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Tausende Schiiten versuchten am Sonntag in Nadschaf, zu US-Stützpunkten vorzudringen. Sie solidarisierten sich mit ihrem Führer Moktada el Sadr, der den von den USA unterstützten Übergangsrat ablehnt. US-Soldaten haben angeblich sein Haus umstellt.

Fedajin, Baathisten oder vielleicht doch Al Qaeda

Die Zahl der toten US-Soldaten steigt, die Besatzer rätseln: Wer steckt hinter den Angriffen?

Von Paul Haven (Bagdad/ap)

Wer steckt hinter den Attacken - verstreute Anhänger des gestürzten Präsidenten Saddam Hussein selbst oder das Terrornetzwerk Al Qaeda? US-Übergangsverwalter Paul Bremer beteuert weiter, die Angriffe würden nicht von einem zentralen Kommando koordiniert. Die Aufständischen, zumeist Kämpfer der paramilitärischen Elite-Einheit Fedajin und Geheimdiensteinheiten des gestürzten Regimes, kämpften auf verlorenem Posten.

Andere sind sich da nicht so sicher. John Abizaid, der seit kurzem das US-Oberkommando Mitte befehligt, spricht von einem klassischen Guerillakrieg. Antiamerikanische Kämpfer und auch Terrorgruppen seien immer besser organisiert. Es gebe Hinweise, dass islamistische Gruppierungen aus dem Ausland und mit zumindest weltanschaulicher Verbindung zu Al Qaeda an einigen Attacken beteiligt seien, sagt der US-General. "Ich bin nicht sicher, dass Osama bin Laden einen Befehl gab, der seine Anhänger dazu brachte, nach Irak zu kommen und uns zu töten. Aber ich weiß, dass Sympathisanten von ihm nach Irak kamen und uns zu töten versuchen."

Kürzlich erklärte die bislang unbekannte "Bewaffnete islamische Al-Qaeda-Gruppe in Falludscha", nicht Saddam Hussein, sondern sie stecke hinter den jüngsten Attacken. Ein Mann in weißem Gewand und mit weißem Turban sagte in einer von mehreren arabischen Sendern ausgestrahlten Rede: "Unsere Kämpfer des Heiligen Kriegs haben die Attacken ausgeführt."

Eine Organisation namens "Befreiung der irakischen Armee" warnte in einem Brief an UN-Generalsekretär Kofi Annan alle Länder vor einer Beteiligung an einer multinationalen Friedenstruppe. Jeder Friedenssoldat werde angegriffen, auch wenn er einen Blauhelm der UN trage.

Ansar el Islam ist eine weitere Terrorgruppe in Irak, der Verbindungen zu Al Qaeda nachgesagt werden. Laut Abizaid reorganisieren zurückgekehrte Mitglieder aus Iran und anderen Ländern die Gruppe, deren Stützpunkte in Nordirak während des Kriegs zerstört wurden.

Abizaid sieht indes die größte Bedrohung nicht durch ausländische Terroristen, sondern durch "Saddam-treue Baathisten aus der mittleren Parteihierarchie". Die vor dem Krieg herrschenden Sunniten sind durch den Krieg entmachtet worden, sie sind im neuen irakischen Verwaltungsrat gegenüber der schiitischen Mehrheit unterlegen - erstmals in der Geschichte des Landes. Ihre Wut zeigte sich am Donnerstag auf einer Demonstration zum Tag der blutigen Machtergreifung der Baath-Partei 1968. "Saddam, wir werden unser Blut und unser Leben für Dich opfern", riefen rund 100 seiner Anhänger in Falludscha. Am selben Tag rief angeblich der gestürzte Diktator selbst auf einem Tonband zum Heiligen Krieg gegen die Besatzer auf.

Am Sonntag demonstrierten mehr als 10 000 Schiiten in Nadschaf, weil die Besatzungstruppen das Haus eines ihrer Führer umstellt hätten. Dieser hatte den von den USA unterstützten irakischen Regierungsrat kritisiert. Der US-Verantwortliche für das irakische Innenministerium, Bernard Kerik, hat keine Beweise für eine Beteiligung von Al Qaeda bei den Angriffen. Zudem seien unter den verhafteten Widerstandskämpfern nur wenige Ausländer. Es sei nachrangig, wer die Attacken ausführe: ob es Al-Qaeda-Terroristen, irakische Fedajin oder Baathisten seien. "Zum Teufel, es ist mir egal. Wenn sie die Koalitionstruppen oder die Polizei angreifen, werden sie verhaftet oder getötet."

Dossier: Irak nach dem Krieg

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