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Extinction-Rebellion-Mitglieder protestieren gegen eine Ausstellung in London, die von dem Öl-Konzern BP gesponsert wird.

Klima-Aktivisten

Extinction Rebellion: Provokant, auffällig, gut organisiert - und umstritten

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An der Gruppe Extinction Rebellion scheiden sich die Geister. Das liegt auch an den zweifelhaften Aussagen des Gründers zur Demokratie.

Zwei Männer stehen auf dem Dach eines Londoner U-Bahn- Wagens und halten ein Transparent. „Einfach weitermachen bedeutet den Tod“ steht darauf in englischer Sprache. Einfach weitermachen, das ist es aber, was die Massen vor der U-Bahn im Sinn haben, zumindest unmittelbar. Die meisten von ihnen sind an diesem Oktobermorgen auf dem Weg zur Arbeit. Als Erstes fliegen Zeitungen, Kaffeebecher. Dann fangen einige an, die zwei Männer an den Füßen von der U-Bahn zu ziehen.

Und schon wieder ist die Klimabewegung Extinction Rebellion, unter deren Logo die zwei unterwegs sind, in aller Munde.

Extinction Rebellion sind in vielen Ländern aktiv

Es ist schon eine skurrile Situation, von welcher Seite man sie auch betrachtet: Pendler, die offenbar so sehr um ihre Jobs fürchten, dass sie lieber zwei Menschen von einem Zug herunterprügeln, als eine Verspätung zu riskieren. Und Klimaaktivisten, die den klimafreundlichen öffentlichen Verkehr behindern.

Auch in Deutschland und weiteren Ländern war Extinction Rebellion in den vergangenen Wochen aktiv. Typischerweise sind es allerdings Straßen, Kreuzungen und Brücken, also die Infrastruktur für Autos, die blockiert werden. Auch das gefällt natürlich nicht allen – der Berliner FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja beispielsweise nannte die Aktionen in Berlin „dummdreist“ –, die klimapolitische Botschaft aber ist in diesen Fällen deutlich.

Extinction Rebellion bleibt beim Rest der Klimabewegung umstritten

Doch selbst beim Rest der Klimabewegung und ihren Sympathisanten ist Extinction Rebellion umstritten, seit sie vor einem Jahr von einem Zirkel um den Sozialwissenschaftler Roger Hallam und die Biophysikerin Gail Bradbrook gegründet wurde.

Immer mal wieder gibt es Spannungen zwischen XR, wie Extinction Rebellion sich selbst abkürzt, und anderen Klimagruppen. Im September beispielsweise hatten Mitglieder der Interventionistischen Linken, der Seebrücke und von Ende Gelände unter dem Motto „Sitzenbleiben“ zu einer Straßenblockade in Hamburg aufgerufen. Einige der „Rebellen“ setzten sich auch dazu. Als jemand „Fuck Cops“ rief, verließen sie den Protest demonstrativ und twitterten: „Liebe Leute von Sitzenbleiben, nur friedlich werden wir unser Ziel erreichen!“

Alle sollen ihren Protest zu spüren bekommen: Aktivisten von Extinction Rebellion bei einer Blockade in Berlin.

Aktivisten, die sich bei der ersten Gelegenheit mit der Polizei solidarisieren und die Mitstreiter öffentlich diskreditieren? Die reagierten denn auch mit wütendem Unverständnis. Die Aktivisten von Extinction Rebellion entschuldigten sich im Nachgang auf Twitter für den „unnötig unsolidarischen Tweet“.

Extinction Rebellion zeichnet drastische Bilder

Die schärfste Kritikerin der jungen Bewegung in Deutschland ist wohl die Sozialwissenschaftlerin und Frankfurter Politikerin Jutta Ditfurth. „Hierarchie, Intransparenz, Gurus und esoterische Ideologie satt“ schrieb sie Extinction Rebellion kürzlich im Interview mit der FR zu und verglich die Bewegung mit einer „Weltuntergangssekte“.

Ein deutscher Umweltaktivist ist der norwegischen Polizei zufolge am Donnerstag in Oslo festgenommen worden. Der Mann habe versucht, das Netzwerk einer Umweltkonferenz zu hacken, wie die Polizei der Nachrichtenagentur NTB zufolge mitteilte. Demnach hatte er die Absicht, auf einem Großbildschirm der Konferenz eine Botschaft erscheinen zu lassen. Der Mann habe eine Strafe von rund 1000 Euro erhalten. Er solle ausgewiesen werden.

