+
Extremistin der Mitte? Lady Gaga.

Extrem nett

  • schließen

Radikal sein ist anstrengend, vor allem für Frauen.

Alle Menschen wollen gern in irgendwas extrem sein. Ich zum Beispiel wollte als Heranwachsende extrem schnell rennen können, am besten mit Zauberstiefeln, extrem gut Spagat können (oder überhaupt Spagat), eine extrem viel kleinere Nase haben und extrem viele Verehrer. 

Extremistisch sein, also wirklich gegen die gesellschaftliche Ordnung aufbegehren, wollen hingegen nur wenige – und wie es scheint, nur sehr wenige Frauen. Extremistinnen im engeren Sinne sind in Deutschland selten. Ulrike Meinhof, Beate Zschäpe, vielleicht Rosa Luxemburg und noch ein paar andere. Extremistinnen kann man kaum googeln. Die gefeierte „Extremistin aus der ersten Reihe“ ist ein Motorrad, die KTM 790 Duke. In extremistischen Szenen wie den ReichsbürgerInnen oder Ultra-Fußballfans sind Frauen stark unterrepräsentiert (weil sie zu schwach sind, ein Megafon zu halten?). Lediglich in der RAF tummelten sich zahlreiche Frauen, die jedoch in ihrer politischen Radikalität nicht immer ernstgenommen, lieber auf psychologische Auffälligkeiten oder fehlende Vaterliebe hin analysiert wurden. 

Meist dient das Wort „Extremistin“ als harmloses Label, angewandt auf nette Randgebiete jenseits des Politischen. Eine begabte Ozeanseglerin wird als „Extremistin der Weltmeere“ bejubelt, Mutter Teresa als „Extremistin der Nächstenliebe“ und Lady Gaga als „Extremistin der Mitte“, es hätte aber genauso gut Angela Merkel gemeint sein können.

Warum es so wenige Extremistinnen gibt? „Frauen machen sowas eigentlich nicht, sie sind ja viel liebevoller und sozialer“, schreibt eine namenlose Frau in einem Online-Forum. Namhafte Psychologen sagen dasselbe: Bei Männern sei die Varianz viel größer, zwischen sehr dumm und sehr intelligent bestehe eine riesige Bandbreite, Männer seien „das extreme Geschlecht“, Frauen hingegen eher ausgleichend, kompromissbereit, um nicht zu sagen, „extrem kompromissbereit“. Dasselbe sagt man übrigens auch von Meerschweinchen. 

Wenn doch einmal eine Ulrike Meinhof oder Beate Zschäpe auftaucht, sind alle bass erstaunt. Hä? Frauen sind doch lieb und sanft! Potztausend, das Luder muss psychisch gestört sein, hässlich, vaterlos, untervögelt oder alles zugleich.

Ich kann gut verstehen, warum es kaum Extremistinnen gibt. Ich hätte auch keine Lust dazu. Weil man sich als Extremistin nicht nur mit der Staatsgewalt herumschlagen muss, sondern auch mit nervtötenden Kommentaren. Wird eine Frau gewalttätig, ist sie ein „Flintenweib“ (RAF) oder „der Engel mit den Eisaugen“ (Amanda Knox). „Sie hatte doch alles“ (Ulrike Meinhof), „dabei sah sie so gut aus!“ (Gudrun Ensslin), seufzen die Zeitungen und machen einen zur „Terrorbraut“, obwohl man vielleicht geschieden ist oder mit drei männlichen Extremisten in wilder Ehe lebt. Und wenn man es als Extremistin nicht mehr so bringt, sinkt man vom Star zum „fallen angel“ herab. Als Britney Spears der radikalen Szene enden? Besser nicht.

Dann lieber doch nur in irgendwas ein bisschen extrem sein. Das mit den vielen Verehrern hebe ich mir fürs Rentenalter auf, aber am Spagat könnte ich mal wieder feilen. Oder was ganz anderes? Ich frage meine Mutter: „Bin ich eigentlich in irgendwas extrem?“ Meine Mutter legt mir eine Hand auf die Schulter: „Ich finde, du bist extrem nett.“ Na danke.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion