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In der Krise getrennt: Ein Mitarbeiter der Gesundheitsbranche und seine Tochter in New Rochelle, New York. 

USA

Fatales Zögern

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Trotz Warnungen spielte Donald Trump die Gefahr zu lange herunter.

Die Botschaft der First Lady klang aufbauend und versöhnlich. „Wir machen das alle gemeinsam durch“, twitterte Melania Trump: „Passen Sie auf sich auf.“ Doch bei ihrem Ehemann wollten weder Gelassenheit noch Osterlaune aufkommen: In Dutzenden Tweets kämpfte er am Wochenende mit seinen Dämonen. „Fake News“ wetterte Donald Trump immer wieder und empörte sich über seinen früheren Lieblingssender: „Was, zum Teufel, ist mit Fox News los?“

Der Grund der Aufregung fand sich in der Sonntagsausgabe der „New York Times“. Dort rekonstruierten Reporter auf drei Seiten minutiös, wie der Präsident die staatliche Reaktion auf die Corona-Pandemie mit Ignoranz, Fixierung auf die eigene Wiederwahl und chaotischen Entscheidungsprozessen seiner Regierung um mindestens drei Wochen verzögert hat. Zu allem Überfluss bestätigte sein Regierungsberater Anthony Fauci bei „CNN“: „Natürlich wären die Dinge ein bisschen anders, wenn wir von Anfang an alles zugemacht hätten.“ Doch habe es „eine Menge Gegendruck“ gegeben, berichtete der Virologe.

Damit gerät Trump, der sich in täglichen Briefings für sein Krisenmanagement preist, zunehmend unter Druck. Neben der „New York Times“ berichtet auch die Nachrichtenagentur AP, dass hochrangige Beamte wie Robert Redfield, Leiter der Seuchenbekämpfungsbehörde, und Vizesicherheitsberater Matthew Pottinger aufgrund vertraulicher Informationen aus China bereits im Januar intern massiv vor dem Ausmaß der drohenden Pandemie warnten. Trumps Wirtschaftsberater Peter Navarro schlug in einem internen Memo Alarm und warnte vor einer halben Million Toten in den USA.

In zwei Telefonaten soll Gesundheitsminister Alex Azar dem Präsidenten am 18. und 30. Januar den Ernst der Lage nahezubringen versucht haben. Doch Trump erklärte damals öffentlich: „Wir haben alles unter Kontrolle. Alles wird gut.“ Am Telefon soll er seinem Gesundheitsminister gesagt haben: „Hören Sie auf, Panik zu verbreiten!“ Später scheiterte Azar mit seinem Versuch, in fünf US-Städten frühzeitig Tests einzuführen – das Weiße Haus verweigerte die Finanzierung. Vor allem aber passten Trump eine Gesundheitskrise, ein massiver Eingriff in die Wirtschaft und eine Konfrontation mit China nicht ins politische Kalkül, das auf einen Handelsdeal mit Peking und die Wiederwahl dank einer boomenden Konjunktur setzte.

Schon im Januar waren von Beamten der Regierung offenbar Ausgangssperren und die Schließung ganzer Städte diskutiert worden. Ende Februar waren sich Regierungsexperten laut „New York Times“ einig, dass eine ernste Warnung der Bevölkerung und der Aufruf zum Abstandhalten und zur Heimarbeit unumgänglich seien. Doch die Botschaft wurde durch eine Gesundheitsbeamtin vorzeitig an die Öffentlichkeit gebracht. Trump soll geschäumt haben. Am 26. Februar zeigte er sich erstmals im Briefing Room des Weißen Hauses und spielte die Gefahr herunter: 15 Amerikaner seien infiziert, in ein paar Tagen werde die Zahl „bei null“ sein. „Das ist ein guter Job, den wir gemacht haben“, pries er sich. Am 16. März rang er sich endlich durch, soziale Kontakte zu begrenzen und von Versammlungen mit mehr als zehn Personen abzuraten. Da waren bereits 4226 Amerikaner infiziert.

Nun sind es mehr als eine halbe Million, 20 000 sind an Covid-19 gestorben. Der Präsident versucht, mit Attacken gegen Medien, die Demokraten und seine Berater von eigenen Fehlern abzulenken. Trumps Anhänger verlangen mit dem Hashtag “#FireFauci“ die Entlassung Faucis. Wie ein Warnschuss verbreitete Trump einen Tweet mit dieser Forderung am Wochenende von seinem Twitter-Konto weiter.

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