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Christian Lindner, Vorsitzender der Freien Demokraten.

Interview

FDP-Chef Christian Lindner über Corona-Maßnahmen: „Man kann über alles sprechen“

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FDP-Chef Christian Lindner über erste Schritte, die Einschränkungen zu lockern

Heute spricht die Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten. Was muss diese Runde jetzt liefern?

Wir brauchen einen Fahrplan, wie wir Schritt für Schritt mehr gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben ermöglichen. Die CDU-FDP-Regierung von Nordrhein-Westfalen hat eine Blaupause geliefert. Ein solcher Plan steht nicht mehr im Gegensatz zum notwendigen Gesundheitsschutz. Denn inzwischen haben wir alle viel über Distanzhalten im Alltag gelernt. Wir haben mehr Schutzausrüstung und die Kapazitäten im Gesundheitswesen sind erhöht worden. So wie es vor einiger Zeit nötig war, unser Land herunterzufahren, so ist es jetzt möglich, die Einschränkungen der Freiheiten vorsichtig zu lockern.

Welche Einrichtungen sollten zuerst wieder öffnen, wer sollte warten?

Wir sollten Regeln definieren, wie die Produktion in der Breite wieder aufgenommen werden kann und wie Handel und Gastronomie öffnen können. Im Bildungsbereich brauchen wir den Einstieg ins Schulleben – das wird aber nur nach und nach gelingen, denn wir müssen Vorsichtsmaßnahmen beachten. Es kann jetzt nicht gleich alles wieder werden, wie es vor der Corona-Krise war. Aber der jetzige Zustand muss so nicht fortgesetzt werden, weil die Kontrolle über das Virus mit milderen Mitteln möglich ist.

Und was bedeutet das denn konkret?

Nehmen Sie das Beispiel der Arbeit in der Industrieproduktion. Mir berichten Praktiker, dass viele Betriebe auf ein Schichtsystem setzen, um Distanz zwischen den Beschäftigten zu schaffen. Es wird desinfiziert, Schutzmasken werden getragen, und bald sollte so oft wie möglich auf Corona getestet werden. Für solche Regeln braucht die Wirtschaft Vorbereitungszeit. Man kann ein Land sehr schnell von 100 auf 15 herunterfahren. Aber es von 15 wieder auf 85 hochzufahren, dauert länger. Deshalb sollten die Regierungen umgehend die Bestimmungen präzisieren.

Sind Sie dafür, alle Geschäfte wieder sofort zu öffnen?

Bei den Geschäften muss Schluss mit der Ungleichbehandlung sein. Ein Buchhändler in Berlin darf öffnen. Ein Elektrofachhandel, wo man ein Tablet kaufen kann, um ein Buch elektronisch zu lesen, bleibt bislang geschlossen. Das ergibt keinen Sinn. Eine intelligentere Strategie sieht eine Öffnung aller Geschäfte unter klaren Regeln vor: Es muss in den Geschäften desinfiziert werden. Die Servicekräfte müssen Schutzmasken tragen. Die Zahl der Menschen, die sich gleichzeitig im Geschäft aufhalten, muss begrenzt werden. Inklusive Einlasskontrolle.

Ist die Lösung wirklich so einfach?

Ich halte das eher für aufwändig. Aber dieser Aufwand ist verhältnismäßig. Wir müssen alle Möglichkeiten nutzen, um unser freies Leben zurückzubekommen. Die sozialen, psychologischen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgeschäden des Stillstands sind hoch. Das heißt auch, dass wir für eine begrenzte Zeit die Sonntagsöffnung von Geschäften generell ermöglichen sollten. Auch so wird der Kundenverkehr entzerrt. Spezielle Einkaufszeiten für ältere Menschen und Gefährdete wären sinnvoll. Unter strenger Einhaltung von Mindestabstandsregeln ließe sich auch der Betrieb von Speiserestaurants wieder aufnehmen. Es darf eben nur eine begrenzte Anzahl Tische belegt werden und der Service muss Masken tragen.

Stichwort Schichtmodell. Wäre das für Sie auch an Schulen denkbar?

Man kann über alles sprechen, allerdings gibt es Grenzen der Kapazität. Ältere oder Lehrkräfte mit Vorerkrankungen sollten gegenwärtig ja nicht in den Dienst. Priorität könnten die Abschlussjahrgänge sowie Jüngere haben, die betreut werden müssen. Und dann kann man nach und nach ausweiten. Ich sorge mich, dass vor allem die Schüler hinten runterkippen, die es ohnehin schwer haben. Wer zu Hause nur kaum gefördert werden kann, leidet am meisten. Wenn die Unterbrechung der Schule zu lang andauert, kann das nicht nur ein Schuljahr kosten, sondern die ganze Laufbahn.

Interview: Tobias Peter

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