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Explosionen in Israel: Eskalation befürchtet

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Von: Maria Sterkl

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In Jerusalem kam am Mittwoch bei einer Explosion an einer Bushaltestelle ein Jugendlicher ums Leben.
In Jerusalem kam am Mittwoch bei einer Explosion an einer Bushaltestelle ein Jugendlicher ums Leben. © Ahmad Gharabli/AFP

Zwei Explosionen erschüttern Jerusalem und kosten einen jungen Menschen das Leben. Das weckt traumatische Erinnerungen an die zweite Intifada vor zwanzig Jahren.

Jerusalem – Fünf Stunden, nachdem an zwei verschiedenen Bushaltestellen in Jerusalem jeweils ein mit Nägeln besetzter Sprengkörper in die Luft gegangen war, wartet Mosche Guttman im Zentrum Jerusalems auf Bus Nummer 19, um am Markt Gemüse einzukaufen. Ob er keine Angst habe, jetzt in einen Autobus einzusteigen? „Überhaupt nicht“, sagt der Mittsiebziger.

Mindestens 17 Menschen wurden bei den Attentaten am Morgen verletzt, ein 16-Jähriger sogar so schwer, dass er noch am selben Vormittag verstarb. Die Bilder von Scherben, Blut und Verwüstung rufen traumatische Erfahrungen während der zweiten Intifada vor zwanzig Jahren wach.

Explosionen in Israel: Seit Jahresbeginn kamen 29 Israelis bei Attentaten ums Leben

Moshe Guttman erklärt, warum er keine Angst hat. „Mein Boss passt auf mich auf“, sagt er und zeigt gen Himmel. Außerdem: „Die Polizei kommt sowieso immer erst, wenn es schon zu spät ist.“ Am Mittwoch kam sie tatsächlich zu spät. Mitten im dichten Morgenverkehr, an einer Bushaltestelle am Rande Jerusalems, die vor allem von Pendler:innen stark frequentiert wird, ging gegen sieben Uhr morgens ein Sprengsatz hoch. Rund dreißig Minuten später detonierte an einer anderen Haltestelle im Norden Jerusalems eine zweite Bombe. Die Sprengkörper waren mit Nägeln versetzt.

„Das ist ein sehr schwerwiegender Vorfall“, sagt Polizeiminister Omer Bar Lev. Zwar ist es nicht der erste Terroranschlag in jüngster Zeit. Seit Jahresbeginn kamen in Israel 29 Menschen bei Attentaten ums Leben. Doch diesmal waren es keine Schuss- oder Messerattacken, die wenig Planungsaufwand erfordern. Bei den Attentaten kamen ferngezündete Sprengsätze zum Einsatz, die unter dem Radar der Geheimdienste bei den Haltestellen platziert wurden. Vieles deutet darauf hin, dass ein professionelles Terrornetzwerk dahintersteckt – also Hamas oder Islamischer Dschihad.

Explosionen in Israel: Das Land befindet sich in einer politisch heiklen Phase

Beide Terrorgruppen bekannten sich zwar nicht zu den Anschlägen, sendeten aber wenige Stunden nach den Attentaten Jubelmeldungen aus. Die Zeit sei reif, um „konfrontationsbereite Zellen in ganz Palästina“ zu gründen, droht ein Sprecher der Hamas. Drohen nun weitere schwere Anschläge? Michael Milstein, Experte für Sicherheitsstudien an der Reichman University, hält das für möglich. Er sieht vor allem in der jungen Generation in Dschenin und Nablus viel aufgestauten Zorn – nicht nur auf Israel, sondern auch auf die Palästinenserbehörde. Terrorgruppen wie Hamas nutzten diese Gefühlslage für eigene Zwecke. Statt Raketen aus dem Gazastreifen Richtung Israel zu schießen, schicken sie junge Männer aus Dschenin vor.

Auf eine neue Stufe der Eskalation deutet auch ein schwerer Vorfall in der Nacht auf Mittwoch im Westjordanland hin: Ein 18-jähriger Israeli drusischer Abstammung wurde von palästinensischen Terroristen aus einem Krankenhaus in Dschenin entführt. Laut seinem Vater befand sich der Teenager auf der Intensivstation, als eine Gruppe schwer bewaffneter Militanter ins Krankenhaus eindrang.

Die Eskalation kommt in einem politisch heiklen Moment: Die aktuelle Regierung steht kurz vor ihrem Ende, die neue liegt im Endspurt der Koalitionsbildung. Die daran beteiligte rechtsextreme Partei „Jüdische Selbstbestimmung“ unter Itamar Ben Gvir verkündete kurz nach dem Attentat, wie sie den Terror zu bekämpfen gedenkt: Durch gezielte Tötungen, Abriegelung von Städten und ein Aushungern der Palästinenserbehörde. Laut Milstein genau der falsche Weg: „Wenn das passiert, dann droht ein neuer Anstieg der Gewalt.“ (Maria Sterkl)

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