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60 JAHRE DANACH

Der falsche Gruß

Burkhard Heim erlebte als Sechsjähriger den Einmarsch der US-Amerikaner im Westerwald. Und er erfuhr, dass manches ganz schnell nicht mehr galt, was man ihm beigebracht hatte.

Nachdem ich 1944 eingeschult worden war, galt es als erstes, einen neuen Gruß zu lernen. Nicht "Guten Tag" oder "Guten Morgen" hieß es, wenn die Lehrerin in das Klassenzimmer getreten war, sondern "Heil Hitler!"

Diesen Gruß korrekt zu lernen, fiel uns Erstklässlern zunächst schwer. Stellte die Lehrerin sich vor die Klasse und hob den rechten Arm, hoben wir den linken. Klar: Streckte sie den Arm auf der Fensterseite schräg nach oben, streckten auch wir den Arm auf der Fensterseite schräg nach oben.

Es brauchte viel Geduld und einiger Schultage, bis schließlich jeder in der Klasse den "richtigen" Arm zum Gruß erhob. Und nicht nur in der Klasse! Uns war eingeschärft worden, alle Lehrerinnen und Lehrer auch nachmittags, wenn wir sie im Dorf träfen, mit dem Hitlergruß zu grüßen.

In unserer ländlichen Gegend in Marienberg auf dem hohen Westerwald spürten wir wenig von den Kriegswirren und dem Zusammenbruch Deutschlands - wir Kinder schon gar nicht.

Aber im März 1945, am 27. März genau, da waren auf einmal die Amerikaner da. Wir saßen gerade beim Mittagessen, meine Mutter, meine beiden Schwestern und ich, als ein dumpfes Grollen aus Motorengedröhn und einem seltsamen metallischen Gerassel die Luft erfüllte. Wir sprangen auf und liefen an die Straße. Und da sahen wir sie: Lastwagen, Jeeps und Panzer donnerten in einer nicht enden wollenden Kette über die Hauptstraße. Zu unserer Familie hatte sich auch mein Klassenkamerad und Freund Manfred gestellt. Zusammen mit vielen anderen standen wir staunend am Straßenrand: So viele Autos!

Auf einmal sah ich auf der anderen Straßenseite zwei unserer Lehrerinnen stehen, die ebenfalls das beeindruckende Kampfmaterial der Amerikaner bestaunten. Ich stieß Manfred den Ellenbogen in die Seite. Unsere rechten Arme flogen in die Höhe: "Heil Hitler! Fräulein Bartelmann! Fräulein Rüffer! Heil Hitler!" Wir hatten Mühe, uns im Motorenlärm verständlich zu machen. Manche vorbeifahrenden GI's grinsten, winkten. "Heil Hitler! Fräulein Rüffer! Fräulein Bartelmann! Heil Hitler!"

Als unsere Lehrerinnen uns endlich wahrgenommen hatten, hatten sie es eilig, sich durch die Fahrzeuge hindurch auf unsere Seite zu schlängeln. Streng verboten sie uns den mühsam erlernten Hitlergruß.

Wir waren verdutzt, dass er auf einmal nicht mehr gelten sollte.

Burkhard Heim, Eschenburg-Wissenbach

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