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Die Cambridge-Analytica-Affäre kratzte kräftig am Image von Facebook und Mark Zuckerberg.

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Eine Entscheidung, die Wellen schlägt

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Die Verknüpfung von Wettbewerbsrecht und Datenschutzrecht, juristisch nicht ganz unkompliziert, könnte eine verblüffend effektive Waffe im Kampf gegen die neuen Datensupermächte sein.

Daumen runter für Facebook: So wie bisher kann es nicht weitergehen, jedenfalls nicht in Deutschland. Das Bundeskartellamt setzt der übergriffigen Datenkrake aus dem Silicon Valley Grenzen.

Jeder Nutzer bleibt natürlich frei darin, Facebook sein gesamtes Leben zu erzählen. Und Facebook bleibt darin frei, die so erworbenen Daten an Unternehmen zu verkaufen. Untersagt wird Facebook aber die – von den meisten Menschen gar nicht bemerkte – Sammlung von Nutzerdaten auch auf Internetseiten, die gar nicht zu Facebook gehören. Außerdem darf der Konzern in Deutschland nicht ohne freiwillige Zustimmung die Daten von Facebook, Whatsapp und Instagram zu einem großen Ganzen verquirlen. Freiwillig heißt dabei: Denen, die die Weiterleitung ihrer Daten ablehnen, darf Facebook nicht die Nutzung einzelner Dienste versagen. Das Kartellamt erzwingt jetzt also, wie sein Chef Andreas Mundt es formuliert, „eine Art innere Entflechtung“.

Die Entscheidung aus Deutschland schlägt Wellen, weltweit. Asiaten und Amerikaner fragten am Donnerstag: „Federal Cartel Office“? In Bonn? Was ist das denn nun wieder für eine Behörde? Sehen die Deutschen nicht ein, dass sie nichts werden ausrichten können gegen einen globalen Giganten wie Facebook?

Doch noch steht es unentschieden. Klar: Viele Nutzer werden sich so schnell wie möglich durch alle „Ja, ich akzeptiere“-Buttons klicken. Facebook setzt stur auf diesen Reflex. So ist auch zu erklären, dass der Konzern über Jahre hinweg alle Warnungen der deutschen Kartellwächter in den Wind geschlagen hat. Das Verfahren läuft seit drei Jahren, der Konzern hätte längst die beanstandeten Praktiken ändern können.

Facebook scheint es aber auf einen Machtkampf anzulegen. Und deshalb wird es jetzt spannend. Sollte sich der Konzern im anstehenden Rechtsstreit vor Gericht durchsetzen, könnten die deutschen Wettbewerbshüter am Ende blamiert dastehen. Doch wenn die deutsche Justiz sich hinter das Kartellamt stellt, zieht Facebook den Kürzeren. Dann wird Deutschland als Trendsetter erscheinen in einer längst überfälligen globalen Gegenwehr. Die Verknüpfung von Wettbewerbsrecht und Datenschutzrecht, juristisch nicht ganz unkompliziert, könnte sich als eine verblüffend effektive Waffe im Kampf gegen die neuen Datensupermächte erweisen und auch in anderen Staaten zu Restriktionen führen, sogar in den USA selbst.

Nie standen so viele Fragezeichen hinter Facebook wie heute. Schon die Cambridge-Analytica-Affäre kratzte kräftig am Image, dabei beschrieb sie gar nichts Neues: Wer genug Geld hinlegt, bekam von Facebook zu allen Zeiten Persönlichkeitsprofile, in denen nicht nur Gewohnheiten oder Vorlieben, sondern sogar Charaktereigenschaften beschrieben sind.

Wenn es schlecht läuft für den Datenkonzern, wird der Blick bald nicht mehr an rechtlichen Spezialproblemen hängen bleiben, sondern zum Zentrum des Geschäftsmodells wandern. Immer mehr Erwachsenen geht mittlerweile auf, dass Facebook sie mit einer Herablassung behandelt wie ahnungslose Kinder. Der Konzern gaukelt ihnen etwas Tolles und Kostenloses vor, die schöne Inszenierung ihres Egos, ein dauerndes Umgebensein von guten Gefühlen, von Lob und Bestätigung. Das alles macht süchtig, es wird entsprechend konstruiert und laufend optimiert. Und es vernebelt den Blick auf den Kern des zynischen Spiels, bei dem jeder erst mal etwas für die moderne Internetwirtschaft sehr Wertvolles hergeben muss: seine Daten.

Apple-Chef Tim Cook hat keine Kinder, aber einen Neffen. Dem riet er, wie er vor wenigen Tagen verriet, er solle sich bloß fernhalten von sozialen Netzwerken. Klarer Fall. So sind sie, die klugen und sehr bewusst lebenden kalifornischen Eliten. Man trinkt Bio-Weine, hält sich an Low-Carb-Diäten. Die eigenen Kinder sollen noch echte Bücher lesen, Gedichte lernen, gemeinsam etwas unternehmen. Und für die anderen, für die Kinder der Dummen, der Armen und auch für deren Eltern, kreiert man in der coolen Firma schöne neue Angebote im Internet.

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