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Duell der Rockergruppen

Fahrt zur Hölle

Im Osten Deutschlands liefern sich Rockergruppen einen brutalen Kleinkrieg um die Vormachtstellung im Drogen-, Waffen- und Rotlichtmilieu. Ebenfalls heikel: die Verbrüderungen mit der Neonazi- und Hooliganszene. Von Jörg Schindler

Von Jörg Schindler

Was bisher geschah: Am Nikolaustag 2008 wird Rayk F., vorbestrafter Frontmann der Hells Angels Nomads und als lebende Kampfmaschine mit Narben gezeichnet, brutal zusammengeschlagen. Der Tatort ist die Diskothek Omega in Eberswalde. Die Täter sind Mitglieder der Chicanos, einer Unterstützergruppe der berüchtigten Motorradgang Bandidos. Die Tat ist eine ungeheure Provokation.Am 5. Juni 2009 wird im brandenburgischen Ludwigsfelde das Clubheim der Chicanos nicht ganz fachgerecht zerlegt. Mehrere Mitglieder der Rocker-Filiale erleiden Schädel- und Ellbogenbrüche. Die Angreifer zählen zur Brigade 81. Die Ziffern stehen für die Buchstaben H und A - Hells Angels.

Am 21. Juni 2009 liefern sich Mitglieder der Brigade 81 und der Chicanos in Finowfurt eine wilde Verfolgungsjagd. An deren Ende steckt dem Präsidenten der 81er ein Messer im Rücken, einem Kumpan wurde das Bein mit einer Axt halb gespalten. Der Polizei teilen die Verletzten mit, es habe sich um einen "Verkehrsunfall" gehandelt.

Am 17. Juli 2009 entdecken Passanten in Eberswalde einen silbrig glitzernden Gegenstand unter einem schwarzen BMW. Er entpuppt sich als selbstgebastelte Bombe. Der Wagen gehört Rene H. Er ist Präsident der örtlichen Chicanos.

Polizei rechnet An diesem Samstag treffen sich Hunderte Hells Angels zu einer Art Jahreshauptversammlung in deren Berliner Vereinsheim. Einen ursprünglich geplanten "City Run" haben sie zwar "wegen Behördenwillkür" abgesagt. Die Polizei bereitet sich dennoch auf einen Großeinsatz vor. Zumal mit den "Harley Days" weitere 25.000 Motorräder in die Hauptstadt erwartet werden. Verfeindete Gruppen wollen die Behörden mit großem Aufwand auseinanderhalten. Es gilt, die nächste Schlacht im Rockermilieu zu verhindern. Was geschehen wird, ist unklar.

Guerillakrieg auf Zweirädern

Es ist eine Art Guerillakrieg auf Zweirädern, der in Berlin und Brandenburg, aber auch in den angrenzenden Bundesländern, tobt. Es stehen sich gegenüber: die deutschen Statthalter der beiden weltgrößten Rockergangs - Hells Angels und Bandidos. Seit Jahren kämpfen sie und ihre "Supporter" verbissen um die Vormachtstellung im ostdeutschen Drogen-, Rotlicht- und Waffenmilieu. Und die Polizei steht den so genannten Outlaw Motorcycle Gangs - zu Deutsch: motorisierte Gesetzlose - oft machtlos gegenüber. Denn in einem sind sich die aufs Blut verfeindeten Kuttenträger einig: Mit den Bullen redet man nicht.

Ende 2008 sah es für einen kurzen Moment so aus, als würden die Rocker selbst ihren Kleinkrieg beenden. Weil der Verfolgungsdruck durch die Behörden enorm gewachsen war, trafen sich in Magdeburg hochrangige Anführer von Hells Angels und Bandidos und einigten sich nach zähem Ringen auf einen Waffenstillstand. In den Monaten danach erhöhten jedoch vor allem die Bandidos systematisch ihre Präsenz in Ostdeutschland. In Brandenburg, Sachsen, Berlin, aber auch in Schleswig-Holstein ermunterten sie kleinere Clubs zum Übertritt ("patchover") oder gründeten munter neue Filialen ("Chapter"). Die ehedem rigiden Aufnahmekriterien wurden gelockert, was für regen Zulauf sorgte. Arbeitslose Jugendliche und Migranten erledigen nun die Drecksarbeit für den Club, manche von ihnen besitzen nicht einmal den Motorradführerschein.

"Die Bandidos haben jetzt ein zahlenmäßiges Übergewicht", heißt es bei der "Besonderen Aufbauorganisation Rocker" (BAO) des Landeskriminalamtes Brandenburg. "Den Hells Angels gefällt das nicht - und sie haben zuletzt mehrfach klar gemacht, dass sie das nicht dulden werden."

Eine ihrer Antworten ist die Brigade 81, eine Art militante Jugendorganisation der Angels. Die lassen nun wieder verstärkt die Muskeln spielen. So tauchten etwa in der Nacht zum 17. Juli rund 50 Hünen mit weißen Opernmasken auf der Berliner Touristenmeile Oranienburger Straße auf, um der Table-Dance-Bar "Gold Club" einen Besuch abzustatten. Die rechtzeitig herbeigeeilte Polizei zog 34 schwer bewaffnete Hells Angels aus dem Verkehr.

