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Hat Mohammed bin Salman den Mord beauftragt?

Saudi-Arabien

Welche Rolle spielte Kronprinz bin Salman im Fall Khashoggi?

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Im Fall Khashoggi sieht UN-Expertin Callamard genügend Anlass für Ermittlungen gegen den saudischen Thronfolger.

Eine Leiche zu zerlegen sei „ganz einfach“, beruhigte der saudische Gerichtsmediziner Salah Tubaigy seinen Killerkollegen Maher Mutreb, während beide in ihrem Versteck warteten. „Man zertrennt die Gelenke, dann schneiden wir alles in Stücke, tun sie in Plastiksäcke und verschnüren die.“ Minuten später fragte Mutreb in den Raum, ob das „Opfertier“ inzwischen eingetroffen sei. Gemeint war der Journalist Jamal Khashoggi, der kurz danach das saudische Konsulat in Istanbul betrat, um Papiere für seine bevorstehende Hochzeit abzuholen. Er sollte das Gebäude an diesem 2. Oktober 2018 nicht mehr lebend verlassen, von seiner Leiche fehlt bis heute jede Spur.

Nach monatelanger Arbeit und mehr als hundert Interviews legte nun Agnes Callamard, die UN-Sonderberichterstatterin für außergerichtliche Hinrichtungen, die bisher gründlichste und detaillierteste Darstellung über Vorgeschichte, Planung und Tathergang des Mordes an Khashoggi vor, ein Staatsverbrechen, das – wie es in dem Bericht heißt – „eine erhebliche Koordination aufseiten der Regierung sowie bei den eingesetzten Mitteln und Finanzen“ erforderte.

Welche Rolle spielte Mohammed bin Salman als Drahtzieher im Fall Khashoggi?

Der Text, der nächste Woche im UN-Menschenrechtsrat diskutiert werden soll, dürfte die Debatte über die Rolle des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman als Drahtzieher der Tat neu anheizen. Auch wenn sich Callamard zur persönlichen Schuld des Thronfolgers nicht ausdrücklich äußerte, existieren nach ihrer Einschätzung „glaubwürdige Beweise“ für eine direkte Verantwortung Salmans und anderer ranghoher Vertreter Saudi-Arabiens. Aus diesem Grund forderte sie internationale Sanktionen gegen Privatbesitz und Bankkonten des 33-jährigen Königssohns, soweit diese sich im Ausland befinden.

Riad reagierte auf das brisante 99-seitige Dokument demonstrativ gelassen. Der UN-Bericht enthalte nichts Neues, twitterte der saudische Staatsminister im Auswärtigen Amt, Adel al-Jubeir. Der Text wiederhole lediglich, was bereits publiziert und in den Medien zirkuliere und enthalte „klare Widersprüche und haltlose Anschuldigungen“. Dagegen ging ein Sprecher der US-amerikanischen Regierung, deren Präsident Donald Trump bisher wegen der lukrativen Waffengeschäfte seine schützende Hand über den Thronfolger hält, vorsichtig auf Distanz. Saudi-Arabien müsse mehr tun, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, sagte Brian Hook bei einer Befragung im US-Kongress. „Das Ganze bleibt ein sehr heißes Eisen“, fügte ein ungenannter hoher Regierungsbeamter gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters hinzu. Die Saudis sollten das „unbedingt ernst nehmen“.

UN-Bericht präsentiert neue Details im Fall Khashoggi

Erstmals präsentiert der UN-Bericht auch bisher unbekannte Details zur Verwicklung des damaligen Konsuls Mohammed al-Otaibi. Der Diplomat soll in den Tagen vor dem Mord zwei Konsulatsmitarbeiter „in geheimer Mission“ nach Riad geschickt haben – mit dem Befehl, für ihre gesamten Familien Flugtickets zu kaufen, um ihren Trip als Familienurlaub zu tarnen. Für die anreisenden Agenten wiederum buchte er in Istanbul ausdrücklich Zimmer mit Meeresblick, um deren Aufenthalt als Touristenbesuch zu tarnen. Den Angestellten des Konsulats befahl er, sich von seinen Büroräumen im zweiten Stock vorerst fernzuhalten, weil eine Kommission aus Riad für zwei bis drei Tage Arbeiten am Fußboden ausführen müsse.

Innerhalb von 24 Stunden nach dem Mord reiste nach den Erkenntnissen von Callamard dann ein weiteres Team aus Saudi-Arabien an, um alle Spuren zu vertuschen, derweil Kronprinz Mohammed bin Salman in Interviews weiter ungerührt den Ahnungslosen mimte. Die Reinigung des Tatorts sei so professionell und so umfangreich gewesen, dass dies nicht ohne Wissen des Thronfolgers hätte organisiert werden können, urteilte Callamard.

Tatort klinisch bereinigt

Sämtliche Spuren seien extrem gründlich beseitigt worden, sodass türkische Ermittler, nachdem sie 13 Tage später endlich das Gebäude betreten durften, einen praktisch klinisch reinen und teilweise frisch gestrichenen Tatort vorfanden. Obendrein sei im Hof des Konsulats in einem Metallfass ein Feuer gemacht worden, um offenbar belastendes Material zu verbrennen.

Für die internen saudischen Ermittlungen dagegen hat Callamard ein vernichtendes Urteil. Sie seien „durch Geheimhaltung vernebelt“. Die Namen der elf Angeklagten seien nicht bekannt und niemand wisse, was ihnen vorgeworfen werde. Dagegen sind einige aus dem 15-köpfigen Killerkommando von Istanbul offenbar gar nicht im Visier der Justiz. Die beiden in vorderster Linie mitverantwortlichen Vertrauten des Kronprinzen, Saud al-Qahtani und Ahmed Asiri, sind nach wie vor unbehelligt und lassen sich wohlgelaunt auf Empfängen und Familienfeiern blicken.

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