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Terror in den Straßen: Die nordsyrische Stadt Kamischli nach einem Autobombenanschlag.

Kamischli

Krieg in Syrien: Der Feind lauert überall

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Verfeindete Mächte, humanitäre Not und keine Aussicht auf Hilfe. In der Stadt Kamischli zeigt sich der Irrsinn des Syrienkriegs. Reporter Cedric Rehman war dort.

In der Hölle müsse es schon einen Platz geben für die Christen aus Europa, sagt Fadi Sabri Habsoori im Alsalam-Krankenhaus von Kamischli. Er ist syrischer Christ und seine assyrisch-aramäische Volksgruppe gehört gemeinsam mit den Arabern zu den Minderheiten im kurdisch dominierten Nordsyrien. Die Retter zogen seine Frau Juliette nach einem türkischen Luftangriff aus den Trümmern ihres Hauses. Die Ärzte in der Alsalam-Klinik stellten fest, dass ihre Wirbelsäule gebrochen ist. Ihre Beine wird sie nie wieder bewegen.

Die 32-jährige Mutter starrt ins Leere und stöhnt. Die Klinik müsse Schmerzmittel sparsam anwenden, heißt es. Denn wer weiß, was in den nächsten Tagen und Wochen noch auf Nordsyrien zukommt. Ihr Mann Fadi hält sich eine vernähte Wunde am Bauch. Er schaut zur Seite, als ein Reporter aus Europa den Raum betritt. Mit Ausländern aus dem Westen spreche er nicht, sagt er. Ärzte versuchen, ihn zu beruhigen. Schließlich sagt er doch etwas zu dem Europäer: Er fürchte die syrischen Rebellen, sagt er. Von der Türkei unterstützte Teile der früheren Freien Syrischen Armee (FSA) kämpfen als Bodentruppen unter dem Schutz der türkischen Luftwaffe gegen die „Syrisch Demokratischen Kräfte“ (SDF) in Nordsyrien. Für ihn seien die Gegner des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad alle Dschihadisten. Jeder im Westen wisse, was deren Herrschaft für Christen bedeute, erklärt Habsoori.

Der Syrer wäre mit seiner Frau und seinen Kindern längst über die Schmugglerpfade in die benachbarte Autonome Kurdenregion im Nordirak geflohen, sagt der 38-Jährige. „Aber wie soll ich in meinem Zustand meine Frau tragen?“ Die christlichen Länder im Westen trügen die Schuld daran, dass Christen wie er in Syrien nun in der Falle säßen. Schließlich hätten die USA durch ihren überhasteten Rückzug aus Nordsyrien die türkische Offensive erst möglich gemacht und die Europäer hätten außer mahnenden Worten nichts getan, um auf den Nato-Partner Türkei einzuwirken.

Die Klinikdirektorin Ablisam al Mohamed schaut in ihrem Büro auf ein Porträt des syrischen Machthabers. Ein Fotokalender mit Bildern von Assad steht auch auf ihrem Schreibtisch. Die Dinge waren in den vergangenen Jahren kompliziert in der Hauptstadt des auf Kurdisch „Rojava“ genannten Gebietes. Assads Truppen zogen sich nach dem Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges 2011 aus dem Nordosten des Landes zurück. Sie mussten Kräfte sammeln gegen die damals noch schlagkräftigen Rebellen. Die kurdische YPG-Miliz übernahm die Kontrolle im Nordosten Syriens und errichtete eine de facto autonome Region auf dem vor allem von Kurden bewohnten Gebiet. Die Türkei sah in ihr nur einen Ableger der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK. Die YPG tat sich auf Druck der US-Amerikaner mit arabischen Milizen zusammen und bildete die SDF. Sie war der Hauptverbündete Washingtons im Kampf gegen die Terroristen des „Islamischen Staates“.

„Wenn der Krieg weitergeht, sind wir erledigt“: Ablisam al Mohamed, Direktorin des Alsalam-Krankenhauses von Kamischli.

Die Truppen Assads behielten in den Jahren der Autonomie Rojavas die Kontrolle über Teile von Kamischli und auch über das Alsalam-Krankenhaus. Obwohl die syrische Armee nun nach einem Abkommen zwischen der SDF und Damaskus in Nordsyrien vorrückt, scheint die Klinikleiterin nicht darauf zu hoffen, dass sie die Bevölkerung dort mit in Syrien ohnehin knappen Medikamenten versorgt. Sie zählt auf, was in der Klinik demnächst zur Neige geht: Schmerz- und Narkosemittel, Antibiotika, Blutkonserven. Eigentlich alles, was Ärzte benötigen, um Schwerverletzte zu retten. Die Krankenhäuser unter Kontrolle der SDF seien voll mit verletzten Soldaten. Den Zivilisten blieben noch die wenigen privaten Kliniken wie das Alsalam-Krankenhaus, erklärt die Direktorin. „Sie behandeln Kriegsverletzte kostenlos.“ Das bedeutet, dass private Krankenhäuser keine Einnahmen mehr haben, und nur mit Geld lassen sich Medikamente beschaffen. „So oder so, wenn der Krieg weitergeht, sind wir erledigt“, meint Ablisam al Mohamed.

