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Zwei Generationen rechts außen: Marine und  Jean-Marie Le Pen.
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Zwei Generationen rechts außen: Marine und Jean-Marie Le Pen.

Hetzer-Dynastie Le Pen

Der Familienbetrieb

  • Axel Veiel
    VonAxel Veiel
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Marine Le Pen tritt das rechtsradikale Erbe ihres Vaters an. Die neue Parteichefin des Front National will die Partei an die Macht bringen - mit Unterstützung der bürgerlichen Mitte.

Er kann von Glück sagen, dass er diese Tochter hat. Das Gehen fällt ihm schwer. Den Weg zum Esstisch legt er in Etappen zurück. Mehrmals bleibt Jean-Marie Le Pen stehen, hustet. Fast 40 Jahre an der Spitze des rechtsradikalen Front National, fünf Präsidentschaftswahlen, unzählige Ermittlungsverfahren wegen Beleidigung oder Aufruf zum Rassenhass: Das ist an dem 82-jährigen Parteigründer nicht spurlos vorübergegangen.

Aber da ist eben noch Marine Le Pen, die jüngste Tochter und, wie es scheint, eine Seele von Mensch. Sie geleitet den Vater durch den Saal. Sie beugt sich über den Kinderwagen der kleinen Marie, schenkt dem Mädchen und ihrem Teddy ein Lächeln. Und vor allem: Wie vom Vater gewünscht, nimmt sie ihm hier auf dem Parteitag in Tours die Bürde des FN-Vorsitzes ab. „Das war eine kurze Nacht, Vater“, sagt die Tochter liebevoll. Ein Schuft, wer Böses denkt von dieser Frau.

Fremdenhass, zeitgemäß

Niemand soll das künftig mehr, nicht von ihr noch vom Front National. Die neue Parteichefin hat das zu ihrer Mission erklärt. Marine Le Pen möchte den FN zur Mitte öffnen. Sie will den vom Vater als Protestpartei konzipierten Front National an die Macht bringen, bei den Präsidentschaftswahlen 2012 Nicolas Sarkozy herausfordern. „Marine Le Pen eifert dem Niederländer Geert Wilders nach, sie wird aus dem rechtsextremen FN eine rechtspopulistische Partei machen“, sagt der Soziologe Sylvain Crépon voraus.

Sicher ist eines: Die Macht bleibt in der Familie. 67,7 Prozent der knapp 18?000 zur Abstimmung geschrittenen Mitglieder haben die 42-jährige Juristin Marine Le Pen zur Vorsitzenden gekürt. Unter „Marine“-Sprechchören erklimmt die Siegerin die Bühne, umarmt den Vater. Das Bild erinnert daran, dass das Haus des FN zwar größer werden und eine neue Fassade bekommen soll, die Grundfesten aber erhalten bleiben. Vater und Tochter schlachten dieselben Ängste aus, malen dieselben Feindbilder: Immigranten, Islam, EU, Globalisierung. Beide predigen Abschottung. Nur dass bei Marine Le Pen die hässliche fremdenfeindliche Botschaft gefälliger herüberkommt, zeitgemäßer klingt.

In der ersten Pressekonferenz als FN-Präsidentin bekundet sie am Sonntagnachmittag ihre Sorge, dass die tunesischen Unruhen auf den gesamten Maghreb übergreifen könnten und von dort „auf Europa, das seine Grenzen nicht sichern kann“. Schon jetzt bedrohten die Ausbreitung des Islamismus Frankreichs weltliche Verfassung, den inneren Frieden.

Aber Marine Le Pen als Anwärterin auf das höchste Staatsamt? Das strapaziert die Vorstellungskraft. Die neue Parteichefin verbreitet nicht die Aura einer Spitzenpolitikerin. Mit der rauen, fast brüchigen Stimme, dem meist streng zusammengebundenen Haar, den roten Wangen, den kräftigen Händen könnte sie auch als Wirtin eines Landgasthofs durchgehen. Sicherlich trägt sie heute ein haute-couture-verdächtiges Kleid. Sogar Charme blitzt nach dem Abstimmungssieg auf. Aber Repräsentantin der Grande Nation?

„An – die – Macht!“

Diejenigen, die Marine Le Pen umwirbt, die ihr 2012 zur Macht verhelfen sollen, mögen bei ihr freilich Wichtigeres finden als geschliffene Rede oder gewandtes Auftreten. Auf die Enttäuschten, Verängstigten setzt sie, auf Franzosen, die um ihr Auskommen bangen, ihren Arbeitsplatz, denen die wachsende Kriminalität Sorgen macht, die teils misslungene Integration der Nachfahren afrikanischer Einwanderer, die in den Vorstädten aufbegehren.

Im Kongresszentrum ist vom anvisierten langen Marsch aus dem rechten Getto noch wenig zu spüren. Die klassische FN-Klientel – Kleinunternehmer, Ladenbesitzer, Handwerksmeister, Landwirte – ist weitgehend unter sich, hat sich wie bei früheren Parteitagen verschanzt. Marine le Pens Ausgreifen zur bürgerlichen Mitte wirkt: Wären nächste Woche Präsidentschaftswahlen, könnte sie mit knapp 18 Prozent der Stimmen rechnen. Jean-Marie Le Pen, der zeitlebens provozieren, aber nie regieren wollte, hat die Konsequenzen gezogen. „Wir wollen – an – die – Macht!“ ruft er mit rauchiger Stimme die Ränge des Amphitheaters hinauf. Die Tochter stimmt mit ein. „An – die – Macht!“ schallt es aus Tausenden von Kehlen zurück.

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