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Vorletzte Ruhestätte: In New York warten Leichen in Kühltransportern auf ihre Beerdigung. Die Bestatter sind durch Corona überlastet.

USA

Der „Feind“ wütet im Weißen Haus

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Im Regierungssitz des US-Präsidenten infizieren sich immer mehr Angestellte – doch Trump will keine Maske tragen.

Draußen vor dem 3,90 Meter hohen Stahlzaun wird die Körpertemperatur jedes Besuchers gemessen. Drinnen wird das Mobiliar regelmäßig desinfiziert, und das Personal muss alle paar Tage zum Covid-19-Test: Kaum ein Bürogebäude der USA ist so hermetisch gegen Eindringlinge abgesichert wie das Weiße Haus. Und keines sollte so gut vor dem Coronavirus geschützt sein. Doch seit ein paar Tagen entwickelt sich die Schaltstelle der Weltmacht zu einem Hotspot der tückischen Pandemie. Am Donnerstag wurde bekannt, dass sich ein Navy-Unteroffizier, der dem Präsidenten das Essen serviert, infiziert hat. Am Freitag wurde die Sprecherin des Vizepräsidenten positiv getestet. Doch Pence will sich Medienberichten zufolge nicht vorsorglich in Quarantäne begeben.

Der legendäre West Wing – ein Gefahrenherd außer Kontrolle? „Das Weiße Haus arbeitet sicher“, widerspricht Regierungssprecherin Kayleigh McEnany entschieden: „Wir haben jede mögliche Vorkehr zum Schutz des Präsidenten ergriffen.“ Wirklich beruhigend klingt das nicht. Seit neuestem müssen die Bediensteten einen Mundschutz tragen, wie er anderswo längst vorgeschrieben ist. Den Korrespondenten, die in dem Gebäude mit seinen engen Gängen und Büros arbeiten, werden tägliche Covid-Tests angeboten. Doch Trump hält keinen Abstand und verweigert das Maskentragen. Und in den Drogeriemärkten und Apotheken des reichsten Landes der Welt sind seit Wochen weder Masken, noch Desinfektionsmittel oder gar Tests zu bekommen. So wird das von außen säulenverzierte und von innen toxische Gebäude an der Pennsylvania Avenue 1600 zum Spiegelbild einer Nation, die sich für außergewöhnlich hielt und nun ihr Versagen erlebt.

Vier Monate nach dem ersten Covid-Fall bieten die USA ein katastrophales Bild: Während anderswo die Neuinfektionen zurückgehen, kommen in Amerika jeden Tag mehr als 20 000 neue Fälle hinzu. 1,4 Millionen Menschen haben sich bereits angesteckt. Aktuell sind fünfzigmal so viele Personen infiziert wie in Deutschland. Mehr als 80 000 sind gestorben. Derweil stürzt das Land wirtschaftlich in die schwerste Krise seit der Großen Depression der 1930er Jahre. Mehr als 33 Millionen Frauen und Männer haben ihren Job verloren.

Offiziell lag die Arbeitslosenquote im April bei 14,7 Prozent – zweieinhalb Mal so hoch wie in Deutschland. Doch selbst Finanzminister Steven Mnuchin räumt ein, dass der Wert bald auf 25 Prozent steigen könnte. In einem Land mit einem sklerotischen Sozialsystem und einer an den Arbeitgeber gekoppelten Krankenversicherung sind das verheerende Aussichten. Schon jetzt bilden sich überall im Land Schlangen vor den Suppenküchen.

Trump hingegen verkündet immer neue Erfolge. „Es ist ein Wunder, was wir erreicht haben“, fabuliert er. Von Anfang an haben ihn seine Umfragewerte mehr interessiert als die Infektionszahlen. Nun versucht er die Pandemie endgültig zu den Akten zu legen. Bis zur Wahl im November will er den ökonomischen Wunderheiler geben, der das Land aus seinem tiefsten Tal zu ungeahnter Prosperität führt.

