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Bewaffnete Angehörige der Nationalgarde begleiten in Memphis einen Protestzug von schwarzen US-Bürgern.

Das Fanal für die "68er" kam aus den USA

Washington (dpa) - Manchmal spielt die Geschichte verrückt. Mitunter gerät ein ganzes Jahr aus den Fugen, ein Ereignis jagt das andere, Kettenreaktionen

Washington (dpa) - Manchmal spielt die Geschichte verrückt. Mitunter gerät ein ganzes Jahr aus den Fugen, ein Ereignis jagt das andere, Kettenreaktionen greifen über Kontinente hinweg.

Vietnamkrieg und "Emanzipation der Frau", politische Morde und Attentate von Memphis bis Berlin, Rassenunruhen in den amerikanischen Ghettos, ein "revolutionäres Fest" im Pariser Mai - und dazu reichlich "Sex, drugs and rock and roll". 1968 - eine globalisierte Jugendrevolte versuchte, "die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen". Die Initialzündung kam aus den USA. "1968 - Das Jahr, das uns zu denen machte, die wir heute sind", titelte das US-Magazin "Newsweek" dieser Tage - dem Sog der "kulturellen Revolution" konnte sich kaum jemand entziehen.

Das Fanal zum "Schicksalsjahr" einer ganzen Generation kam aus dem vietnamesischen Dschungel, 10 000 Kilometer von den Metropolen des Westens entfernt: Es war der 30. Januar, als Vietcong-Partisanen am Vorabend des vietnamesischen Neujahresfest aus ihren Verstecken ausrückten, ihre seit langem vorbereitete Tet-Offensive starteten - und zum Schrecken der US-Militärs bis ins Herz der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon vordrangen. Innerhalb von Stunden geschah etwas Unfassbares, die Guerillas stürmten Teile der US-Botschaft, eine Festung, die als uneinnehmbar galt. Die Weltmacht USA schien verletzbar, ja besiegbar.

Ironie der Geschichte: Militärisch war die Tet-Offensive letztlich nicht entscheidend für den Ausgang des Krieges, Tausende Vietcongs starben. Doch die studentische Jugend, die seit Jahren von Los Angeles bis Tokio gegen den Vietnamkrieg Sturm lief, bekam neuen Auftrieb - und US-Präsident Lyndon B. Johnson (LBJ) resignierte. Es heißt, die Rufe der Anti-Kriegs-Bewegung sollen ihn halb in den Wahnsinn getrieben haben. "LBJ-How many kids have you killed today?", skandierten die Demonstranten. "Wie viele Kinder haben Sie heute umgebracht?"

Wie geprügelt trat der Präsident wenig später (31. März) vor seine Landsleute, mit brüchiger Stimme trug er vor, dass er die Bombardierung vietnamesischer Städte einstelle - und wies seine Diplomaten an, die Chancen für Friedensverhandlungen zu sondieren. Eine Weltmacht erklärte sich geschlagen.

"Es war wie ein Sieg der Studenten", meint ein "68er" aus Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota im Rückblick. "Wir hatten alle das Gefühl, etwas erreicht zu haben." In Greenwich Village, dem Künstlerviertel von New York, tanzten die Menschen auf den Straßen. Die globalisierte Protestbewegung gewann an Fahrt.

Die Wucht der Revolte "made in USA" kam nicht von ungefähr. Als Studenten in Deutschland an der Uni noch brav Krawatte trugen, hatte sich an in den USA bereits über Jahre eine Kultur des Widerstands entwickelt, die weltweit stil- und sprachbildend wurde. "Sit-ins", "Teach-ins", "Love-ins" und Universitäts-Besetzungen - die Vorbilder für dergleichen Veranstaltungen samt obligatem Verstoß gegen die Uni-Hausordnung stammten von Studenten aus Kalifornien und New York. Aber die Kommilitonen in Berlin lernten schnell dazu.

Doch da war mehr als nur studentische Rebellion in den USA, mehr als nur Anti-Kriegs-Proteste. "Counterculture", Gegenkultur, hieß es damals vollmundig. "Die Gegenkultur war eine alternative Gesellschaft, die auf Frieden, Liebe und Freiheit basierte", meinen die Protagonisten von damals noch heute. Gemeint waren die Hippies in San Francisco, die Libertinage in Sachen Sex und Liebe - und natürlich lange Haare plus psychedelische Musik als globales Erkennungszeichen.

"Wer zu dieser Kultur gehörte, wollte eine bessere Welt und war gegen den Krieg." Manchen ging es freilich eher um "freien Sex" und Drogen, wie US-Autor Tom Brokaw in seinem Buch "Boom! Voices of the Sixties" vermutet. Bei allen politischen Anliegen, die Studentenrevolte der 68er war auch eine "Spaßkultur".

Doch die lockere Stimmung in den USA wurde jäh zerrissen: Es war der 4. April, gegen Abend, es dämmerte bereits, als der schwarze Bürgerrechtler und Friedensnobelpreis-Träger Martin Luther King in einem kleinen Motel in Memphis (Tennessee) auf den Balkon trat. Kurz darauf trafen ihn mehrere Schüsse, die ein weißer Heckenschütze aus einem Toilettenfenster abfeuerte. Der "schwarze Ghandi", Kämpfer für Rassengleichheit in den USA und Hoffnungsträger von Millionen Schwarzen, war tot.

Es war der Anstoß zum gewaltsamen Aufstand, in über 100 Städten brach die Gewalt los, Ghettos brannten, Geschäfte wurden geplündert. "Burn, Baby, burn", hieß der Slogan der Aufständischen. In Washington drangen jugendliche Banden bis auf zwei Straßenblocks vors Weiße Haus. "Als das weiße Amerika Dr. King tötete, hat es uns den Krieg erklärt", rief der Black-Power-Führer Stokely Carmichael seinen Anhängern zu. "Geht nach Hause und holt Eure Schießeisen!" Rund 40 Menschen starben bei den Unruhen.

Und ein weiteres Mal scheint es, als habe Deutschland aus den USA importiert - diesmal Hass und Gewalt. Es geschah lediglich sieben Tage nach dem Mord an King, diesmal ist Berlin der Schauplatz, es ist kurz vor Ostern, ein 23-jährige Gelegenheitsarbeiter reist mit dem Interzonenzug nach Berlin. Der Mann trägt eine Pistole in einem Schulterhalfter, eine weitere in der Tasche.

Mit einem Taxi lässt er sich zum Büro des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes SDS am Kurfürstendamm 140 bringen. Gegen 16.30 sieht er einen jungen Mann mit einem Dreitagebart aus dem Hausflur treten. "Sind Sie Rudi Dutschke?", fragt der Angereiste. Dann schießt er ihm mehrmals in den Kopf. Dutschke, Symbolfigur der westdeutschen Protestbewegung, sinkt schwer verletzt zu Boden. Es ist der Beginn der schwersten Unruhen und Straßenkämpfe in der Bundesrepublik.

"1968 war für die USA bei weitem das verheerendste Jahr in diesem Jahrzehnt", meint die amerikanische Autorin Linda Churney. "Gegenkultur" und Studentenproteste waren zwar zu Exportartikeln geworden, doch im Lande selbst fand die Gewalt kein Ende; die "Blumenkinder" von San Francisco trugen ihre Hippiekultur gar symbolisch zu Grabe. Und am 5. Juni wurde der demokratische Präsidentschaftskandidat Robert F. Kennedy erschossen.

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