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Eine Aktion aus dem Frühsommer 2019: Organspenden-Empfänger halten auf einer Bühne Schilder mit Zahlen hoch, die zeigen, um wie viele Jahre die Transplantation ihr Leben bis jetzt verlängert hat. 

Organspende

„Es fehlt an Regeln und Transparenz“

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Patientenschützer Eugen Brysch kritisiert die Entwürfe für eine Neuregelung zur Organspende und fordert eine unabhängige Behörde.

Eugen Brysch ist seit mehr als 20 Jahren Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. Sie ist aus der Deutschen Hospiz Stiftung hervorgegangen ist und versteht sich als Lobbyorganisation Schwerkranker. 

Herr Brysch, Sie haben bei der öffentlichen Expertenanhörung zu den Gruppenanträgen zur Organspende im Bundestag beide Vorschläge kritisiert. Warum?

Nicht erst seit den Skandalen von 2012 gibt es Verunsicherung und Vorbehalte bei der Organspende. Übrigens sowohl in der Öffentlichkeit als auch bei den Ärzten und Pflegekräften in den Kliniken. Denn es fehlt schlichtweg an klaren Regeln und Transparenz. Die anhaltenden Meldungen über Fehlverhalten und Unregelmäßigkeiten bei der Organtransplantation belegen das. Die Menschen müssen dem Organspendesystem endlich vertrauen können. Doch die vorliegenden Gesetzentwürfe berücksichtigen das nicht.

Worin besteht Ihrer Meinung nach das Problem?

Das gesamte Transplantationssystem ist falsch konstruiert. Richtlinienerstellung, Organisation, Durchführung und selbst die Kontrolle sind an privatrechtliche Akteure wie die Bundesärztekammer und die Deutsche Krankenhausgesellschaft in Zusammenarbeit mit dem Spitzenverband der Krankenkassen delegiert. Diese Institutionen kontrollieren sich dann auch noch selbst.

Was fordern Sie?

Die Kontrolle muss unbedingt in die Hände einer unabhängigen staatlichen Behörde gelegt werden. Deshalb hat der Bundesgesundheitsminister eine Expertenkommission einzusetzen, die die Einzelheiten festlegt. Den gesetzlichen Rahmen muss der Bundestag beschließen. Dazu gehört auch, einen effektiven Rechtsschutz für die Patienten sicherzustellen.

Welche Schwierigkeiten bestehen?

Eugen Brysch ist Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz.

Derzeit ist völlig unklar, an welches Gericht sich Patienten wenden müssen, um eine Wartelistenentscheidung überprüfen zu lassen. Auch dauern solche Verfahren viel zu lange. Für Patienten, die dringend auf ein Spenderorgan warten, kommt der Gang vor Gericht somit oft nicht infrage. Es muss möglich sein, Wartelistenentscheidungen schnell juristisch und medizinisch zu prüfen. Zudem ist es dringend erforderlich, dass zentrale Fragen zur Verteilung von Lebenschancen eine demokratische Legitimation erhalten. Der Staat hat endlich Verantwortung zu übernehmen.

Können Sie das bitte erläutern?

Die Kriterien Dringlichkeit und Erfolgsaussicht widersprechen einander. Wer schon in Lebensgefahr schwebt, braucht ein Organ besonders dringend. Wem es noch gut geht, der hat aber möglicherweise durch eine rasche Transplantation höhere Überlebenschancen. Wer soll das lebenswichtige Organ nun bekommen? Darüber entscheidet die Ärzteschaft ohne weitere Vorgaben durch den Bundestag.

Was schlagen Sie vor?

Der Bundestag muss grundlegende Entscheidungen selbst treffen. So gilt es, die Verteilungskriterien einzuordnen und in der Praxis eindeutig anwendbar zu machen.

Interview: Tim Szent-Ivanyi

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