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In Moskau ist sexuelle Gewalt gegen Frauen an der Tagesordnung.
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In Moskau ist sexuelle Gewalt gegen Frauen an der Tagesordnung.

Russland

Feminismus gilt als wenig schick

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Viele Russen sehen den Missbrauchs-Skandal um Harvey Weinstein als Luxusproblem.

Auch Moskau hat seinen Missbrauchs-Skandal. Die Beteiligten heißen aber nicht Harvey Weinstein oder Kevin Spacey, sondern Sergei Semjonow und Diana Schurygina. Der Student Semjonow, 21, wurde im Dezember 2016 für schuldig befunden, bei einer Party in der Provinzstadt Uljanowsk die angetrunkene Diana Schurygina, damals 16, vergewaltigt zu haben. Er wurde zu acht Jahren Haft verurteilt, kam aber schon diesen Januar frei. Danach traten beide parallel in zwei Klatschshows des Staatsfernsehens auf. 

Semjonow beteuerte gut gelaunt seine Unschuld, Schurygina schmollte, lief aus dem Studio, kehrte zurück, beschimpfte Semjonow als „Ziegenbock“. Beider Unterstützergruppen in den Sozialen Netzwerken zählen inzwischen Hunderttausende Fans. Vor der Fernsehnation aber streiten TV-Anwälte, Schlagerstars oder Bodybuilder über die klassische Frage: Hat der smarte Sergei wirklich Gewalt anwenden müssen, um die mit Vorliebe in hautengen Stretchkleidern posierende Diana „rumzukriegen“? 

Feminismus gilt in Russland als wenig schick, der Mainstream gibt sich patriarchalisch, reagiert auf die Nötigungs-Debatte im Westen ironisch. Der TV-Star Nikita Dschigurda küsste kürzlich in der Reality-Show „Haus 2“ der Moderatorin Olga Busowa die Oberschenkel ab, und verkündete auf Instagram, im Licht des Hollywood-Harassment-Skandals habe er dafür Gefängnis verdient. Die Schauspielerin Irina Besrukowa erklärte, nur einmal habe sich ein Regisseur ihr gegenüber Anzüglichkeiten erlaubt, aber sie habe ihn mit einer Ohrfeige zur Räson gebracht.

Auch liberale Moskauer Medien feierten Frankreichs Diva Catherine Deneuve, nachdem sie vergangene Woche für das Männerrecht auf Anmache plädiert hatte. „Von meinem russischen Standpunkt aus übertreiben die Feministinnen hier“, sagt die in Paris lebende Publizistin Anastasia Kirilenko der FR. „Sie wollen den Männern sogar verbieten, über Frauen zu reden.“ Sexuelle Gewalt gäbe es überall, aber die Gefahr sei in Russland größer. „Als mich in Moskau auf der Straße frühmorgens ein Mann belästigte und ich den einzigen Passanten weit und breit zu Hilfe rief, hatte der nur Beschimpfungen für mich übrig.“

Die Missbrauchs-Vorwürfe gegen Harvey Weinstein erscheinen vielen Russinnen als Luxusproblem. Die TV-Schauspielerin Anastasia Samburgskaja outete sich unlängst, sie sei in einer Familie aufgewachsen, in der männliche Gewalt zur Tagesordnung gehörten. Nach Angaben des Innenministeriums wurden 2016 etwa 15 000 Frauen und Kinder durch Gewalttaten ihrer engen Verwandten verletzt, laut dem Radiosender Komsomolskaja Prawda kommen jährlich gar an die 14 000 Frauen und 2000 Kinder durch häusliche Gewalt um. „Wir lächeln über Harvey Weinsteins ,Nötigungen‘, weil Gewalt für uns längst Alltag ist“, schreibt die Zeitung gazeta.ru. 

Umso skeptischer beäugen die Russen den Pathos der westlichen Antinötigungs-Bewegung. „Das Prinzip der Unschuldsvermutung wird durch Inquisition verdrängt“, wettert die liberale Radiokommentatorin Julia Latynina. Und die Moskauer Familienanwältin Maria Jarmusch staunt: „Als Jurist verstehe ich nicht, dass etwas als reine Wahrheit gilt, nur weil es Angelina Jolie gesagt hat. Ohne einen Beweis zu liefern, über Dinge, die zehn oder zwanzig Jahre zurückliegen. In Russland würde kein Gericht so eine Klage annehmen.“ 

Und der nach Estland emigrierte Journalist Artemi Troizki bloggt, in den Neunziger Jahren hätten ihm als Chefredakteur des russischen Playboys diverse weibliche Jungprominente Intimität angeboten, um ihre Fotos in der Zeitschrift zu platzieren. „War ich auch ein Opfer sexueller Nötigung?“ – Es scheint, als wollten nur wenige Russen die #MeToo-Debatte ernst nehmen.

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