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Junge Musliminnen sollen das weibliche Erbe des Islams entdecken, meint Autorin Sineb El Masrar.

Sineb El Masrar über den Islam

Feminismus und Islam ist möglich

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Die Autorin Sineb El Masrar spricht im Interview mit der FR über Feminismus und den Islam, weibliche Vorbilder aus der Geschichte und die Auswirkungen von Rassismuserfahrungen.

Frau El Masrar, Ihr Buch ist ein Aufruf an muslimische Frauen, ihre Feigheit zu überwinden. Sind die Musliminnen in Deutschland tatsächlich so feige?
Die muslimische Frau gibt es natürlich nicht. Aber zu viele unzufriedene Musliminnen meiden die Konfrontation und leben ihre Bedürfnisse versteckt aus. Das hat weniger mit der Religion, sondern eher mit dem soziokulturellen Umfeld zu tun, mit der Sorge, was ihre eigene Community über sie denkt.

Um welche Konflikte geht es?
Es geht um sehr viele Themen. Zum Beispiel die freie Partnerwahl, wie Frau sich kleidet oder ob sie unverheiratet aus welchen Gründen auch immer aus dem Elternhaus ausziehen darf. Solche Tabuthemen sprechen viele muslimische Frauen nicht offen an. Vor allem auch deshalb, weil sie befürchten antimuslimische Klischees zu bestätigen und den Gegenwind der Gemeinde fürchten. Sofern es die Religion betrifft, wenden sich manche dann ganz vom Islam ab: Sie wollen keine Muslimin mehr sein. Andere geben sich erst recht dem Glauben hin und orientieren sich an den sogenannten Altvorderen. Sie ordnen sich bestimmten Deutungsmustern unter, um im Gegenzug Rechte einzufordern. Sich den traditionellen Rollenbildern anzupassen, schafft aber diese Probleme nicht aus der Welt.

Sie fordern junge Musliminnen auf, das weibliche Erbe des Islams zu entdecken. Was können sie dann finden?
Mit den islamischen Offenbarungen haben sich die Rechte der Frauen auf der arabischen Halbinsel verbessert. Lange waren muslimische Frauen rechtlich besser gestellt als Westlerinnen. Dafür mussten sie nichts tun. Das war revolutionär. Westlerinnen hingegen mussten für Frauenrechte hart kämpfen. Es gibt zudem viele spannende Frauenfiguren in der Geschichte des Islam. Zum Beispiel die Töchter des Propheten. Aber auch seine Frauen. Aischa, die junge Kindsbraut, war eigensinnig, sehr fordernd. Sie suchte die Konfrontation mit Männern. Oder ein anderes Beispiel: Eine der ersten Universitäten der Welt wurde von einer Frau im marokkanischen Fes gegründet, von Fatima al-Fihri. Sowie die Mystikerin Rabia von Basra. Aber auch islamische Herrscherinnen. Inspiration für junge Musliminnen gäbe es also genug.

Warum ist Ihnen das so wichtig?
Ich möchte jungen Musliminnen Mut zusprechen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und nicht die Gunst der Väter, Brüder oder Ehemänner abzuwarten. Es gilt dabei sich selbst kennenzulernen. Sich selbstkritisch fragen, was ihre Bedürfnisse sind. Wer ihnen Grenzen setzt und warum?

Und warum ist es so schwer, die „Mutheldin“, wie Sie sie nennen, in sich zu entfachen?
Weil viele Frauen tatsächlich in zu vielen sozialen Konflikten stecken. Nehmen wir eine junge Muslimin, die sich in einen Nicht-Muslim oder in eine Frau verliebt. Das wird nicht akzeptiert und auch noch irrsinnig religiös begründet. Viele Frauen trauen sich nicht den eigenen Weg zu gehen, weil sie fürchten, dass es nicht gut geht. Sie haben nie gelernt in Freiheit zu leben. Wenn sie scheitern, empfinden sie das als göttliche Strafe, weil sie sich angeblich von der Religion entfernt haben. Ein typisches Verständnis, das sich auch durch die islamische Geschichte zieht. Das muss überwunden werden.

Sie selbst kommen aus einer religiös gebildeten Familie. Wo haben andere junge Musliminnen in Deutschland die Chance, sich intensiv und kritisch mit Theologie zu beschäftigen?
Das ist ein Dilemma. Wer sich für den Islam interessiert, geht in eine Mosche oder surft im Internet und stoßt vor allem auf kostenlose islamistische Inhalte.

