Touristen an der Ostsee
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Touristen an der Ostsee.

Corona-Virus

Fahrlässig lässig?

  • vonJuliane Schultz
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Experten warnen: Deutsche nehmen Gefährlichkeit des Virus nicht mehr ernst genug.

In Deutschland breitet sich das Coronavirus nahezu flächendeckend weiter aus. Die Zahl der Neuinfektionen lag am Mittwoch nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) bei 684. Im Sieben-Tages-Schnitt liegt die Zahl der täglichen Neuinfektionen wieder bei rund 570 Fällen – zuvor lag der Wert wochenlang zwischen 300 und 500 Fällen täglich. Mitverantwortlich für den Anstieg ist nach Angaben des RKI die angelaufene Rückreisewelle. Anders als zu Beginn des Ausbruchsgeschehens ballen sich die Fälle nicht in einzelnen regionalen Hotspots. Dem RKI zufolge gibt es fast bundesweit viele kleine Infektionsherde.

Der Infektiologe Gerd Fätkenheuer sieht ein nachlassendes Gefahrenbewusstsein in der Bevölkerung. „Was sich derzeit in den Köpfen abspielt“ stelle ein großes Risiko dar, sagte der Forscher der Uniklinik Köln dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die Menschen fühlten sich heute viel sicherer als noch vor einem Vierteljahr. „Mit dem starken Rückgang der Zahlen werden die Gefahren, die nach wie vor von dem Virus ausgehen, nicht mehr in gebührendem Maße wahrgenommen.“

Regierung und Opposition mahnen zur raschen Umsetzung der jüngst beschlossenen verpflichtenden Corona-Tests für Reiserückkehrer. Das Bundesgesundheitsministerium kündigte am Mittwoch an, der Bund werde die geplanten zusätzlichen Testmöglichkeiten finanzieren. Die Kosten würden durch einen erhöhten Zuschuss zur gesetzlichen Krankenversicherung übernommen, sagte eine Sprecherin des Ministeriums.

SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich meldete in der Frage allerdings noch Gesprächsbedarf an. „Wenn die Allgemeinheit jetzt auch für solche Menschen bezahlen soll, die sich durch die Reise in ein Risikogebiet leichtsinnig in Gefahr begeben haben, finde ich das schwierig“, sagte Mützenich dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Es gebe aber natürlich auch nachvollziehbare Reisen in Risikogebiete, etwa bei familiären Verpflichtungen, räumte der SPD-Fraktionschef ein. Er forderte Spahn auf, die entsprechende Verordnung schnellstmöglich vorzulegen.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hingegen plädierte für eine pragmatische Lösung. „Wenn wir nicht die Kosten tragen, würden sich die Hochrisikobereiten nicht testen lassen. Also die Menschen, die sich an den Ferienorten, wie zuletzt in Spanien, rücksichtslos verhalten. Jetzt muss eine sehr schnelle und unbürokratische Lösung gefunden werden“, sagte er dem RND. Auch dass sich die privaten Krankenkassen nicht an den Kosten der Pflichttests beteiligen, ist aus Lauterbachs Sicht in der aktuellen Lage vertretbar.

Der Verband der Privaten Krankenversicherungen wies den Vorwurf zurück, die Kosten auf die Allgemeinheit abzuwälzen. „Wenn der Gesetzgeber Massentests von Menschen ohne Krankheitssymptome anordnet, ist das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe zum Infektionsschutz. Nach Auffassung des Verbandes müssten die Kosten daher aus Steuermitteln gezahlt werden“, so ein Sprecher. (mit epd)

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