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Selektiver Blick auf die Vergangenheit: Bruno D.

Stutthof-Prozess

Faktencheck: Was SS-Wachmänner wissen konnten

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Das Gutachten eines Historikers widerspricht vielen Aussagen des Angeklagten Bruno D.: Es sei unwahrscheinlich, dass er von Selektionen und Massentötungen gar nichts gesehen habe.

Bruno D. bedauert, als SS-Wachmann in Stutthof gewesen zu sein. Er bedauert, so hat er im Prozess vor dem Hamburger Landgericht mehrfach gesagt, das Leiden und das Sterben der vor allem jüdischen Gefangenen in dem Konzentrationslager bei Danzig. Einer persönlichen Schuld aber sei er sich nicht bewusst. Ob der 93-Jährige trotz seiner untergeordneten Rolle im Lager als Mordhelfer verurteilt wird, dürfte maßgeblich vom Gutachten des Historikers Stefan Hördler abhängen. Ursprünglich hatte der Experte für die Geschichte des nationalsozialistischen KZ-Systems an diesem Freitag zum achten und letzten Mal vor Gericht über seine Ergebnisse sprechen sollen; wegen der Fülle des Materials musste er aber doch noch für einen weiteren Termin geladen werden.

Der an der Universität Göttingen lehrende Wissenschaftler hat für das Gutachten sowohl Dokumente der NS-Bürokratie als auch Nachkriegsaussagen von Tätern und Opfern ausgewertet. Die FR hat zusammengestellt, in welchen zentralen Punkten seine Ergebnisse den Angaben von Bruno D. widersprechen.

Bruno D. sagt, er habe sich dem Einsatz in Stutthof nicht entziehen können: „Ich bin dazu gezwungen worden, ich habe das nicht freiwillig gemacht.“

Stimmt nur zum kleineren Teil. Zwar fand Hördler keinen Beleg, dass sich Bruno D. freiwillig für den Wachdienst im KZ gemeldet hätte. Auch in die SS trat er nicht aus freien Stücken ein. Wegen eines Herzfehlers als nur eingeschränkt wehrdiensttauglich gemustert, war er zunächst von der Wehrmacht eingezogen und dann im Sommer 1944 nach Stutthof abkommandiert worden. Nach einer Übergangszeit sei er dort, wie alle Wehrmachtssoldaten im KZ-System, automatisch in die SS übernommen worden, erklärte der Historiker. Aber: Auch nach seiner Eingliederung in die SS hätte er jederzeit seine Versetzung an die Front beantragen und so dem Dienst im Lager entkommen können. „Das war immer möglich.“ Der Angeklagte habe jedoch nie ein Versetzungsgesuch gestellt.

Bruno D. sagt, keiner der SS-Wachleute habe sich an die Front versetzen lassen. Hätte er einen solchen Versetzungsantrag gestellt, wäre er zur Rechenschaft gezogen worden: „Ich hätte mit Sicherheit eine Strafe zu erwarten gehabt.“

Das Gegenteil ist wahr. Hördler wusste sogar von mehreren Wachleuten aus Stutthof zu berichten, die erfolgreich ihre Versetzung an die Front beantragten. Darunter seien auch Männer gewesen, die wie Bruno D. als lediglich „bedingt kriegsverwendungsfähig“ eingestuft waren. Derartige Meldungen seien keineswegs verpönt, sondern vielmehr begrüßt und beworben worden. Selbst wer seinen Versetzungswunsch damit begründet habe, ein Problem mit dem KZ-Wachdienst zu haben, sei nicht bestraft worden. „Es gibt keinen belegbaren Fall, in dem sich daraus persönliche Nachteile ergeben hätten“, sagte Hördler.

Über seine SS-Kompanie in Stutthof sagt Bruno D.: „Ich kann nicht sagen, dass da echte Nazis dabei waren, die vom Nationalsozialismus geschwärmt hätten oder vom Krieg.“ Auch bei der SS habe es „anständige Leute“ gegeben.

Klingt eher nach Wunschdenken. Die 1. Kompanie des SS-Totenkopfsturmbannes Stutthof, der Bruno D. angehörte, wurde von Richard Reddig geführt – laut Hördler ein „überzeugter Nationalsozialist“, der schon kurz nach Kriegsbeginn an Mordaktionen im besetzten Polen beteiligt gewesen sei. Neben jungen Rekruten wie Bruno D. habe er für seine Kompanie gezielt „langjährige, im KZ-Dienst erfahrene und gewaltsozialisierte SS-Mitglieder“ ausgewählt, die wie er bereits an systematischen Massentötungen mitgewirkt hatten.

Von Auschwitz will Bruno D. ebenso wenig etwas gewusst haben wie über die von SS-Wachleuten begleiteten Massentransporte aus Stutthof in das größte nationalsozialistische Vernichtungslager: „Ich weiß nichts von Kameraden, die abkommandiert wurden.“

Mehr als unwahrscheinlich. Hördler beschrieb Stutthof als „Drehscheibe“ in der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Seit 1943 seien zehntausende Jüdinnen und Juden aus aufgelösten Lagern und Ghettos im Osten nach Stutthof deportiert und zum größten Teil von hier aus weiterverteilt worden. Vor allem zwischen Juli und September 1944 – da war Bruno D. bereits im Lager eingesetzt – habe die SS viele von ihnen direkt nach Auschwitz in den Tod geschickt. Diese „Vernichtungstransporte“ seien auch von Wachleuten aus der Kompanie des Angeklagten begleitet worden, möglicherweise sogar von ihm selbst.

Bruno D. sagt, er sei ausschließlich auf den Lagertürmen sowie einige wenige Male bei der Bewachung von Arbeitskommandos eingesetzt worden. Von der Ankunft der fast 50.000 Menschen, die in der zweiten Hälfte des Jahrs 1944 nach Stutthof kamen, habe er deshalb ebenso wenig etwas mitbekommen wie von den „Selektionen“, bei denen der Lagerarzt über Tod oder Leben der Angekommenen entschied.

Ebenfalls äußerst unwahrscheinlich. „Es gab ein Rotationssystem“, sagte Hördler. Wegen der vielen ein- und ausgehenden Transporte und der zunehmenden Überfüllung des Lagers seien alle Wachmannschaften im Dauereinsatz gewesen. Reihum hätten sie dabei alle auch die Bewachung ein- und ausgehender Transporte sowie der „Selektionen“ übernommen.

Bruno D. sagt, er habe zwar einmal Schreie aus der Gaskammer gehört, aber: „Ich wusste nicht, dass die Menschen da drin vergast werden.“ Auch von den systematischen Erschießungen in einem als Arztzimmer getarnten Nebenraum des Krematoriums habe er nichts gewusst.

Nicht glaubhaft. „Das Wissen um die gezielten Massentötungen war für alle KZ-Wachmannschaften allgegenwärtig“, meint Hördler. Wegen der Überfüllung des Lagers habe die SS spätestens im September 1944 mit der systematischen Ermordung kranker, zumeist jüdischer Gefangener begonnen. Bis zum Ausbruch der Fleckfieber-Epidemie im Dezember 1944 seien mindestens 3000 Menschen erschossen oder vergast worden, schätzt der Historiker und widerspricht in diesem Punkt auch der Staatsanwaltschaft: Die Anklage wirft Bruno D. Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vor und geht dabei von 30 Erschießungsopfern, 200 mit dem Giftgas Zyklon B Ermordeten und 5000 Fleckfiebertoten aus.

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