Über das muslimische Führungspersonal in Deutschland sagen Sie, es sei vor allem eins: unfähig. An wen denken Sie da?
Im Grunde an fast alle Funktionäre der Islamverbände. Sie kriegen es nicht auf die Reihe, einen Verband zu organisieren, sind teils sehr zerstritten. Der Ahmadiyya-Gemeinde zum Beispiel wird fast schon der Glaube abgesprochen. Und wenn der Zentralrat der Muslime sagt, dass er sich gegen Extremismus engagiert, dann muss ich schon fragen, warum er über Jahrzehnte hinweg islamistische Literatur und Videos verbreitet hat.

Die Funktionäre sind fast alle Männer. Wie müssen die sich ändern, damit ihre Frauen und Töchter selbstbestimmter leben können?
Sie müssen streng mit sich ins Gericht gehen. Sie müssen sich fragen, welches Frauenbild sie haben und wer es geprägt hat und warum sie daran festhalten und es weiter verbreiten. Warum soll Frau sich verhüllen. Warum der abfällige Blick auf unverheiratete und geschiedene Frauen? Warum habe sie Angst vor weiblicher Sinnlichkeit. Es geht um schmerzhafte Erkenntnisse.

In der ersten Ausgabe Ihres neuen Buches muss ein Satz geschwärzt werden, in dem Sie die Gemeinschaft Millî Görüs kritisieren. Haben Sie mit juristischer Gegenwehr gerechnet?
Nein, überhaupt nicht. Andererseits können sich alle Interessierten nun selbst ein Bild von dem Verein machen. Mein Buch wird aber auch von rechtspopulistischer Seite nicht gern gesehen. Für sie geht Islam und Emanzipation ja nun gar nicht zusammen. Für so manch einen ist das Buch ein Skandal.

Allerdings meinen auch westliche Frauenrechtlerinnen, dass Islam und Feminismus nicht zusammenpassen.
Frauen können sehr wohl jüdisch, muslimisch, christlich, buddhistisch oder sonst was sein und zugleich Feministinnen. Die Frage ist doch: Warum soll ich als Muslimin an sexistischen Auslegungen festhalten?

Brauchen junge Musliminnen in Deutschland die Hilfe westlicher Feministinnen?
Allianzen sind immer gut, der Feminismus lebt ja davon, Benachteiligten zu helfen. Wenn eine Frau ihr Kopftuch nicht mehr tragen möchte, braucht sie Hilfe diesen Schritt zu gehen. Genauso wichtig ist es aber auch, einer Frau beizustehen, die sagt, sie möchte verhüllt unversehrt auf die Straße gehen und am Berufsleben teilhaben. Es geht um Hilfe zur Selbstbestimmung. Trotzdem bleibt der kritische Austausch. Dafür braucht es ganz viel Mut. Vor allem auf muslimischer Seite.

Gibt es eigentlich unter jungen Muslimen eine emanzipatorische Bewegung?
Bei meinen Vorlesungen sagen mir viele muslimische Männer, dass sie sehr froh sind, über das Thema Islam und Emanzipation zu sprechen. Sie sagen, sie finden keinen Kanal, über den sie gehört werden, fühlen sich allein und degradiert. In einigen Städten gibt es das Projekt Heroes. Dort können junge Männer aus Einwanderfamilien – darunter auch Muslime – über den verstörenden Ehrbegriff oder andere Themen reden. Von solchen Projekten brauchen wir viel, viel mehr.

Wie stark oder schwach ist der Feminismus in den Ursprungsländern des Islams?
Das ist besonders spannend. Die Frauen in Deutschland sind viel zaghafter als die Frauen in diesen Ländern. Das hat auch mit ihren Rassismuserfahrungen hier zu tun, mit Muslimfeindlichkeit. Aber die Abwehrhaltung bringt uns nicht weiter. In Marokko haben Frauenrechtlerinnen ein Gesetz gekippt, das einen Vergewaltiger von Strafe verschonte, wenn er sein Opfer heiratete. Im Iran zeigen sich junge Frauen ohne Schleier und in Saudi-Arabien filmen sich Frauen am Steuer.

Interview: Karin Dalka, Viktor Funk

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