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Bislang zumindest zum Teil made in Britain: Premier Boris Johnson (r.) inspiziert ein nuklear bewaffnetes U-Boot der Vanguard-Klasse.
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Bislang zumindest zum Teil made in Britain: Premier Boris Johnson (r.) inspiziert ein nuklear bewaffnetes U-Boot der Vanguard-Klasse.

Britische Waffenindustrie

Brexit: Großbritanniens Rüstungsfirmen droht feindliche Übernahme

  • Sebastian Borger
    VonSebastian Borger
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Britische Rüstungsunternehmen post-Brexit fürchten immer öfter, von US-amerikanischen Firmen zerschlagen zu werden.

London - Der chaotische Abzug aus Afghanistan hat der britischen Öffentlichkeit brutal die militärische Abhängigkeit ihres Landes von den USA vor Augen geführt. Umso dringlicher werden die Forderungen von Außen-, Verteidigungs- und Börsenfachleuten, die konservative Regierung von Premierminister Boris Johnson müsse strategisch wichtige Rüstungsunternehmen im Land halten.

Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng hat jetzt die Übernahme eines bedeutenden Zulieferers der Royal Navy durch eine US-Firma vorläufig blockiert und die Kartellbehörde mit der Prüfung des Deals beauftragt, denn: „Ausländische Investitionen dürfen nicht unsere nationale Sicherheit bedrohen“, so Kwarteng. Der Minister reagiert damit aber weniger auf die aktuelle Politik der USA in Afghanistan, als vielmehr auf längerfristige Bedenken gegen den Ausverkauf britischer Firmen an Investorinnen und Investoren aus aller Welt.

Zuletzt konzentrierte sich das britische Misstrauen vor allem auf Investitionen chinesischer Firmen. Diese werden als zu wenig unabhängig vom zunehmend aggressiv auftretenden nationalkommunistischen Regime in Peking wahrgenommen.

Britische Rüstungsindustrie: Viele Geschäfte in den USA

In der Rüstungsindustrie gehören transatlantische Verbindungen jedoch bislang zur Tradition. Das britische Unternehmen BAE Systems, vom Stockholmer Sipri-Institut als weltweit siebtgrößter Waffenlieferant mit einem Umsatz von 18,8 Milliarden Euro geführt, macht einen Großteil seiner Geschäfte in den USA. Auch viele Zulieferer sind von den größten Streitkräften der Welt abhängig. Das gilt für das Luftfahrt-Unternehmen Meggitt, das unter anderem Räder und Bremsen für den Bau des US-Kampfhubschraubers Apache des Boeing-Konzerns herstellt.

Um die im mittelenglischen Coventry ansässige Firma ist ein Bieterstreit zwischen zwei US-amerikanischen Konkurrenten entstanden. Das Meggitt-Management hat bereits dem Kauf durch Parker-Hannifin zum Preis von umgerechnet 8,27 Milliarden Euro zugestimmt; diese Woche drohte die Transdigm-Gruppe mit einer feindlichen Übernahme, bei der Meggitts Wert mit 9,1 Milliarden Euro Franken beziffert wird.

Bereits vollzogen schien der Kauf des Marine-Zulieferers Ultra Electronics durch die Bostoner Private Equity-Firma Advent International; auch hier stimmte der Vorstand des börsennotierten Unternehmens dem Preis von 2,6 Milliarden Pfund (drei Milliarden Euro) zu. Dass Kwarteng den Deal vorläufig gestoppt hat, dürfte mit der wesentlich empfindlicheren Technik zu tun haben, die von den 4500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Londoner Firma hergestellt wird: Unter anderem steuern Ultra-Bauteile die atomar angetriebenen Unterseeboote der Royal Navy, auch die nuklear bewaffneten der Vanguard-Klasse.

Ein Tory warnt vor dem „Ausbluten der Industrie“

Für hochgezogene Augenbrauen sorgt auch der Käufer. Erst im vergangenen Jahr erwarb Advent nach längerer Kontroverse den britischen Luftfahrtzulieferer Cobham. Wie auch jetzt beim Ultra-Deal wurde der Kauf von allerlei schönen Versprechungen begleitet, das technische Know-how zu erhalten und weiterzuentwickeln.

In Wirklichkeit wurde das traditionsreiche Unternehmen blitzschnell in seine Einzelteile zerlegt, lukrative Unternehmenssparten für schöne Gewinne weiterverkauft, die Produktion in Großbritannien eingestellt. Advent entsprach damit dem verheerenden Image von Private Equity: Die einst vom deutschen SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering als „Heuschrecken“ denunzierte Branche ist darauf spezialisiert, rasche Gewinne für die eigenen Anteilseigner:innen zu erwirtschaften, häufig auf dem Rücken von Arbeitnehmenden und Zulieferfirmen.

Dementsprechend lautstark fallen die Proteste von Rüstungsfachleuten und Gewerkschaften aus. Steve Turner von der zuständigen Gewerkschaft Unite sieht die Stabilität und langfristige Innovation des Sektors bedroht. Der konservative Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Unterhaus, Tobias Ellwood, warnt vor „dem Ausbluten unserer Industrie“; dadurch werde man in der Beschaffung von Waffen und Material noch abhängiger vom Ausland als ohnehin schon. Der frühere Chef der Royal Navy, Admiral Alan West, verweist auf die erst im Frühjahr erneuerte Regierungsdoktrin zur Außen- und Sicherheitspolitik, in der die Bedeutung nationaler Ressourcen wie leistungsfähiger Waffenhersteller beschworen wird.

Betroffen vom Kaufrausch ausländischer, vor allem US-amerikanischer Unternehmen ist keineswegs nur die Rüstungsbranche. Aufsehen erregt auch der Bieterkampf um den 122 Jahre alten Einzelhändler Morrison, die viertgrößte Supermarktkette des Landes. In den vergangenen acht Monaten gaben Investoren mehr Geld für britische Firmen aus als in den fünf Jahren zuvor. Bis Ende Juli wechselten in diesem Jahr dem Datensammler Refinitiv zufolge Unternehmen im Gesamtwert von 169 Milliarden Euro die Besitzer:innen.

Der Brexit und ein starker Dollar tun ihr Übriges

Ein aufgestauter Bedarf nach der Zögerlichkeit infolge des Brexit-Referendums von 2016 dürfte dabei eine Rolle spielen. Zudem steht der Dollar gegenüber dem Pfund hoch im Kurs.

Ob Kwarteng mit der Einschaltung der Wettbewerbsbehörde lediglich aufgeregte Börsianer:innen in der Londoner City beruhigen oder tatsächlich den Investorinnen und Investoren größere Zugeständnisse abverlangen will, bleibt abzuwarten. Der Minister gehört zu einer Riege einflussreicher Torys, die vor einem Jahrzehnt dem praktisch ungehinderten freien Markt das Wort redeten. Hingegen hat die Brexit-Regierung eine aktivere Industriepolitik angekündigt; damit wollen die Konservativen den Bedenken der Menschen in bisher benachteiligten Regionen Rechnung tragen.

An Neujahr tritt deshalb ein neues Gesetz in Kraft, das der Regierung größere Interventionsmöglichkeiten einräumt, wenn ausländische Staatsbürger:innen in sicherheitsrelevante Firmen investieren wollen. (Sebastian Borger)

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