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Syrien: Russland zieht sich zurück – und überlässt Erdogan das Feld

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Wegen des Ukraine-Krieges muss Russland Truppen aus Syrien abziehen. In diesen Gebieten könnte es bald eine türkische Offensive geben.

Istanbul – Syrische Oppositionsvertreter sagten The Daily Beast, dass sie von einem türkischen Angriff ausgehen, da Russland seine Militärpräsenz in Syrien verringert hat. Mitglieder der oppositionellen Syrischen Nationalen Armee (SNA) bestätigen dies. Russland scheint die Soldaten für den Ukraine-Krieg zu brauchen. Unter anderem die Stadt Tal Rifaat hätten die Russen verlassen. Für die an die Türkei grenzende Stadt plane die Türkei eine Militäroperation gegen die syrisch-kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG). Die SNA sagte dafür schon ihre Unterstützung zu, wie Yusuf Hammoud, ein Offizier und ehemaliger Sprecher der SNA erklärte.

Laut dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sei die militärische Operation nötig, um eine „Sicherheitszone“ an der türkischen Grenze zu errichten. In dieser sollen dann eine Million syrische Flüchtlinge untergebracht werden. Dass Erdogan dies nun forciert, hat auch die eigene Person betreffende Hintergründe. Zuletzt kam es immer wieder zu Konflikten zwischen syrischen Flüchtlingen und Einheimischen in der Türkei. Um den innenpolitischen Druck und die Wirtschaftskrise zu bewältigen, greift Erdogan jetzt zu dieser Maßnahme. Im kommenden Jahr sind Wahlen in der Türkei.

Ein türkischer Militär-Konvoi in Syrien. Russische Truppen überlassen den türkischen das Feld (Archivbild).
Ein türkischer Militär-Konvoi in Syrien. Russische Truppen überlassen den türkischen das Feld (Archivbild). © Moawia Atrash/imago

Ukraine-Krieg: Türkische Militäroperation könnte zum NATO-Konflikt werden

Dennoch birgt die geplante Militäroperation große Brisanz. Die Gruppen in den Gebieten werden von Russland unterstützt. Das NATO-Mitglied Türkei könnte somit in eine direkte Konfrontation mit Russland geraten. Zudem würde ein Angriff auch zu Verlusten bei syrischen Zivilist:innen führen.

Zu dem Zeitpunkt des Angriffs gibt es keine Angaben. „Wie ich immer sage, werden wir eines Nachts plötzlich über sie herfallen. Und das müssen wir“, erklärte der türkische Präsident Ende Mai Associated Press. Die Türkei sieht die YPG als Ableger der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK). Sowohl die Türkei als auch die EU und die USA stufen die PKK als terroristische Organisation ein. Dennoch hießen die letzteren beiden nicht alle Angriffe auf die YPG in Syrien gut. Vor allem Russland und Präsident Wladimir Putin verärgerten diese Angriffe. Sie unterstützen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad.

In der Historie des Spannungsverhältnisses zwischen Russland und der Türkei ist noch der Abschuss eines russischen Kampfflugzeuges präsent. Daraufhin hatte Russland Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei verhängt. Erdogan habe sich jedoch mittlerweile für diese Aktion entschuldigt. Russlands staatliche Nachrichtenagentur Tass berichtete von einem Versuch der Russen, die Türkei von der Militäroperation abzubringen.

Russland könnte Vorteile aus türkischem Angriff ziehen

Auch Ned Price, Sprecher des US-Außenministeriums, hat seine Bedenken bei einem türkischen Angriff. So könnten dadurch USA-Truppen, die sich im Kampf gegen den IS befinden, in Gefahr gebracht werden.

Der Moskauer Analyst Kerim Has hat sich auf türkisch-russische Beziehungen spezialisiert. Er erklärt sich eine mögliche Freigabe Russlands für einen türkischen Angriff mit dem Ukraine-Krieg. Obwohl die Türkei zur Nato gehört, hat sie sich den Sanktionen der meisten Nato-Länder nicht angeschlossen. Außerdem blockiert Ankara die Aufnahme von Schweden und Finnland in das Bündnis. Auch das ist im Interesse Russlands. Daraus könnte eine Abhängigkeit Russlands von der Türkei entstanden sein. Ein türkischer Sieg in Syrien könnte Erdogans Ansehen in der Türkei stärken und damit wiederum Russland helfen.

Derweil haben iranische Truppen einige der zuvor von Russland besetzten Gebiete übernommen. Da der Iran und die Türkei eine Rivalität pflegen, motiviert die iranische Präsenz die Türkei noch mehr zu einem Angriff. Dies ist zumindest die Einschätzung des hochrangigen Führers des Kurdischen Nationalrats, Mohammad Ismail. (Jan Oeftger)

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