Einige Straßen vom Alsalam-Krankenhaus entfernt, erinnert sich der Kurde Edris Sheik Musa an die Stille nach dem ersten Luftangriff auf Kamischli. Ein Mörsergeschoss schlug vor seinem Haus ein. Der Angriff schuf die erste Märtyrerin dieses Krieges, das Mädchen Sara. Die Nachbarskinder spielten auf der Straße, während ihre Eltern hektisch Kleidung und Papiere für die Flucht zusammenpackten. „Sie haben es nicht gemerkt“, sagt Musa. Genau in dem Moment schlug der Mörser ein. Er zerfetzte den Sohn der Nachbarn. Seine Schwester Sara lag schwer verletzt in ihrem Blut. „Ich rannte auf die Straße, aber meine Ohren waren taub, ich hörte keine Schreie“, erzählt Musa. Die Videos von der schwer verletzten Sara rührten die Menschen in der benachbarten Autonomen Kurdenregion im Nordirak. Die Behörden dort erlaubten den Transport Saras in eine ihrer besten Kliniken.

„Allein für Brot zahlen wir inzwischen das Doppelte“: der Kurde Edris Sheik Musa mit seinen Kindern Shahab (links) und Soheip.

Drei Wochen später beaufsichtigt Musa seine eigenen Kinder beim Spielen auf der Straße. Sie hüpfen um den inzwischen mit Regenwasser gefüllten Krater im Asphalt herum. Der Vater sieht ihnen zu. „Es sind ja keine Flugzeuge am Himmel“, sagt er. So wie die Nachbarn hätten auch seine Frau und er alles zurechtgelegt für die Flucht aus Kamischli. Sie trauen dem Abkommen zwischen der Türkei und Russland nicht, das den Krieg beenden sollte. Es sieht vor, dass sich die SDF aus einem 120 Kilometer langen und 30 Kilometer breiten Streifen von der türkischen Grenze zurückzieht und russisch-türkischen Patrouillen Platz macht. Der Rückzug ist laut SDF mittlerweile beendet. Doch rund um die Stadt Tell Tamer westlich von Kamischli wird weiter gekämpft. Sind es bloß Scharmützel nach der Schlacht oder ist der Frieden schon zu Ende? Woher soll das ein einfacher Familienvater wissen, meint Musa. Der einzige Weg aus Rojava heraus führe mit der Hilfe von teuer bezahlten Schmugglern über Schleichwege. Sie führen die Flüchtenden an den Kontrollen der SDF vorbei. Die Miliz will eine Massenflucht aus Rojava verhindern. Denn sie fürchtet leere Ortschaften, die Beute für Invasoren sein könnten. Das Geld, das Musa für die Schmugglerpacht ansparen könnte, wird immer knapper. „Schon allein für Brot zahlen wir inzwischen das Doppelte“. Es klingt, als würde auch er sich in einer Falle fühlen.

Kamischli erinnerte bereits in den vergangenen Jahren an das Berlin von 1945: Die Stadt ist in Sektoren aufgeteilt. Sie werden von der SDF oder der syrischen Armee kontrolliert. Doch nach dem Beginn der türkischen Militäroperation und der von US-Präsident Donald Trump und dem russischen Staatschef Wladimir Putin vermittelten Waffenruhe wirkt die Stadt wie das Berlin auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Zuerst tauchten die Russen in der Stadt auf. Sie besetzten den Flughafen und schicken von Kamischli aus ihre Truppen in die gemeinsam mit den Türken kontrollierte Sicherheitszone an der Grenze.

Vor einigen Tagen rieben sich die Menschen in Kamischli erstaunt die Augen. US-Amerikanische Truppen tauchten wieder in den Straßen auf. Trump erklärte in aller Offenheit, dass er die Ölquellen im Nordosten Syriens nicht preisgeben wolle. Die US-Amerikaner verstecken ihre Flagge inzwischen. Sie wollen sie wohl nicht mehr zum Ziel von Tomaten und Kohlköpfen machen. So wurden sie verabschiedet, als sie nach Trumps Telefonat mit Erdogan vor einigen Wochen Hals über Kopf die Stadt verließen.

Wie im einst geteilten Berlin: Checkpoints des syrischen Regimes mitten in der Stadt.

Autofahrer in Kamischli müssen sich in diesen Tagen in Geduld üben. Mal bewegt sich ein Konvoi der US-Amerikaner durch die Stadt und zieht eine Schlange hupender Autos hinter sich her. Mal verstopfen russische Militärfahrzeuge die Straßen. Bei Fahrten durch die Stadt begegnen sich nun schwer bewaffnete russische und US-amerikanische Soldaten. Oder diese treffen bei Patrouillen auf Truppen von Assad. Die Syrer verschanzen sich an manchen Straßen hinter Sandsäcken. Über ihnen hängen Bilder des syrischen Machthabers. Als könnte er mit seinem grimmigen Blick den PKK-Gründer Abdullah Öcalan in die Flucht schlagen, der in den Stadtteilen, die von der SDF kontrolliert werden, von Plakaten und Fahnen lächelt.

