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Was von der Wahlparty übrig bleibt: In Des Moines hatten die US-Demokraten nichts zu feiern.

USA

Fehlstart der Demokraten in Iowa

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Spott statt Aufbruchstimmung nach der blamablen Technikpanne bei der ersten Vorwahl: Haben Trumps Herausforderer noch eine Chance? 

Am Morgen danach ist das Ergebnis, dem die amerikanische Nation seit Monaten entgegengefiebert hat, eigentlich schon egal. „Chaos und Konfusion in Iowa“ lautet die Schlagzeile beim Sender CNN. Der Anwalt des einstigen Favoriten Joe Biden beklagt in einem Schreiben „beträchtliche Mängel“ bei der Organisation der Abstimmung. Alle Kandidaten haben den Bundesstaat im Mittleren Westen fluchtartig verlassen. Und Präsident Donald Trump kann im 1600 Kilometer entfernten Weißen Haus sein unverdientes Glück nicht fassen.

Eigentlich sollten die Vorwahlen in Iowa der kraftvolle Kickstart der Demokraten-Kampagne um das Präsidentenamt werden. Doch die Partei liefert einen gewaltigen Rohrkrepierer: Auch zwölf Stunden nach der Abstimmung in 1700 Turnhallen, Gemeindezentren und Kirchenräumen des Mini-Bundesstaats im menschenleeren Mittleren Westen der USA gibt es nicht ein einziges Ergebnis. Offenbar hat die App, mit der die Ergebnisse vor Ort gesammelt und an die Zentrale gemeldet werden sollten, versagt. Nun gibt es gewaltigen Ärger über das archaisch-komplexe „Caucus“-Verfahren in Iowa, das selbst seine Organisatoren nicht beherrschen. Immerhin haben alle Kandidaten zusammen in den vergangenen zwölf Monaten rund eine Milliarde Dollar in den Wahlkampf gesteckt. Das Geld ist praktisch verbrannt.

Viel größer als der materielle Verlust ist der politische Schaden: Schon am Montagabend begannen einzelne Kandidaten, ihre Version des mutmaßlichen Ergebnisses zu streuen. „Iowa hat die Nation geschockt, doch nach allen Anzeichen ziehen wir als Sieger nach New Hampshire“, jubelte der ehemalige Bürgermeister Pete Buttigieg. In New Hampshire finden in einer Woche die nächsten Vorwahlen statt. Die Kampagne des linken Senators Bernie Sanders veröffentlichte am Dienstagabend eigene Zahlen aus 40 Prozent der Wahlbezirke, bei denen der Alt-Revoluzzer vor Buttigieg, der Senatorin Elizabeth Warren und Biden lag. Auch die Warren-Kampagne behauptete, dass Biden auf dem vierten Platz gelandet sei.

Das würde sich mit der letzten Umfrage vor der Wahl decken, die eigentlich am Samstag von der Lokalzeitung Des Moines Register und CNN hätte veröffentlicht werden sollen, dann in letzter Minute aber zurückgezogen wurde, weil bei mindestens einer Telefonbefragung ein Kandidat vergessen wurde. Es dauerte nicht lange, bis das Ergebnis trotzdem durchsickerte: Auch hier landete der vermeintliche Spitzenreiter Joe Biden deutlich hinten.

Warren-Berater Joe Rospars warnte auf Twitter: „Jedes Wahlkampfteam, das sagt, dass es gewonnen hat oder das unvollständige Zahlen herausgibt, trägt zum Chaos und zur Fehlinformation bei.“ Rospars kritisierte, der Vorwahl-Prozess in Iowa sei „zusammengebrochen“. Sowohl Menschen als auch die Technik hätten versagt. Der US-Sender CNN sprach von einem „unglaublichen Versagen“.

Es ist absehbar, dass nun unter den Demokraten ein erbitterter Streit über die Methodik und die Aussagekraft des anachronistischen „Caucus“ in Iowa ausbrechen wird. Anders als in anderen Bundesstaaten wird in dem Agrarstaat nämlich nicht mit Stimmzetteln gewählt. Vielmehr treffen sich die registrierten Demokraten zu Nachbarschaftsversammlungen, bei denen buchstäblich mit den Füßen abgestimmt wird.

Nachdem sich Bernie Sanders und seine damalige Gegenkandidatin Hillary Clinton bereits 2016 einen erbitterten Streit über das Ergebnis geliefert hatten (am Ende lag Clinton knapp vorn), hatte die demokratische Partei dieses Mal das Verfahren geändert. Die Versammlungsleiter sollten nicht nur das Endergebnis, sondern auch zwei Zwischenstände zur Zentrale melden. Die dazu entwickelte App versagte offenbar. Nach Angaben von Sean Bagniewski, dem Parteichef im Landkreis Polk, war das Problem seit vorigem Donnerstag bekannt. Offenbar wurde es nicht behoben.

