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„Femizid-Nation“ Mexiko: Ein Land im Griff patriarchaler Gewalt

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Von: Alexander Eser-Ruperti

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Eine extrem Hohe Zahl an Femiziden, bei geringen Aufklärungsquoten: In Mexiko zeigt sich das weltweite Problem von Gewalt gegen Frauen wie unter Brennglas.

Mexiko-Stadt – Gewalt bis hin zur Tötung gegen Frauen ist auch in Deutschland alles andere als eine Seltenheit, noch immer: Mehr als 100 Frauen sterben hierzulande jährlich durch die Hand von Ex-Partnern oder Partnern, jeden Tag gibt es einen polizeilich registrierten Tötungsversuch an einer Frau. Das Problem ist alt, es ist dramatisch – und global.

In Mexiko ist die Situation laut UN besonders gravierend, Aktivisten vor Ort sprechen von einer „Femizid-Nation“. Die Zuschreibung ist so bitter wie plausibel: Es geht um tausende Morde.

„Femizid-Nation“ Mexiko: Rund 3750 Tötungen und fast 100.000 Vermisstenfälle im Jahr 2021

Die Zahlen zu Femiziden und Vermisstenfällen von Frauen in Mexiko lassen den Atem stocken: Im Jahr 2021 waren fast 100.000 Frauen vermisst gemeldet worden, etwa 3750 wurden offiziellen Zahlen zufolge ermordet, wie der Sender France24 berichtet. Erschreckend ist indes nicht nur die schiere Zahl der Fälle, sondern auch der staatliche Umgang mit ihnen. Von den 3750 Morden wurden nur 1004 als Femizide eingestuft.

Die Nationale Kommission zur Verhinderung und Beseitigung von Gewalt gegen Frauen (CONAVIM) in Mexiko schätzt zugleich, dass etwa 94 Prozent der vor Gericht gebrachten Fälle letzten Endes abgewiesen werden.

Activists march in Buenos Aires against gender violence
Demonstrierende in Argentinien. In Lateinamerika bricht sich eine Parole Bahn: „Ni una menos – nicht eine weniger!“ © David Fernandez

Auch Amnesty International hatte den staatlichen Umgang mit Gewalt gegen Frauen zuletzt scharf kritisiert. Die Organisation erklärte, fehlende strafrechtliche Verfolgung führe zu „Verletzung des Menschenrechts von Frauen auf Leben und körperliche Unversehrtheit sowie des Rechts ihrer Familien auf gerichtlichen Schutz“. Ganz explizite Kritik richtete die Organisation Ende 2022 an den Generalstaatsanwalt des Bundesstaates México: Dieser hatte mehrmals hintereinander eine Veranstaltung abgesagt, in deren Fokus eine Entschuldigung an die Betroffenen von Feminiziden hätte stehen sollen. Ein Schritt mit Symbolcharakter.

Femizide in Mexiko: Der Umgang mit Protesten wirft ein Schlaglicht auf die Lage im Land

Auch in Mexiko bilden sich indes Strukturen, die sich Femiziden, Machismo und Patriarchat entgegenstellen. Immer wieder sind diese aber massiver staatlicher Repression ausgesetzt. Den Hochpunkt stellte der Umgang mit einer Demonstration nach dem Femizid an der 20-jährigen Alejandrina Lorenzana Alvarado im Jahr 2020 dar: Sicherheitskräfte setzten Schusswaffen gegen die Demonstrierenden in Cancún ein; das berichtet die Journalistin Cecilia Solís Martín laut nd.aktuell, auch sie wurde nach eigenen Angaben am Fuß getroffen.

Femizid-Definition: Was ist ein Femizid?

Die Organisation „Frauen gegen Gewalt“ definiert den Begriff als „die Tötung von Frauen wegen ihres Geschlechts oder wegen bestimmter Vorstellungen von Weiblichkeit“. Der Begriff des Intim-Femizids meint dabei eine Tötung von Frauen durch Männer, denen sie nahestanden. Kontext von Femiziden sind Vorstellungen von geschlechtsspezifischer Ungleichheit, sowie geschlechtsspezifischer Macht- und Hierarchieverhältnisse. „Femizid“ umfasst damit mehr, als der Begriff des „Frauenhasses“ im Wortsinne beschreibt, sondern fasst breiter patriarchale Denkstrukturen und Rollenbilder ein.

Präsident Andrés Manuel López Obrador gibt den Ton für den Umgang mit der feministischen Bewegung vor. Diese nennt er „sehr konservativ“ und „infiltriert“ von „konservativen Gruppen“ – es wirkt wie der Versuch, seine Abneigung gegen die Protestbewegung in ein progressives Gewand zu hüllen. Viele Demonstrierende werfen dem Regierungschef vor, sich allem voran durch Untätigkeit hervorzutun und es scheint: Die Statistik gibt ihnen recht.

Femizid Deutschland: Auch hierzulande gilt „Ni una menos“

„Ni una menos“, rufen die Demonstrantinnen und Demonstranten auf Kundgebungen überall in Lateinamerika, also „nicht eine weniger“. Davon ist Mexiko weit entfernt. Doch nicht nur Mexiko. Auch bei Femiziden in Deutschland sind die Fallzahlen dreistellig.

Es gehe um patriarchale Denkstrukturen, Besitzdenken und Machtvorstellungen, so Christina Clemm, Fachanwältin für Familien- und Strafrecht gegenüber dem NDR. Die Täter kämen „aus allen Herkünften, aus allen Schichten“. „Es gibt eben nicht den Täter-Typus, sondern es kann jeder Täter werden.“

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