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Renate Künast (r) tritt gegen Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit an.

Renate Künast

Das Fell der großen Bärin

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Die Grünen im Bundestag sehen die Berlin-Kandidatur Renate Künasts mit Wohlwollen – und beginnen schon einmal, über ihre Nachfolge als Fraktionschefin nachzudenken

Gegen Mittag piepen die Handys der grünen Bundestagsabgeordneten. Die Pressestelle bittet, heute am besten gar nicht mit den Medien zu telefonieren. Jedenfalls nicht, wenn es um die Berlin-Kandidatur ihrer Noch-Fraktionschefin Renate Künast gehe. Man wolle eben professionell damit umgehen, sagt einer aus der Fraktionsspitze, der trotzdem ans Telefon geht. Und dazu gehöre halt, dass es so lange nichts zu kommentieren gibt, wie sich Künast nicht erklärt habe. Danach dann gern: „Wir unterstützen alle unsere Kandidaten, besonders die, die bei den nächsten Länderwahlen Chancen aufs Spitzenamt haben.“

So wirkt Künasts Kandidatur-Countdown regelrecht orchestriert: Stückweise wuchsen die Gerüchte heran, von Künast selbst weder dementiert, noch bestätigt – dafür geschürt durch PR-Aktionen wie Bärenpatenschaften und Wahlkreisbesuche sowie häufiges Illustrieren ihrer Ziele am Beispiel Berlin. Dass sich nun ein Berliner Grüner verplappert haben soll, klingt da erfunden. Denn zwar ist die offizielle Sprachregelung der Bundestagsfraktion nur: „Wir bestätigen, dass Frau Künast auf dem Mitgliederabend in Berlin sprechen wird.“ Aber das soll eher die Spannung steigern.

Bundesvorstand steht hinter der Kandidatur

Im Grünen-Bundesvorstand sieht man die mögliche Kandidatur mit Wohlwollen. Jeder grüne Regierungschef stärke ja den Auftritt der Gesamtpartei. So war es kaum ein Zufall, dass Parteichefin Claudia Roth jüngst in eine Kamera sagte, Künast wäre „eine sehr gute Bürgermeisterin“. Doch auch in der Bundestagsfraktion findet sich so schnell keiner, der es skeptisch sähe, dass Künast in den Hauptstadtwahlkampf zieht. Nicht mal, dass sie währenddessen Fraktionsvorsitzende bleiben soll. „Die Themen im Berlin-Wahlkampf unterscheiden sich kaum von denen im Bund“, sagt eine Grüne mit Leitungsjob und nennt als Beispiele Sparzwang, Energie, Verkehr und Migration.

Ohnehin würden alle Bundestagsabgeordneten Wahlkampf in den Ländern betreiben – und Künasts Wahlkreis liegt ja in Berlin. „Sie kommt aus der Stadt und muss nicht mehr den Unterschied zwischen Karl-Marx-Straße und Karl-Marx-Allee lernen wie damals Friedbert Pflüger als CDU-Kandidat“, sagt ein Fraktionskollege mit Berliner Wahlkreis. Insofern sehe er kein Glaubwürdigkeits-Problem darin, wenn Künast ein „Rückfahrticket“ zur Bedingung für ihre Kandidatur mache.

Trittin bekäme noch mehr Macht

Tatsächlich hieße eine Künast, die mit einem Bein im Reichstag und mit einem auf der Schwelle zum Roten Rathaus steht, natürlich auch, dass die Machtfrage in der Fraktion lange ungeklärt bliebe. Gewinnt sie die Wahl, bekommt ihr Co-Fraktionsvorsitzender Jürgen Trittin, der ohnehin längst als heimlicher Parteichef und manchen gar als eigentlicher Oppositionsführer gilt, noch mehr Macht. Kommt Künast zurück, weil nur Oppositionsbank oder Senatorensessel drin gewesen wären, hätten die Grünen eine Fraktionschefin, die gerade eine ambitionierte Wahl verloren hat. Auch dann stünde der Parteilinke Trittin besser da als sie.

Aber das stört kaum einen der Abgeordneten. Vielen, selbst strammen Realos, gefällt Trittins moderierender Führungsstil. Während in der vorigen Legislatur, unter Künast und Fritz Kuhn, das Klima oft aggressiv bis autoritär gewesen sei, arbeitet Trittin konsensorientiert. Einige Parteilinke liebäugeln deshalb schon mit dem Gedanken, bei einem Wechsel Künasts in den Berliner Senat die Doppelspitze in der Fraktion aufzugeben und Trittin zum alleinigen Chef zu machen. Eine der drei bis vier Realo-Frauen aus der Fraktion kündigt jedoch bereits an, dass es dazu nicht kommen werde. Man werde darauf bestehen, dass sowohl eine Frau als auch eine Reala Renate Künast beerbe. Ähm, falls sie denn antritt. Und gewinnt.

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