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Alles läuft auf eine Kostenexplosion hinaus: Bauarbeiter im Cannstatter Tunnel des Bahnprojekts Stuttgart 21.

Stuttgart 21

Fast niemand fährt auf Stuttgart 21 ab

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Immer teurer, immer später: Der unterirdische Bahnhof bringt seine Bauherren mal wieder in die Bredouille. Das Aktionsbündnis gegen das Projekt stellt einen neuen Plan vor, wie die Bauarbeiten gestoppt werden können.

Für das Aktionsbündnis gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 ist die Sache klar: „Kein Vorstand der Welt wird dieses Projekt retten können.“ Angesichts befürchteter neuer Kostensteigerungen und Zeitverzögerungen legte das Bündnis am Montag in groben Zügen einen Plan vor, wie die Bauarbeiten am Tiefbahnhof in der Landeshauptstadt gestoppt und die bereits erledigten Bauarbeiten in ein neues Verkehrskonzept integriert werden können. Bereits getätigte Investitionen wären also nicht verloren.

Erarbeitet hat die Pläne eine Gruppe von Architekten, Bahnexperten, Denkmalschützern und Ingenieuren. „Ein Ausstieg als ergiebiger Umstieg ist möglich“, so das Aktionsbündnis. Der Plan könne sofort umgesetzt werden und sei etwa zwei Milliarden Euro billiger als Stuttgart 21.

Die Bahnhofsgegner gehen inzwischen davon aus, dass der Bahnhof, würde er fertiggebaut, bis zu 9,8 Milliarden Euro kosten würde. Offiziell werden nach wie vor 6,5 Milliarden angegeben. Zuletzt waren jedoch Zahlen bekannt geworden, nach denen schon jetzt Kostenrisiken von mehr als 500 Millionen Euro hinzugekommen und die eingeplanten Puffer damit weitgehend aufgebraucht seien. Zudem droht eine Verschiebung der Inbetriebnahme um zwei Jahre auf 2023.

Der Bund als Bahn-Eigentümer will sich an den möglichen Mehrkosten nicht beteiligen. Stuttgart 21 sei ein „eigenwirtschaftliches Projekt“ der Bahn mit deren Partnern, erklärte das Bundesverkehrsministerium. Die Frage, ob der Bund mehr zahle, stelle sich also überhaupt nicht.

Das sieht Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) anders: Er fühlt sich angesichts der drohenden Kostensteigerungen alleingelassen. „Der Bund hat damals mit starker Unterstützung der Bundeskanzlerin und des Finanzministers gesagt, dieses Projekt wird gemacht, auch wenn es teuer ist“, sagte er am Montag im Bayerischen Rundfunk. Sein Land habe deutlich gesagt, dass es nicht mehr als die zugesagten Zuwendungen geben könne. „Das muss der Bund, das muss die Bahn finanzieren, das ist bis heute nicht geschehen, man lässt uns im Regen stehen“, klagte Hermann.

Die Probleme bei Stuttgart 21 werden auch für die Bahn-Spitze zunehmend zur Belastung, insbesondere für Vorstandschef Rüdiger Grube und dessen Vize Volker Kefer. Aufsichtsrats-Vizechef Alexander Kirchner forderte eine lückenlose Aufklärung darüber, wie es zu der Kostensteigerung kommen konnte. Insbesondere wolle er bei der Aufsichtsratssitzung an diesem Mittwoch aber erfahren, wer im Vorstand der DB AG wann was wusste. „Es kann nicht sein, dass uns noch vor drei Monaten gesagt wird, es sei alles in Ordnung – und dann erweist sich das als falsch“, sagte der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG).

Besonders in der Kritik steht Grube-Stellvertreter Volker Kefer. Er ist für Stuttgart 21 zuständig, aber auch für das Sanierungsprogramm „Zukunft Bahn“, das nicht so greift wie erwartet. Nach Medienberichten droht Kefer eine Entmachtung, zumal er es sich mit Grube verscherzt haben soll.

Kefer werden Ambitionen nachgesagt, Grube zu beerben. Doch dieser will über das Jahr 2017 hinaus Bahnchef bleiben. Zudem soll nach dem Willen Grubes danach Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla an die Spitze des Unternehmens rücken.

Pofalla ist seit 2015 Bahn-Vorstandsmitglied. Er hatte zuvor als Chef des Bundeskanzleramts maßgeblich dafür gesorgt, dass die Bahn Stuttgart 21 baut, trotz der damals schon bestehenden Unsicherheiten bei der Kosten- und Zeitplanung.

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