Im Weißen Haus konnte Donald Trump, der in Iowa mit mehr als 90 Prozent als republikanischer Kandidat bestätigt wurde, seine Schadenfreude nicht verbergen: „Der demokratische ‚Caucus ist ein komplettes Desaster. Nichts funktioniert – genauso, wie sie das Land führen“, twitterte er. Sein Kampagnenmanager Brad Parscale behauptete ohne Beweise, dass das demokratische Establishment versuche, das Ergebnis zu Lasten des linken Parteischrecks Sanders zu fälschen.

Trump gewann die Vorwahl bei seinen Republikanern erwartungsgemäß mit überwältigender Mehrheit – er hat als Amtsinhaber keine ernstzunehmende parteiinterne Konkurrenz in dem Rennen. Die Republikaner in Iowa teilten am Dienstag nach Auszählung aller Wahlbezirke mit, Trump sei auf gut 97 Prozent der Stimmen gekommen. Seine Konkurrenten – der frühere Gouverneur von Massachusetts, Bill Weld, und der konservative Radio-Moderator und Ex-Kongressabgeordnete Joe Walsh – kamen demnach jeweils nur auf etwas mehr als ein Prozent.

Archaisches Verfahren: Eine Helferin bereitet ein „Caucus“-Treffen vor.

Eines immerhin zeichnet sich in dem desaströsen Chaos ab: „Iowa hat gerade sein Todesurteil als erster ‚Caucus’-Staat der Nation unterschrieben“, sagte David Yepsen, der legendäre Polit-Reporter des „Des Moines Register“, voraus. (mit dpa)

Technik-Desaster

Digitalisierung und Wahlen haben in den USA keine sonderlich ruhmreiche Geschichte. Und die ist nicht einmal sonderlich lang. Erst seit einigen Jahren werden bei verschiedenen Urnengängen Computerprogramme eingesetzt, mal zur Stimmabgabe, mal zur -auszählung oder zur Übermittlung der Ergebnisse. In Iowa bei der ersten Vorwahl der Demokraten im US-Präsidentschaftsrennen 2020 ging die Übermittlung extrem schief. 

Die Wahlergebnisse sollten eigentlich bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe vorliegen. Aber keine Chance. Dank einer just entwickelten App, die das komplizierte Verfahren des Caucus vereinfachen sollte. 

Wahlhelfer konnten das Programm weder laden noch sich für dessen Nutzung anmelden, wie US-Medien berichteten. Die Demokraten ergingen sich in Krisenmanagement und erzählten etwas von notwendigen „Qualitätskontrollen“ der App. Bei drei Datensätzen seien „Ungereimtheiten“ aufgetreten. Für den Fall, dass die App nicht richtig funktionierte, sollten die Wahlhelfer dann die Ergebnisse traditionell per Telefon melden. Doch auch das funktionierte kaum. Die Leitung war angeblich ständig besetzt, sagte der Demokrat Tom Courtney dem Hörfunknetzwerk National Public Radio. 

Fotos und Listen der Wahlergebnisse gab es auch, aber die kamen auch nicht rechtzeitig an. Einen Hackerangriff schloss die Parteiführung aus. 

Entwickelt wurde das Programm – Kostenpunkt: 60 000 Dollar – in nur zwei Monaten von einer beauftragten Firma namens Shadow, über die fast nichts bekannt ist. Die Shadow-App war dazu gedacht, Auszählung und Übermittlung der Ergebnisse der 1700 Caucus-Orte zu beschleunigen. Sicherheitsexperten aber bemängelten schon vor dem Caucus die Hast, mit der die App programmiert worden sei. Die US-Behörde für Cyber- und Infrastruktursicherheit habe das Programm weder evaluiert noch abgenommen, sagte deren Direktor Christopher C. Krebs der „New York Times“. Die „Washington Post“ vermeldet Kritik der lokalen Wahlvorstände, für die es offenbar keine Schulungen gab. 

Neben den Anforderungen logistischer und technischer Natur kam in Iowa aber noch ein weiteres, von niemandem erwartetes Problem hinzu: Die am Caucus beteiligten Gemeinden sollten auch erstmals drei verschiedene Resultate übermitteln. Zuvor gab es nur Endresultate ohne Zwischenergebnisse. Aber Kandidat Bernie Sanders wollte die jeweils drei Zahlen von jeder Auszählung. Weil 2016 die Vorwahlen zwischen ihm und Hillary Clinton sehr knapp ausgingen. Die drei Zahlen sollten angeblich besser abbilden, wie viele Wähler sich genau für einen Kandidaten entschieden. 

Die technischen Schwierigkeiten werden für die Demokraten mit Iowa nicht erledigt sein. Beim Caucus in Nevada in zwei Wochen soll das Procedere ebenfalls mittels App ablaufen. (Pauline Rabe)

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