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1. Mai 2018: Anhänger der Neonazi-Partei "Der III. Weg" ziehen durch die Straßen von Chemnitz.

Vordenker der Neuen Rechten

"Faschisten und Linke hatten eines gemeinsam: Sie waren anti-bürgerlich"

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Thomas Wagner hat mit "Die Angstmacher" ein Buch über die Vordenker der Neuen Rechten geschrieben. Ein Gespräch über rechte und linke 68er und wie ihre Ideen bis heute wirken.

Herr Wagner, in Ihrem Buch vertreten Sie die These, dass 1968 nicht nur das Geburtsjahr des linksliberalen Mainstreams war, sondern auch das der Neuen Rechten. Inwiefern?
Das rechte Lager, von den Bürgerlich-Konservativen bis zu den Rechtsradikalen, befand sich 1968 in der Bundesrepublik in der Defensive. Nach dem verlorenen Weltkrieg gab es sie zwar noch zuhauf, aber sie hatten nichts mehr zu melden. Und die Dinge, die ihnen am Herzen lagen, nämlich die starken autoritären Institutionen, waren stark angegriffen. Es gab auf einmal so etwas wie das Recht, den Kriegsdienst zu verweigern – unvorstellbar! Und dann kam 1968 auch noch eine freche linksradikale Studentenbewegung, die, so hatte man den Eindruck, noch den letzten Rest an stabilen Institutionen, die man so sehr schätzte, zum Verschwinden bringen wollte. Insofern war 1968 noch mal ein großer Kulturschock.

Auf den die Rechte unterschiedlich reagierte.
Ja. Es gab resignierte Konservative, auch nazibelastete wie den früheren Philosophen und späteren Soziologen Arnold Gehlen, die die Hoffnung, dass ein stabiles Deutsches Reich wiederkommen könnte, komplett aufgegeben hatten. Andere haben versucht, das, was noch an konservativem Geist und an neurechten Impulsen da war, zu konzentrieren und ein Gegenbollwerk aufzubauen. Sie gründeten Zeitschriften wie „Criticón“, die von Caspar von Schrenck-Notzing herausgegeben wurde, mit Autoren wie Armin Mohler (beide gelten als Vordenker der „Neuen Rechten“, d. Red). Und dann gab es drittens vor allem jüngere Leute, die Generationsgenossen der 68er waren, die den Aufbruch der Jugend gegen die Älteren, den Aufruhr gegen das Establishment, die Revolte an sich erst einmal interessant und auch für sich selbst als belebend empfanden.

Was trieb diese Gruppe an?
Sie wandten sich gegen zwei Dinge: zum einen den gutbürgerlichen Adenauer-Konservatismus mit seinem „Das wird schon alles, wenn man nur ordentlich fleißig ist und eine Familie gründet“. Zum zweiten wollte man aber auch nicht mit den Verbrechen des Nazi-Regimes in Verbindung gebracht werden. Dabei konnte man sich auch darauf stützen, dass es auch innerhalb des NS-Regimes immer dissidente Strömungen der radikalen Rechten gegeben hatte. Solche Leute waren alternative Bezugsfiguren.

Der rechte Vordenker Henning Eichberg beschreibt, dass ihn das Radikale, Anti-Autoritäre der 68er anzog. Darin sah er sich auf einer Wellenlänge mit französischen Vordenkern der Neuen Rechten wie Dominique Venner, die sich von den Altnazis abgrenzen wollten. Gab es diese Anziehungskraft tatsächlich?
Kann man schon sagen. Die jungen französischen Faschisten hatten eines gemeinsam mit den 68ern und auch mit vielen Linken: Sie waren anti-bürgerlich. Überkommene Formen der Wohlanständigkeit, Höflichkeit, der Regelkonformität und so weiter wurden in Frage gestellt. Und zwar durchaus auf ähnliche Weise. Hinzu kam, dass die jungen französischen Faschisten mit ihrem terroristischen Ansatz gescheitert und auf der Suche nach einem neuen Weg waren, ihre rechten Ziele zu etablieren. Sie kamen zu dem Schluss: Wir müssen unsere theoretischen Grundlagen komplett durchdenken. Um den Erhalt der konservativen Werte für die Zukunft sicherzustellen, müssen wir Konzepte erarbeiten. Und gucken, welche alten Zöpfe wir abschneiden müssen. Das war ein jugendlicher Theorieaufbruch, ähnlich wie bei den 68ern.