Erratische Kurswechsel, offene Lügen und organisatorisches Versagen sind mittlweile typisch für die Washingtoner Corona-Politik. Trotz früher Warnungen vor der herannahenden Pandemie verbrachte der Präsident den März weitgehend auf dem Golfplatz oder bei Kundgebungen. Als dann in New York die Apokalypse drohte und überall Schutzkleidung und Beatmungsgeräte fehlten, konkurrierten die US-Regierung und die Bundesstaaten auf dem Weltmarkt um die knappen lebensrettenden Produkte. „Wir testen mehr als irgendjemand sonst auf der Welt“, brüstet sich Trump inzwischen. Tatsächlich haben die USA mehr als acht Millionen Covid-Tests durchgeführt, doch die Untersuchungen kommen viel langsamer voran als erforderlich. Pro Tag werden 250 000 Tests durchgeführt. Nach Berechnungen der Gesundheitsexperten der Harvard-Universität wären aber mindestens 900 000 erforderlich – und der Bedarf steigt mit der Rückkehr der Beschäftigten in Fabriken und Büros.

So wird die Wirtschaft in den USA gleichsam im Blindflug geöffnet. Weder gibt es eine Strategie zur Verfolgung der Infektionskette mit einem Tracking-System, noch verlässliche Handreichungen für die Unternehmen. Dass nicht einmal das Weiße Haus einen gefahrlosen Betrieb für seine Beschäftigten organisieren kann, stärkt das Vertrauen in die Regierung kaum.

Noch beunruhigender ist ein Bericht der „Washington Post“, demzufolge sich Deborah Birx, die offizielle Corona-Beauftragte der Regierung, über die antiquierte offizielle Infektionsstatistik empörte. „Es gibt nichts von der CDC, dem ich trauen kann“, soll die Wissenschaftlerin geschimpft haben. Schon vor drei Wochen hatte Birx schwer an sich halten müssen. Da hatte der Präsident in einer Pressekonferenz zum Entsetzen der Fachleute plötzlich über die Injektion von Desinfektionsmitteln zur Corona-Therapie schwadroniert. Am Tag darauf wurde das tägliche Briefing abgeschafft. Mit weiteren lebensgefährlichen Gesundheitstipps hält sich Trump bislang zwar zurück. Doch nun räsoniert er plötzlich, die Covid-Tests seien „überbewertet“ und untergräbt damit den Eckpfeiler der eigenen Öffnungspolitik.

Angesichts derart chaotischer Signale befürchten Ökonomen schon, dass sich das Comeback der ökonomischen Supermacht zu einer wilden Schleuderfahrt von überstürzten Öffnungen, unkontrollierter Ausbreitung der Infektion und fehlender Unterstützung für die Krisenopfer wird. Die Mittel des Paycheck Protection Program, das Kleinunternehmen bei der Lohnzahlung unterstützen soll, werden spätestens zum Monatsende aufgebraucht sein. Das reguläre Arbeitslosengeld läuft in einigen Bundesstaaten nach drei Monaten aus, und der besondere Krisenzuschlag von wöchentlich 600 Dollar endet im Juli.

Auf eine neues billionenschweres Konjunkturpaket aber können sich die verfeindeten Republikaner und Demokraten im Kongress nicht einigen, weil Trumps Partei kein weiteres Geld für direkte Hilfen lockermachen will.

Falls die Sache schiefgeht, hat Trump die Sündenböcke schon markiert. Natürlich werden die Demokraten, die Gouverneure und die Medien schuld sein. Doch zunehmend schießt sich der Präsident auf einen noch mächtigeren Widersacher ein. „Das ist der schlimmste Angriff, den wir je erlebt haben“, empört er sich: „Das hätte in China gestoppt werden können – wurde es aber nicht.“ Nun hat die Regierung in Peking anfangs zweifellos schwere Fehler im Umgang mit der Corona-Pandemie gemacht. Aber für Trumps Mutmaßung, das Virus könne aus einem Labor in Wuhan entwichen sein, gibt es keinerlei Belege. Und seine mit fremdenfeindlichen Tönen unterlegte Drohung mit einer Bestrafung der Volksrepublik mag die Wähler in Texas oder Nevada begeistern. Pekings dringend erforderliche Bereitschaft zur Transparenz und Zusammenarbeit wird sie sicher nicht befördern.

Mit dem Alleingang rückt Trump auch immer weiter von den westlichen Verbündeten ab, die seine wirre Corona-Politik ohnehin mit Befremden verfolgen. „Ich habe mit Angela Merkel gesprochen“, brüstete sich der US-Präsident vor republikanischen Abgeordneten. Auch mit vielen anderen Regierungschefs habe er sich über die Wiederöffnung der Wirtschaft ausgetauscht: „Sie alle sehen uns als Führer der Welt. Und sie werden uns folgen.“ Niemand widersprach. Doch nicht einmal Trumps eigene Parteifreunde dürften das ernsthaft glauben.

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