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Flüchtlinge auf Samos.

Griechenland

Explosive Lage

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FR-Korrespondent Gerd Höhler hat das Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Samos besucht – und Verheerendes gesehen.

Georgios Stantzos sitzt an seinem Schreibtisch im Bürgermeisteramt an der Platia Dimarchou, dem Rathausplatz von Samos. Erst seit Anfang September ist der 53-Jährige Bürgermeister der griechischen Inselgemeinde, aber schon denkt er daran hinzuschmeißen: „Wenn wir keine Hilfe bekommen und die Lage ausweglos wird, dann treten der gesamte Stadtrat und ich geschlossen zurück“, sagt der parteilose Kommunalpolitiker.

Noch auswegloser kann es eigentlich nicht mehr werden. Nur ein paar Hundert Meter Fußweg sind es vom Rathausplatz hinauf zum Lager. Für 648 Menschen ist das Camp ausgelegt, das 2016 als sogenannter Hotspot für die Erstaufnahme und Registrierung ankommender Migranten eingerichtet wurde. Aber inzwischen leben hier gut zwölfmal so viele Menschen. „Unsere Stadt hat 7000 Einwohner und fast 8000 Migranten – das geht nicht“, sagt Stantzos verzweifelt.

Immer wieder hat er an die Regierung in Athen appelliert, mehr Migranten aufs Festland zu bringen, um das Lager zu verkleinern. Die Behörden versuchen das zwar. Seit Anfang Dezember haben sie 377 Migranten von Samos aufs Festland gebracht. Aber im gleichen Zeitraum kamen 784 Menschen von der türkischen Küste neu auf die Insel. „Die Überfüllung wird immer schlimmer“, klagt Stantzos.

Zwischen Anfang Januar und Mitte Dezember kamen 68 000 Schutzsuchende aus der Türkei nach Griechenland, das waren fast 50 Prozent mehr als 2018. In jüngster Zeit beschleunigt sich der Anstieg. Seit Anfang Oktober hat sich die Zahl der Neu-Ankommenden gegenüber dem Vorjahr fast verdreifacht. Im November kamen fast viermal so viele. Die Situation in den völlig überlasteten Erstaufnahmelagern wird immer dramatischer. Noch im April hielten sich in den Unterkünften, die für knapp 8800 Bewohner ausgelegt sind, 14 000 Menschen auf. Am 23. Dezember waren es 41 989. Im berüchtigten Lager Moria auf Lesbos, das eine Kapazität von 2840 Plätzen hat, leben aktuell 20 940 Menschen, die meisten in selbstgezimmerten Behausungen oder Zelten. Bewohner beschreiben das Lager als „Dschungel“ und „Hölle“. Auf die Menschen dort wartet ein harter Winter. Die meisten Zelte sind nicht beheizbar und bieten kaum Schutz vor Kälte. Warmes Wasser zum Duschen haben die wenigsten.

Er sei schockiert gewesen, als er jetzt Moria besuchte, sagt Christos Christou, Präsident von Ärzte ohne Grenzen (MSF). Die Hilfsorganisation versucht in vielen griechischen Flüchtlingslagern wenigstens ein Minimum an medizinischer und psychologischer Betreuung zu leisten. Ein Drittel der Bewohner des Lagers Moria sind Kinder. Die Mitarbeiter von MSF berichten von Kindern, die dort Suizidversuche unternehmen. „Diese Kinder haben den Appetit auf das Leben verloren, sie spielen nicht mehr, sprechen nicht mehr – man hat ihnen ihre Kindheit gestohlen“, sagt Christou.

Die Situation in Moria sei „vergleichbar mit dem, was wir nach Naturkatastrophen oder in Kriegsgebieten sehen“. Es sei empörend, diese Bedingungen in Europa zu sehen und zu wissen, dass sie nicht Folge eines Desasters sind, sondern „das Ergebnis gezielter politischer Entscheidungen“. In einem offenen Brief an die Staats- und Regierungschefs der EU appellierte Christou Ende November: „Stoppen Sie diesen Wahnsinn!“

Besonders schutzlos sind jene Kinder und Jugendlichen, die ohne Eltern oder andere Angehörige in den Lagern leben. Nach Angaben der Flüchtlingsagentur UNHCR sind das etwa 5300. Davon sind rund 500 jünger als 14 Jahre. Nur jeder fünfte unbegleitete Minderjährige ist angemessen untergebracht und wird betreut. Die anderen sind auf sich selbst angewiesen und schutzlos.

Dass jetzt der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck in Deutschland fordert, unbegleitete Minderjährige aus den Camps herauszuholen, begrüßt man in Griechenland. „Wir hoffen, dass sich endlich etwas bewegt“, heißt es in Athener Regierungskreisen. Schon im Oktober hatte der griechische Minister für Bürgerschutz in einem Brief an seine EU-Amtskollegen gebeten, seinem Land bei der Betreuung unbegleiteter Minderjähriger zu helfen.

Auch Bürgermeister Stantzos in Samos hofft auf Hilfe. Hinter seinem Schreibtisch stehen die Flaggen Griechenlands und der Insel Samos, aber auch die blaue Europafahne mit den zwölf Sternen. „Bisher fühlen wir uns von Europa im Stich gelassen.“ Besonders das Schicksal der Kinder geht ihm zu Herzen. Im Lager oberhalb der Stadt leben 22 unbegleitete Mädchen in einem Wohncontainer, der regulär für fünf Bewohner vorgesehen ist. Weil es in den Containern des eigentlichen Camps längst keine freien Schlafplätze mehr gibt, breitet sich das Lager in die angrenzenden Olivenhaine aus. Wer neu ankommt, muss sich dort einen Schlafplatz suchen.

Viele Menschen leben in kleinen Zelten. Andere schleppen Latten, Bretter, Kartons und Planen aus der Stadt hinauf ins Lager, um sich Behausungen zu zimmern. Wenn es regnet, verwandeln sich die Trampelpfade im Lager in Schlammwüsten. Unten an der Umgehungsstraße haben die Behörden chemische Toiletten aufgestellt, aber es sind viel zu wenige für die fast 8000 Menschen.

„Unsere Infrastruktur ist überfordert“, sagt Stantzos: „Müllabfuhr, Stadtreinigung, Abwasserentsorgung, öffentliche Sicherheit, soziale Dienste, medizinische Versorgung – wir sind überall am Limit.“ Immer wieder kommt es im Lager zu Unruhen. „Die Stimmung ist explosiv.“ Ein Funke genügt, und alles hier fliegt in die Luft“. Die einzige Lösung sei, mehr Migranten aufs Festland zu bringen.

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