Eine wichtige Rolle spielte in diesem Zusammenhang der Nichteinzug der NPD 1969 in den Bundestag. Schließlich war es auch der parlamentarische Misserfolg, der die rechten Vordenker dazu brachte, Strategien vom Kulturkampf zu entwickeln.
Man kann aber sagen, dass diese Dinge sich schon vorher entwickeln. So wie die 68er Anfang der 60er Jahre beginnen, als sich linke Intellektuelle bemerkbar machen.

Trotz mancher Parallelen funktioniert 1968 heute eher als Feindbild für die Neue Rechte. Warum?
Dieses Gefühl von Verlust, von Staatsversagen, vom Erodieren der Institutionen ist eine Erzählung, die sich unabhängig davon, was konkret vorfällt, ganz gut durchhalten lässt. Mit dem Narrativ der 68er, das es ja erst seit Ende der 70er Jahre gibt, wird alles in Verbindung gebracht, was den Rechten heute als Übel erscheint. Hierher rühren Kriminalität, Abtreibungen, Ehescheidungen, Kirchenaustritte, Drogenmissbrauch, Leistungsverweigerung, Bildungsmisere. Und das unabhängig davon, ob es wirklich einen ursächlichen Zusammenhang gibt oder nicht. Das ist ein Fahnenbegriff, unter dem man sich versammeln kann.

Hinter dem ja auch Inhalte stehen, wenn man beispielsweise auf Geschlechterbilder schaut.
Ja, das ist richtig.

Sie schreiben, Sie seien überrascht gewesen, wie sehr die Neue Rechte von den 68ern gelernt habe.
Einen zentralen, einen Fetisch-Begriff hat die Neue Rechte in den 60er Jahren stark gemacht, und das ist der der „Nation“. Eine Hauptmotivation der 68er-Bewegung wiederum waren die Befreiungskämpfe in der sogenannten Dritten Welt gegen kolonialistische Fremdmächte, also nationale Befreiungsbewegungen. Dazu gehört die Revolution in Kuba, dazu gehört der Vietnam-Krieg. Die Neuen Rechten, die das vereinigte Deutschland wiederherstellen wollten, sahen hierin Ansatzpunkte für eine internationale Solidarität aller nationalistischen Bestrebungen. Ein übergreifendes Stichwort dafür war „Antiimperialismus“. Da waren die Stoßrichtungen teilweise ganz ähnlich. Und dann gab es natürlich innerhalb der rechten Tradition – schon seit den 20er Jahren – auch einen linken Flügel, der eine Alternative zum Kapitalismus wollte.

Gleichzeitig setzt die Neue Rechte auf provokante Aktionsformen der 68er.
Das kann jeder sehen, der die Spaßguerilla-Aktionen der 68er vergleicht mit den Aktionen der „Identitären Bewegung“. Es kommt dabei immer darauf an, eine bestehende Ordnung mit gewaltfreien Mitteln zu stören, möglichst auch die Lacher auf seine Seite zu kriegen – was nicht immer gelingt – und die jeweilige Gegenseite zu einer Überreaktion zu verleiten. Um hinterher sagen zu können: „Guckt mal, die sind ja so schlimm, wie wir immer prophezeit haben, oder noch schlimmer. Wir leben in einem totalitären Polizeistaat.“

Wie ist diese Parallele entstanden?
Götz Kubitschek hat sich jahrelang mit Bernd Rabehl und anderen SDS-Akteuren ausgetauscht: Über 68, über die Zeit davor und über die Aktionsformen. Darauf hat er dann sein Konzept der Provokation und die Gruppe „Konservativ-Subversive Aktion“ aufgebaut. Die haben es mit der Störung einer Günter-Grass-Lesung in die „Tagesthemen“ geschafft. Dann haben die Identitären den Ansatz aufgegriffen und verfolgen ihn mit viel mehr medialer Aufmerksamkeit und insofern erfolgreich.