Dabei geht es den diversen Rockerclubs - neben den beiden Großen sind das vor allem die Outlaws und der MC Gremium - nicht nur um ihren archaischen Ehrbegriff. Es geht vor allem ums Geld. Der brutale Kampf begann in Berlin vor etwa zehn Jahren und greift seit 2006 verstärkt auf Brandenburg über. Dort versuchen Angels und Bandidos mit allen Mitteln, die Türsteherszene in ihre Gewalt zu bekommen. "Wer die Tür hat, hat auch die Geschäfte dahinter", sagte ein Ermittler der FR.

Um welche Geschäfte es geht, daran besteht für die Polizei kein Zweifel: Prostitution, Drogen, Waffen, Anabolika und das scheinlegale Sicherheitsgewerbe. Auch als schlagkräftige Inkasso-Unternehmer treten die Kuttenträger gerne auf. "Da wird eine ganze Menge Geld bewegt", heißt es bei der BAO Rocker. Die Zahl der in krumme Geschäfte verwickelten Motorradfahrer schätzt man dort auf etwa 1000. Tendenz steigend.

Heikle Verbrüderungen

Besonders heikel: Es mehren sich Hinweise, dass die Clubs sich immer mal wieder mit der ostdeutschen Neonazi- und Hooliganszene verbrüdern. So sollen Türsteher aus der Rockerszene wiederholt Räumlichkeiten für Skinhead-Konzerte zur Verfügung gestellt haben. Und bei Ausschreitungen in den Fußballstadien des Ostens sichteten Beamte schon etliche Male um sich prügelnde Biker: "Die trainieren die Woche über ihre diversen Kampfsportarten und am Wochenende suchen sie sich auf der Tribüne Sparringspartner", so der Ermittler.Dass die größten Rockergangs der Welt sich ausgerechnet in Ostdeutschland einen erbitterten Kampf liefern, ist kein Zufall: Die Region dient als strategisch wichtiges Sprungbrett in prosperierende Staaten wie Polen, Tschechien, das Baltikum und Russland, wo die Rocker weit weniger zimperlich aufeinander losgehen. Mehrere Morde gingen dort zuletzt auf das Konto von skrupellosen Zweiradfahrern.

"Osteuropa ist ein gewaltiger Markt", sagen Ermittler. Und wer die Grenzregion beherrscht, kann sich dort leichter bedienen. Vor allem der "Brückenkopf" Cottbus stand dabei in den letzten Jahren immer wieder im Fokus. So konnte die Polizei im November 2006 eine offene Feldschlacht in dem Lausitzstädtchen gerade noch verhindern. 130 Rocker fingen die Beamten ab, dazu ein gigantisches Waffenarsenal. Mit den sichergestellten Totschlägern, Butterflymessern, Schlagringen, Schusswesten, Äxten und Macheten ließe sich zur Not ein Dschungelkrieg überleben.

Seither kam es in Cottbus immer wieder zu lebensgefährlichen Attacken. Nicht immer konnte die Polizei rechtzeitig einschreiten. Das liegt zum einen an dem Schweigegelübde, an das sich die harten Jungs der Szene selbst dann halten, wenn sie mit Schusswunden ins Krankenhaus eingeliefert werden. Zum anderen sind es hin und wieder sogar Beamte selbst, die den Rockern entscheidende Tipps vor Razzien oder Zugriffen geben. "Das Männlichkeitsbild von Rockern finden wir manchmal auch bei jungen Polizisten wieder", sagt ein erfahrener Ermittler halb-resigniert.

Selbst wenn Täter geschnappt und Tathergänge rekonstruiert werden können, tun sich Gerichte schwer damit, Rocker zu verurteilen. Allein die Präsenz Dutzender stiernackiger Zuschauer im Gerichtssaal schüchtert Belastungszeugen oft genug ein. Das trübt die Erinnerung. So endete Anfang dieser Woche ein weiterer Rockerprozess vor dem Landgericht Berlin mit einem Freispruch. Drei zähe Jahre lang hatte sich das Gericht darum bemüht zu klären, wer im September 2006 in der Charlottenburger Bar Blue Bananas einem Hells Angel einen lebensgefährlichen Messerstich zugefügt hat. Nicht mal das Opfer wollte sich am Ende noch an die Tatnacht erinnern. Sechs Beschuldigte sind nun wieder auf freiem Fuß.

Der Waffenstillstand vom Dezember zwischen Hells Angels und Bandidos ist zwar nach allem, was man weiß, formal noch in Kraft. Dass die motorisierten Engel die wiederholten Demütigungen durch die Bandidos einfach hinnehmen werden, halten die Sonderermittler in Berlin und Brandenburg aber für unwahrscheinlich. Intern wächst die Befürchtung, dass Angels aus Hannover und Bremen früher oder später gen Osten ziehen werden, um dort ein für allemal die Gebietsansprüche zu klären. "Das ist noch nicht vorbei", sagt ein Ermittler. "Da sind noch viele weiße Flecken auf der Landkarte."

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