Maschinengewehrsalven beendeten in den vergangenen Jahren immer wieder die Koexistenz zwischen den Assad-treuen Syrern und der kurdisch dominierten SDF. Die Verbündeten der USA und Russlands schossen zuletzt vor einem Jahr in Kamischli aufeinander. Die SDF bat zwar Mitte Oktober das ihr verhasste Assad-Regime um Hilfe gegen die Übermacht der türkischen Armee. Aber die jahrzehntelange Unterdrückung der Kurden und aller nicht-arabischen Minderheiten durch Assad und seinen Vater ist im Norden Syriens nicht vergessen. Das Misstrauen der Kurden gegenüber den Soldaten Assads ist groß. Ein Feind steht nun also vor der Toren der Stadt. Ein anderer hilft, das Tor zu bewachen.

Der SDF-Sprecher Gabriel Keno ist ein vielbeschäftigter Mann in diesen Tagen. Während die Helfer der internationalen Organisation Nordsyrien verlassen, reisen Reporter in umgekehrter Richtung vom Nordirak nach Rojava. Keno empfängt einen Journalisten nach dem anderen. Auch nach dem von der SDF als Preisgabe empfundenen Abzug der US-Truppen scheint der Miliz wichtig zu sein, was der Westen über sie denkt. Keno ist ein gebildeter Mann. Den Vergleich von Kamischli mit dem geteilten Berlin des Kalten Krieges quittiert er mit einem wissenden Lächeln. Er spricht von einer „Herausforderung“, Zusammenstöße zwischen den schwierigen und sich in herzlicher Abneigung verbundenen Akteuren zu vermeiden.

Das Bildnis von PKK-Gründer Abdullah Öcalan ist allgegenwärtig.

Auch die SDF scheint von dem erneuten Auftauchen von US-Truppen in Kamischli überrascht worden zu sein. Die US-Amerikaner hätten wohl erkannt, dass der IS von der unruhigen Lage profitiere, sagt Keno. „Und Trump hat ja erklärt, dass er die Ölquellen im Osten Syriens vor dem IS schützen will“, sagt Keno. Trump warnte auf Twitter vor einer Eroberung der Ölförderanlagen durch die Terrormiliz. Aber andere Politiker aus Trumps Republikanischer Partei fürchten eher einen Zugriff durch den Erzfeind der USA in der Region – den Iran. Für die iranischen Verbündeten des Assad-Regimes könnte eine Kontrolle der Ölregion ein „monetärer Glücksfall“ werden, warnte jüngst der US-Senator Lindsay Graham.

Keno fordert einen neutralen Puffer, damit es nicht vielleicht nur wegen strapazierter Nerven in Kamischli wie 1961 am Checkpoint Charlie in Berlin zu einem Showdown kommt. „Ich finde die Idee der deutschen Verteidigungsministerin interessant, europäische Truppen zu schicken, und es ist bedauerlich, dass es in der EU keine Resonanz darauf gibt“, sagt Keno. Die SDF habe schon vor Jahren vorgeschlagen, was der CDU-Politikerin Annegret Kramp-Karrenbauer vorschwebt: Eine von Europäern überwachte Pufferzone sei allemal einer gefährlichen Nähe von bis an die Zähne bewaffneten Türken, Syrern, Russen und US-Amerikanern entlang der Grenze vorzuziehen, meint Keno.

Vielleicht trägt ja Saladin, einstiger Sultan von Syrien, die Schuld an der verzweifelten Lage Rojavas. An einem Tisch in einer Shishastube sinniert eine Gruppe Kurden, unter ihnen Muslime und Jesiden, über ein drohendes Ende der Selbstverwaltung in Nordsyrien. Statt Ersparnisse zu horten wie andere in Kamischli, verqualmen sie hier ihr Geld. Die Zukunft Rojavas sehen sie ohnehin in Rauch aufgehen. Keiner glaubt, dass das syrische Regime weniger anstrebe als die völlige Kontrolle über Rojava. Und Russland als Garantiemacht sei so verlässlich wie die USA. „Die Russen lassen uns genauso fallen wie die USA, wenn die Türken ihnen etwas bieten“, meint Bashar. Sein Freund, der Jeside Shirko Esa, ist überzeugt, dass der Westen den Kurden die Eroberung Jerusalems durch Saladin im Jahre 1187 nicht verzeihen kann. Deshalb bestrafe er sie immer durch Verrat. Und dann zitiert er einen in diesen Tagen von vielen in Rojava geäußerten Satz: Die Kurden hätten auf der Welt nur einen verlässlichen Verbündeten: die Berge.

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