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Straßensperre vor Codogno in der Lombardei. Italien meldet weitere Fälle der Lungenkrankheit Covid-19.

Coronavirus

Experten kritisieren Spahn

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Experten bezweifeln, dass Deutschland gut vorbereitet ist. Der Weltgesundheitsorganisation fehlen die Mittel für den globalen Kampf gegen Corona.

Wo sonst Patienten durch einen kleinen Park spazieren, steht ein gut 50 Meter langer und zwei Meter hoher Metallzaun. Weiße Planen verdecken die Sicht. Fenster sind abgeklebt. Warnschilder verbieten das Fotografieren, ein Sicherheitsdienst patrouilliert am Zaun entlang, dahinter stehen Wohncontainer.

Die Quarantänestation am DRK-Krankenhaus im Berliner Stadtteil Köpenick wirkte bislang wie ein düsterer Vorbote auf Zeiten, von denen viele hofften, dass sie in Deutschland nicht anbrechen. Jetzt jedoch ist es wahrscheinlich, dass solche Stationen bald auch an anderen Orten im Land stehen werden.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ließ am Montag in Berlin keine Zweifel daran aufkommen, dass die Lage ernster ist als bisher angenommen. „Es deutet alles darauf hin, dass wir auf dem Weg sind zu einer weltweiten Pandemie“, sagte er und fasste damit zusammen, wie Wissenschaftler weltweit den weiteren Weg von Sars-CoV-2, so der exakte Name des Virus, einschätzen. „Es ist klar, dass nun alle Voraussetzungen für eine Pandemie vorhanden sind“, sagte Bharat Pankhania von der britischen Universität Exeter – dass es also nicht bei einer lokalen Welle, einer Epidemie, bleibt, sondern dass sich das Virus über Grenzen hinweg ausbreitet.

Vor allem die Entwicklungen in drei Ländern sind es, die Wissenschaftler pessimistisch stimmen: In Südkorea wurde am Montag von 231 neuen Fällen berichtet. Insgesamt sind dort nun 833 Infektionen registriert, sieben Menschen sind bislang gestorben.

Im Iran sind 15 Menschen an Covid-19, so heißt die vom Coronavirus ausgelöste Krankheit, gestorben, 95 sind mit dem Erreger infiziert – offiziell. Unter den Erkrankten ist auch der stellvertretende iranische Gesundheitsminister und der Coronavirus-Beauftragte, Iradsch Harirschi.

Jens Spahn, Gesundheitsminister: „Wir reagieren angemessen.“

In Italien breitet sich Sars-CoV-2 weiter rasch aus. Zivilschutzchef Angelo Borrelli bezifferte die Zahl der infizierten Personen am Nachmittag auf mehr als 280. Sieben seien verstorben. Besonders problematisch ist die Lage in Italien deshalb, weil der sogenannte Patient null bisher nicht gefunden wurde (siehe Bericht nebenan).

Es ist äußerst wahrscheinlich, dass auch in Deutschland mehr Fälle von Covid-19-Erkrankten auftreten. Bislang sind hier nach wie vor lediglich 16 Infektionen bestätigt. „Wir müssen aber davon ausgehen, dass sich das Virus auch in Deutschland weiter ausbreitet“, sagte der Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler.

Heißt das, dass in Deutschland bald Städte und Regionen abgeriegelt werden wie in Italien, dass Grenzen dicht gemacht werden? Die rechtliche Grundlage für die Wiedereinführung von Binnengrenzkontrollen ist im Schengener Grenzkodex geregelt, wenn eine ernsthafte Bedrohung für die öffentliche Ordnung oder Sicherheit bestünde. Und das Infektionsschutzgesetz lässt auch die Abriegelung von Ortschaften zu.

Spahn schließt das vorerst aus: „Von der Absage von Großveranstaltungen bis zum kompletten Abriegeln ganzer Städte gibt es ja auch noch viele Zwischenstufen“, sagte der Minister. „Wir reagieren jederzeit angemessen und verhältnismäßig“, versicherte er. Deutschland sei „bestmöglich vorbereitet“.

Stimmt das? Es gibt Experten, die das bezweifeln. Der Arzt und Biochemiker Alexander Kekulé warf der Bundesregierung im Deutschlandfunk Versäumnisse im Umgang vor. Gesundheitsminister Spahn habe den Ernst der Lage auf keinen Fall früh genug erkannt. Seine Behörde stelle den neuen Virus weiterhin als harmloser als die Grippe dar. Die Sterblichkeit der Grippe liege bei rund 0,1 Prozent. Bei dem neuen Coronavirus hingegen liege die Sterberate bei 0,5 bis 1,5 Prozent, sagte Kekulé im Deutschlandfunk.

Der Mediziner steht mit seiner Kritik nicht allein dar. „Meine schon länger vorhandene Sorge über eine sehr wahrscheinliche Pandemie mit Covid-19 ist aufgrund des Abwiegelns und der Untätigkeit deutscher Behörden langsam in pure Verzweiflung umgeschlagen“, sagte jetzt der Chefarzt einer Lungenklinik in Sachsen-Anhalt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Wir als Ärzte haben die ethische Verantwortung, darauf hinzuweisen, dass wir im Falle eines Ausbruches von Sars-CoV-2 in keiner Weise unserem Behandlungsauftrag nachkommen können“, warnte Steffen Frese aus der Klinik in Lostau. Bis auf wenige hochspezialisierte Zentren mit universitärer Medizin seien wahrscheinlich die meisten Krankenhäuser in Deutschland nicht auf einen möglichen Ansturm von Covid-19-Patienten vorbereitet.

Mailand: Atemmasken gehören inzwischen zum Alltagsbild in einigen italienischen Regionen.

In einem von ihm verfassten Brandbrief an Jens Spahn kritisiert Frese, wenn nicht gehandelt werde, drohe bei einem Ausbruch ein „rascher Kollaps des gesamten Gesundheitssystems in Deutschland“. Er fordert, Schwerpunktkliniken für die Behandlung von Covid-19-Patienten zu definieren, die Versorgung dieser Häuser mit adäquater Schutzausrüstung sicherzustellen und Notfallübungen durchzuführen.

Christian Drosten, Virologe an der Charité in Berlin, verglich die Folgen eines größeren Ausbruchs in Deutschland bereits Mitte Februar mit einer schweren Grippewelle – und prophezeite: „Es wird dann schwierig, die normale Versorgung aufrechtzuerhalten.“

Eine Infektionswelle könnte zum Stresstest werden für das Gesundheitssystem und vielleicht zu Veränderungen führen. „Wir müssen die öffentlichen Gesundheitsdienste vor Ort endlich wieder finanziell und personell besser ausstatten“, sagt Kordula Schulz-Asche, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion.

Doch für eine nun drohende Ausbreitung der Infektion kommt all das zu spät. Auch die Suche nach Impfstoffen und Medikamenten wird so rasch keine Erfolge bringen. „Mindestens ein Jahr“ veranschlagt dafür der Virologe Professor Stephan Becker von der Universität Marburg, andere schätzen die Entwicklungsdauer länger ein. Das wirksamste Mittel für jeden Einzelnen bleibt jedoch der individuelle Schutz mit den bewährten Mitteln: Händewaschen, Grippeimpfung, Hustenhygiene, wie RKI-Chef Wieler am Montag erneut betonte.

Ein Hoffnungsmoment lieferten die Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) am Montag nach einem Besuch in China. Der Ausbruch dort habe seinen Höhepunkt überschritten, erklärte WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Die Fallzahlen seien rückläufig.

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