Die 68er übten eine große Faszination auf junge Menschen aus: ihr Nonkonformismus, ihre Absage ans Establishment, aber auch ihre Ästhetik, ihre Subkultur – ihr Style. Haben Sie die Sorge, dass 50 Jahre später eine ähnliche Anziehungskraft von extrem rechten Bewegungen wie etwa den Identitären ausgehen könnte?
Die habe ich durchaus. Henning Eichberg war der Meinung, was den radikalen Rechten in den 60er und 70er Jahren gefehlt habe, sei gewesen, dass sie keine richtige Kultur zustande bekommen hätten. Dass die spannende Literatur, Musik und so weiter in der Linken entstand. Allerdings glaube ich nicht, dass heute aus der Rechten heraus im vergleichbaren Umfang eine Kultur entstehen könnte. Dabei spielt auch eine Rolle, dass die Altersstruktur eine ganz andere ist als in den 60er Jahren. Heute gibt es wenige junge Rechte, die waghalsige öffentliche Aktionen machen, und viele Fans, die meistens der Generation 50plus angehören. Die sich das Ganze dann auf Facebook angucken und den Resonanzraum bieten. In den 60ern war das Verhältnis umgekehrt. Über diese Dynamik wäre es mal wert genauer nachzudenken.

Werfen Sie den 68ern und ihren Erben vor, ihre bürgerrechtlichen Ziele verfolgt, aber die Kapitalismuskritik vernachlässigt zu haben?
Ich glaube, dass die Aufgabe des Ziels, die kapitalistischen Machtstrukturen zu zerschlagen, der größte Fehler der 68er war. Denn dadurch laufen wir Gefahr, dass das, was erreicht wurde, nämlich die individuellen Bürgerrechte stärker zu machen, am Ende wieder mit einkassiert wird. Es ist doch aussichtslos, sich für das Recht an den eigenen Daten einzusetzen, wenn gleichzeitig versäumt wird, die Macht der großen Internetkonzerne zu begrenzen.

Zur Kapitalismuskritik gehört auch die soziale Frage. Entdeckt die Neue Rechte dieses Thema mehr und mehr für sich?
Die „sozialistisch“ orientierten Elemente der Neuen Rechten, die die Verteilungsfrage stellen, sind seit den 70er Jahren stärker geworden und haben immer wieder versucht, mit der Linken in Kontakt zu kommen, gehörten aber nie richtig dazu, weil sie die Überwindung der deutschen Teilung wollten. Das war in der westdeutschen Linken ein No-Go. In der heutigen Neuen Rechten und ihren intellektuellen Zirkeln spielten diese nationalrevolutionären Ideen eine untergeordnete Rolle. Hier tendierte die Mehrheit bisher zum Wirtschaftsliberalismus. Meine Befürchtung ist, dass sich das jetzt ändert. Damit könnten die linken Kräfte in der Neuen Rechten einen wichtigen Baustein dazu beitragen, dass die AfD eine Volkspartei wird. Darin sehe ich die größte Gefahr.

Die AfD hetzt aber doch gegen Flüchtlinge als vermeintliche Konkurrenten im Verteilungskampf, die ökonomischen Eliten werden nicht in den Fokus genommen.
Das stimmt – noch. Allerdings ist die AfD im ständigen Umbruch. Derzeit findet innerhalb der Partei eine Offensive der an Umverteilungsfragen interessierten Kräfte statt. Und die sind unangenehmerweise mit dem rechten Flügel verknüpft. Björn Höcke, der in engem Austausch mit neurechten Vordenker-Kreisen steht, hat vor einem Jahr noch gesagt, die heutige soziale Frage sei die nach der Umverteilung zwischen innen und außen. Damit meinte er Einheimische und Flüchtlinge. Seit ein paar Monaten hat er eine andere Rhetorik. Jetzt sagt er, die heutige soziale Frage sei die nach der Verteilung zwischen oben und unten. Die Akzentverschiebung ist klar.

