Feldherrnhügel

Wolfgang Sofsky blickt auf den Krieg in Irak

Von Kersten Knipp

So viel Irrtum war nie. Die Zahl der Toten blieb überschaubar, der politische Flächenbrand zündete nicht, Staatsgrenzen stürzten nicht ein. Als kaum fundiert bis offen ignorant erweisen sich im Nachhinein die Argumente jener, die gegen den Irak-Krieg aufbegehrten und vor nicht wieder gutzumachenden Schäden warnten. Und besonders peinlich: Die Mahner und Warner können noch nicht einmal behaupten, mit ihren Protestmärschen und Friedensdemos das Schlimmste verhindert, die Wucht der Kriegsmacht ausgebremst, die fürchterlichsten Exzesse im Vorfeld verhindert zu haben. Die Wirkung des Protests auf den Kriegsverlauf tendierte gegen null, blieb ebenso ohnmächtig wie die Friedensbewegung der frühen achtziger Jahre, deren Protagonisten sich allen Ernstes einbildeten, wesentlichen Einfluss auf das Ende des Kalten Krieges genommen zu haben - ganz so, als sei dem Ostblock beim Wettrüsten nicht schlicht der Atem ausgegangen. Wenige Monate nach Ende des Irak-Krieges kommt man um das Zugeständnis nicht umhin: Die USA haben in Irak einen chirurgischen, einen Präzisionskrieg mit sehr begrenzter Opferzahl geführt - jedenfalls im Verhältnis zu den prognostizierten Hunderttausenden von Toten.

Dieses Resultat vor Augen, wird man Wolfgang Sofskys vor und während des Irak-Feldzugs geschriebenen Analysen des Krieges, vor allem aber seinen Auseinandersetzungen mit den Argumenten von dessen Gegnern, in vielem zustimmen. "Ressentiments", schrieb Sofsky etwa im Januar dieses Jahres, "sind gegen Argumente immun. Auf logische Konsistenz oder Kohärenz, auf historische Wahrheit oder Gerechtigkeit kommt es gar nicht an." Entkräften, könnte man den Gedanken fortführen, lassen sich Ressentiments daher nur durch die Fakten, in diesem Fall: den raschen Sieg der Amerikaner.

Am überraschendsten an dem Anti-Kriegs-Protest Friedensbewegung war wohl sein rascher Zusammenbruch angesichts der unerwarteten, zügigen Erfolge der US-Militärs: Schien noch am 22. März dieses Jahres ein pazifistischer Gleichklang nahezu die gesamte Weltbevölkerung zu einen, so wirkte eine Woche später der Anblick der - verschwindend wenigen - Demonstrierenden bereits seltsam anachronistisch. Selten wurde so deutlich, dass auch der Pazifismus seine Konjunkturen hat, auf Stimmungen angewiesen ist - und deren Höhepunkt blitzschnell erkennen muss, um sich Ausdruck zu verschaffen.

Vieles von dem, was Sofsky während jener Tage schrieb und veröffentlichte, hat sich als zutreffend erwiesen. Und doch geht auch Sofskys Argumentation bisweilen zu sehr aufs Grundsätzliche. "Ressentiments", deutet er die pazifistischen Regungen in Europa weiter, "nähren sich aus dem Gefühl der Unterlegenheit. Den epochalen Sieg der amerikanischen Massenkultur konnte die distinguierte Geisteselite Europas nie recht verwinden." Die Bedenken gegen den Krieg - nichts als eine Reaktualisierung des alteuropäischen Minderwertigkeitskomplexes? Mit seinem Verweis auf tief liegende polit-psychologische Befindlichkeiten macht es sich Sofsky dann doch etwas zu einfach, denn darüber lässt er allzu viele Argumentationsstränge aus. Es hätte dem Buch gut getan, Autor und Verleger hätten sich mit der Veröffentlichung noch etwas geduldet und ihm aus der zeitlichen Distanz ein Nachwort hinzugefügt, anstatt es sang- und klanglos mit Sofskys Notizen vom 16. April 2003 enden zu lassen.

Dann nämlich wäre Sofsky Zeit geblieben, sich auch mit dem zentralen und nachhaltigsten Argument der Kriegsgegner auseinander zu setzen: Kann es sein, dass in Zukunft eine einzige Nation bestimmt, wo es langgeht in der Welt? Darf der mächtigste Staat der Welt den Einspruch so vieler anderer Nationen schlicht ignorieren, mit seiner Waffenmacht die globale politische Landkarte ungehindert nach seinen Vorstellungen ordnen? Dieser Frage nähert sich Sofsky allenfalls in positivistischem Gleichmut: "Verbündete braucht ein Imperium nicht. Sie sind nützlich, aber verzichtbar." Wohl wahr. Aber soll er es bei dem bloßen Hinweis belassen? Er wird ja auch durch den Umstand nicht entschärft, dass die Entmachtung des Diktators am Ende eine gerechte Sache war. Wenn die USA eine Supermacht sind: Wie soll sie sich künftig vor sich selber schützen?

Das Eingeständnis des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums, die Suche nach den angeblichen Vernichtungswaffen zuletzt nur als Vorwand genutzt zu haben, zeigt ebenso wie die offenkundig gewordene Manipulation britischer Geheimdienstpapiere, wie notwendig funktionierende Kontrollmechanismen sind. Die, die diesen Krieg planten, behexten mit Halbwahrheiten eine Öffentlichkeit, die sich zügig für den Krieg begeistern ließ. Die große europäische Öffentlichkeit mag auf einem Auge blind gewesen sein - die nordamerikanische, stellte sich einige Wochen später heraus, war es nicht minder.

Hierauf hätte Sofsky eingehen müssen. So aber bleibt diese Sammlung bereits veröffentlichter Essays ein etwas voreiliges Machwerk, das zwar viele nach wie vor gültige Argumente vereint, aus der zeitlichen Distanz aber seinerseits deutliche Einseitigkeit erkennen lässt. Welchen Sinn die ebenfalls in dem Buch versammelten Reportagen erfüllen sollen, muss sich der Verlag ebenfalls fragen lassen. In drängendem Präsens geschrieben, zeugen sie von einer druckvollen Ästhetik der Kriegsberichterstattung, die Sofsky einmal mehr als begabten Stilisten ausweist. Sie lesen sich, als wäre Sofsky, anstatt im Göttinger Studierzimmer CNN und BBC zu schauen, auf den Feldherrnhügel gestiegen und hätte die Heeresbewegungen realiter registriert. Journalistischer Pseudorealismus, so die Lehre dieser Passagen, ist vom Fernsehen längst ins Buch gewandert.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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