Bei der Konferenz „Our Ocean“ sind Regierungsvertreter, Unternehmen und Umweltorganisationen aus der ganzen Welt versammelt, um wirkungsvolle Maßnahmen zum Schutz der Meere zu diskutieren. (dpa)

Es trifft zu, dass Extinction Rebellion die Klimakrise in dramatischen Bildern zeichnet. Die Aktivisten warnen vor einem Massenaussterben auf der Erde, verkleiden sich als der personifizierte Tod, veranstalten Trauermärsche. Und die drei Grundforderungen der Bewegung – die Regierungen sollten „die Wahrheit“ über die Klimakrise sagen, ihre Länder in den kommenden fünf Jahren klimaneutral machen und Bürgerversammlungen über die passenden politischen Mittel entscheiden lassen – können viele Mitglieder in ähnlicher Wortwahl aus dem Effeff aufsagen.

Extinction Rebellion funktioniert wie ein Franchise-Modell

Folgt die Bewegung also ihren Gründern, als wären es „Gurus“? Vordenker trifft es wohl eher.

Extinction Rebellion funktioniert gewissermaßen über ein Franchise-Modell: Wer sich zu zehn Prinzipien bekennt, kann eine Ortsgruppe gründen und bekommt alle möglichen Materialien wie ein Handbuch, Anleitungen zur Organisation und Designmaterial. Diese Grundlagen stammen aus dem Umfeld der Gründer. Ohne Frage macht sie das einflussreich, formale Anführer sind Hallam und Co. aber nicht. Gerade Hallam ist nach demokratiekritischen Aussagen mittlerweile auch unter XR-Mitgliedern eine umstrittene Figur – trotz Gründerstatus.

Die Ortsgruppen sind bei weltweit einheitlicher Franchise-Optik autonom. Davon zeugen Szenen wie die in der Londoner U-Bahn. Der Großteil von Extinction Rebellion lehnt die Blockade des ÖPNV nach einer Umfrage unter rund 4000 der „Rebellen“ ab – aber bisher muss eben niemand in der Bewegung seine Aktionen unbedingt mit den anderen abstimmen.

Lose Strukturen bei Extinction Rebellion

Die lose Struktur bringt es mit sich, dass Extinction Rebellion Widersprüche unaufgelöst vereint. Gleichzeitig hat sie aber einen riesigen Vorteil: Sie ist unkompliziert, was sicher zu dem Sog beiträgt, der von XR ausgeht. In London beteiligten sich zuletzt Zehntausende an den Aktionen und auch andernorts erlebt die Bewegung Zulauf. In ihren Sitzblockaden findet man Lehrer, Zahnärztinnen, Elektriker, Philosophinnen, Rentner und Studierende.

Es gibt in der Klimabewegung auch moderierende Stimmen. Zu ihnen gehört Tadzio Müller, Referent bei der Linken-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung. „Es waren bisher die Links- und Ökoradikalen, die zivilen Ungehorsam in Bezug auf den Klimaschutz praktiziert haben“, sagt der Politikwissenschaftler. Die seien aber bisher nicht in der Lage gewesen, die nötigen Massen für einen Politikwechsel zu organisieren, meint Müller. XR nutze kein linkes Vokabular und öffne sich so für die liberale Mitte der Gesellschaft. „Ich wünsche mir ein bisschen Bescheidenheit auf allen Seiten: Die erfahrenen linken Klimaaktivisten haben das Klima nicht gerettet, Extinction Rebellion hat das Rad nicht in jeder Hinsicht neu erfunden. Aber alle können mit- und voneinander lernen.“

Fridays for Future mobilisiert globalen Klimastreik

Für den 29. November mobilisiert Fridays for Future zum 4. globalen Klimastreik. Auch am heutigen Freitag, 25. Oktober, gehen die jungen Umweltschützer auf die Straßen. Vor der UN-Weltklimakonferenz in Chile Anfang Dezember wollen die Aktivistinnen und Aktivisten deutlich machen, dass sie mit den bisherigen Klimaschutzplänen der wirtschaftlich stärksten Staaten nicht zufrieden sind. Das Klimapaket der Bundesregierung vom 20. September wird als zu schwach kritisiert, es würde noch nicht einmal helfen, die Pariser Ziele von 2015 zu erreichen.

Eine Sonderausgabe zu der Klimabewegung veröffentlichte die FR zusammen mit der Gruppe Fridays for Future Frankfurt am Freitag, 20. September. Die Ausgabe enthielt viele Artikel von Expertinnen und Experten, Anregungen für Lösungen und Erzählungen von Menschen, die vom Klimawandel bereits betroffen sind. Die Sonderausgabe ist als PDF zum Download verfügbar: fr.de/fridays

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