Der „Welt“-Journalist Alan Posener wirft Ihnen vor, Ihr Buch liefere der Querfront Argumente. Was entgegnen Sie ihm?
Diesen Vorwurf verstehe ich nicht. Da wird suggeriert, ich empfände eine Art klammheimliche Freude über das, was mir die rechten Vordenker, mit denen ich für das Buch gesprochen habe, sagen. Ich halte nichts von Querfront. Ich finde es eine gute Idee, wenn die Linke ihre Themen stärker besetzt. Und ich glaube, dass nur auf diesem Weg eine Chance besteht, die Rechten zurückzudrängen.

Sie lassen in Ihrem Buch viele Vordenker und Protagonisten der Neuen Rechten von 1968 und heute ausführlich zu Wort kommen. Tragen Sie so nicht dazu bei, den Rechtsextremen und ihrer Ideologie den Anstrich von Normalität zu verleihen?
Meine Überlegung war eine andere. Ich bin davon ausgegangen, dass die Rechte sich verändert hat. Wer diese Veränderung nicht wahrnimmt, sondern alles, was sich rechts von Union und FDP artikuliert in Deutschland, mit dem Neonazi-Verdikt versieht, kann keine breite gesellschaftliche Koalition mehr hinter sich zu versammeln. Diese Strategie funktioniert zunehmend nicht mehr. Im Gegenteil. Je öfter man die Nazi-Vokabel benutzt, desto weniger wird sie Eindruck machen.

Sie haben sich Ihren Gesprächspartnern, diesen Eindruck hatte ich beim Lesen, recht unkritisch und vorbehaltlos genähert.
Ist es nicht besser zu wissen, mit wem man es zu tun hat, als nur ein Stereotyp zu transportieren? Zum Beispiel Martin Sellner. Wenn ich einfach nur sage, der ist Neonazi gewesen, erfasse ich dann seine Wirksamkeit als Person und als Aktivist überhaupt adäquat? Ich hatte den Eindruck: nein. Deshalb ich schildere ich ihn, wie er mir begegnet ist: Als jemand, der eloquent ist, der keine stumpfsinnigen Parolen von sich gibt, der mir im Gespräch an allen möglichen Stellen recht gibt.

Aber trotzdem transportieren Sie damit auch unwidersprochen seine Überzeugungen. Rassismus bleibt Rassismus, Ausgrenzung bleibt Ausgrenzung, auch wenn sie Götz Kubitschek im Gespräch mit Ihnen Ethnopluralismus nennt und mit einem Lob von Sauerkraut und Schlachtplatte verbindet.
Das stimmt. Aber das Buch ist nicht geschrieben für Leute, die nicht selber denken können.

Ihr Buch heißt „Die Angstmacher“. Machen Ihnen die Vertreter der Neuen Rechten Angst?
Sie machen mir so viel Angst, wir mir in den 80er Jahren Leute wie Peter Gauweiler gemacht haben. Der wollte damals alle HIV-Infizierten kaserniert unterbringen. Ich mache mir Sorgen, dass diese Vorstellungen, nach denen sie die Gesellschaft organisieren wollen, auf große Zustimmung treffen. Es gibt ja Nachbarländer, wo das bereits der Fall ist. Andererseits würde ich sagen, dass die Grenze des Resonanzraums für solche Vorstellungen auch ein bisschen durch die frühere Ost-West-Grenze vorgegeben ist.

Ist das dann letztendlich auch ein Verdienst der 68er?
Möglicherweise.

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