannt, auf dem seit den 1970er Jahren nach offiziellen Schätzungen 43 Frauen verschwunden sind. Nur ein einziger Mord wurde aufgeklärt.

Doch sie stößt auf eine Mauer des Schweigens. Heute noch. Vicki Hill ist bei weitem nicht alleine bei ihrer Suche nach Antworten. Laut einer offiziellen Studie der kanadischen Regierung sind zwischen 1980 und 2012 in Kanada rund 1200 indigene Frauen verschwunden oder ermordet worden. Aktivisten-Gruppen schätzen die Zahlen wesentlich höher ein.

Femizide: Gewalt gegen Frauen in den USA besonders schlimm

In den USA ist das Problem noch schlimmer. Das nationale Informationszentrum für Verbrechen kennt 5700 Fälle ermordeter oder verschwundener indigener Frauen. Die Mordrate an indigenen Frauen liegt 10 Mal über dem nationalen Durchschnitt.

Aktivisten-Gruppen auf beiden Seiten der Grenze sprechen deshalb schon lange von einem „Genozid“. „Genozid ist genau das, was hier passiert, und das Land verschließt die Augen davor“, sagt Lorelei Williams, deren Cousine von dem Massenmörder Robert Pickton umgebracht wurde. Pickton rekrutierte indianische Prostituierte auf den Straßen von Vancouver für Sexparties und ermordete sie dann. Auf seinem Grundstück wurden die Überreste von bis zu 49 Frauen gefunden.

Femizide: Indigene Frauen sind die schwächsten Glieder in der Gesellschaft

Der Fall Pickton ist emblematisch für das Problem. Indigene Frauen sind die schwächsten Glieder in der Gesellschaft. Niemand macht sich für sie stark, niemand unterstützt sie und somit werden sie zur bevorzugten Zielscheibe von Gewalttätern.

Am sogenannten Highway of Tears im Norden von British Columbia, an dessen Endpunkt Prince Rupert Vicki Hill lebt, wird das Problem besonders drastisch deutlich. Entlang der 700 Kilometer des Highway liegen zwei Städte. Ansonsten gibt es eine Ansammlung von isolierten Dörfern, Holzfäller-Camps und Reservaten.

Lesen Sie auch den Kommentar zum Thema Gewalt gegen Frauen: Das Nichtstun hat ein Ende

Entlang dem Highway sind seit den 1970er Jahren nach offiziellen Schätzungen 43 Frauen verschwunden, darunter Vicki Hills Mutter. Nur ein einziger Mord wurde aufgeklärt. Der Privatdetektiv Ray Michalko, der sich einiger der Fälle annahm, sagt: „Da gibt es niemanden, der die Fälle lösen will, weder die örtlichen Behörden, noch die RCMP, die Bundespolizei.“

Immerhin hat Premierminister Justin Trudeau auf den Druck indigener Interessensgruppen reagiert und eine staatliche Untersuchungskommission berufen. Nach drei Jahren Arbeit kam die kanadische Regierung zu dem Schluss, dass das Problem den Begriff „Genozid“ verdiene. Ein symbolischer aber wichtiger Triumph für die Indigenen.

Femizide: Die USA sind noch Lichtjahre davon entfernt, den Genozid anzuerkennen

In den USA hinkt man noch weit hinterher. Es gibt einzelne Politikerinnen wie die Senatorin Heidi Heitkamp aus North Dakota, die sich dafür einsetzt, das Problem als „Epidemie“ anzuerkennen und Schritte zur Besserung einzuleiten. So möchte sie die Zusammenarbeit zwischen der US-Bundespolizei und den Reservats-Polizisten verbessern, um die skandalös niedrige Aufklärungsrate anzuheben.

Wie Kanada als Nation den Genozid anzuerkennen, davon sind die USA jedoch noch Lichtjahre entfernt. Und unter einer Regierung Donald Trump und einem konservativen Kongress sind die Aussichten darauf, dass das passiert, eher gering.

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