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So wird das nichts: Wer dem Glauben an Verschwörungen nicht völlig verfalle, sei für gute Argumente noch zugänglich, sagt Bode.
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So wird das nichts: Wer dem Glauben an Verschwörungen nicht völlig verfalle, sei für gute Argumente noch zugänglich, sagt Bode.

Corona-Pandemie

„Querdenken“-Bewegung: „Wir müssen widersprechen“

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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Die Teilnehmer von „Querdenker“-Demos sind oft Verschwörungsgläubige. Experte Mirko Bode von der Organisation „Der goldene Aluhut“ zeigt Möglichkeiten auf, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

  • Die Bewegung der „Querdenker“ wehrt sich gegen die Regeln zur Eindämmung des Coronavirus.
  • Nicht jeder, der an „Querdenker“-Demos teilnimmt, ist ein Verschwörungsgläubiger, sagt Mirko Bode von der Organisation „Der goldene Aluhut“.
  • Mirko Bode rät, Verschwörungsgläubiger und „Querdenker“ nicht mit Fakten zu überzeugen, sondern zuzuhören und Fragen zu stellen.

Herr Bode, Sie beraten Angehörige von Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben. Was sagen Sie Leuten, deren Partner:innen, Verwandte oder Freund:innen die Existenz des Coronavirus leugnen und vielleicht auch bei „Querdenken“-Demos mitlaufen oder Sympathien dafür hegen?

Zuerst einmal: Nicht jeder, der ein Youtube-Video oder einen Kettenbrief zum Thema weiterleitet, ist gleich ein Verschwörungsgläubiger. Auch nicht jeder, der bei einer „Querdenken“-Demo mitläuft. Man muss also erst mal gezielt zuhören und schauen, wo der andere eigentlich genau steht.

Und wenn die Person doch an die große Verschwörung glaubt?

Dann ist es clever, wenn man nicht gleich versucht, den anderen mit Fakten zu überzeugen. Denn das ist Teil des Problems – dass Verschwörungsgläubige immer noch ein weiteres Scheinargument aus dem Hut zaubern können. Das nennt sich in der Kommunikationswissenschaft „Gish-Galopp“: Den Gegenüber so mit Fragen, Argumenten, Behauptungen und Halbwahrheiten zuzuschütten, dass eine zielgerichtete Argumentation erschwert wird. Und da Verschwörungsgeschichten sich nicht um so profane Dinge wie innere Logik, wissenschaftliche Erkenntnisse oder Fakten kümmern, kommt man mit genau diesen Dingen eben nicht dagegen an. Außerdem sind Verschwörungstheorien etwas sehr Emotionales. Und jeder, der schon einmal einen emotionalen Streit mit seinem Partner oder einem Kollegen hatte, weiß, dass es in solchen Gefühlslagen auch nicht mehr um Objektivität geht.

„Querdenker“ sollten mit Fragen konfrontiert werden, rät Mirko Bode von „Der goldene Aluhut“

Aber was macht man dann in einem solchen Fall?

Wenn man zugehört hat, kann man Fragen stellen. Zum Beispiel: Warum glaubst du das eigentlich? Warum berührt dich das so emotional? Warum macht dir das Angst? Und manchmal fangen die Leute dann an, darüber nachzudenken. Was sich auch sehr bewährt hat, ist, einen Plausibilitätscheck zu machen. Zum Beispiel: Wie viele Leute müssten an einer solchen Verschwörung beteiligt sein? Wie wahrscheinlich ist es, dass die alle stillhalten und niemand mal auspackt? Denn das wäre ja der Presseknaller – die „Bild“-Zeitung würde doch sofort darüber berichten! Verschwörungstheorien leben ja ein bisschen von der Prämisse, dass man selber derjenige ist, der die Wahrheit herausfindet. Das kann man im Gespräch ruhig auch mal ein bisschen umdrehen nach dem Motto: „Was wäre, wenn „Querdenken“ nur existiert, um dir das Geld aus der Tasche zu ziehen?“ Im Idealfall springt der Gesprächspartner darauf an, weil er vielleicht selbst noch unsicher ist oder zweifelt. Richtig überzeugte Verschwörungstheoretiker kriegt man so einfach natürlich nicht mehr.

Mirko Bode, 35, berät für die Organisation „Der goldene Aluhut“ Angehörige von Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben. Bode ist selbst betroffener Angehöriger. „Der goldene Aluhut“ klärt über Fake News und Verschwörungsideologien auf.

Bei „Querdenken“-Demos laufen ja auch die verschiedensten Leute mit, etwa auch Familien.

Mich hat es Anfang des Jahres tatsächlich überrascht, wie vielfältig das Publikum bei den Demos war. Das war wirklich sehr erstaunlich. Es gab ja auch vorher schon verschiedene Gruppen im Internet, etwa Chemtrailer, Mobilfunkgegner und auch schon Virenleugner. Aber die waren separiert. Mit „Querdenken“ und Corona gab es einen Zusammenschluss von verschiedenen Gruppen. Und es wurden auch viele weitere Leute abgeholt, etwa Eltern unter dem Hashtag „Kindesmissbrauch stoppen“. Das ist natürlich sehr perfide. Aus meiner Arbeit beim „Goldenen Aluhut“ weiß ich, dass das nicht nur sogenannte Abgehängte waren, die da mitgelaufen sind, sondern auch der Zahnarzt, der Sohn oder die Ehefrau. Mit der Ausnahme, dass nicht so viele Jüngere dabei waren, zog sich der Protest quer durch alle Bevölkerungsschichten. Und dann wurden die Demos auch noch von „Reichsbürgern“ und anderen Rechtsextremen gekapert.

„Querdenker“-Bewegung wird sich laut Mirko Bode weiter radikalisieren

Stimmen Sie der These zu, dass sich diese Bewegung immer weiter radikalisieren wird?

Ich glaube, dass die Mitläufer und Menschen, die sich wirklich Sorgen machen, etwa um ihre Existenz, dass der Großteil dieser Menschen irgendwann abspringen wird. Gerade jetzt, wo aus diesen Gruppen heraus der Holocaust verharmlost wird und zum Beispiel die Bewegung „Querdenken 711“ vom Landesverfassungsschutz Baden-Württemberg beobachtet werden soll. Da wird sich ein Teil von den „Querdenkern“ verabschieden. Und beim Rest? Da wird definitiv eine Radikalisierung stattfinden. Auch, weil es in diesen Gruppen ja eine gewisse Erwartungshaltung gibt.

Wie meinen Sie das?

Die Besetzung der Reichstagstreppen hat mich zum Beispiel nicht überrascht. Die Leute hatten richtig Bock drauf, so etwas zu machen. Sie wollen etwas verändern und werden irgendwann auch bereit sein, das mit Gewalt durchzusetzen. Das ist natürlich noch Spekulation, aber die Einschätzungen des Verfassungsschutzes sehen ja ähnlich aus. Es gab schon einen Brandanschlag auf das Robert-Koch-Institut. Das sind meiner Meinung nach Vorzeichen, dass es da ein erhebliches Gewaltpotenzial gibt.

Mir fallen Bekannte ein, die manche Corona-Beschränkungen sehr kritisch sehen, die aber nie daran denken würden, das Reichstagsgebäude zu stürmen oder Gegner:innen von Corona-Beschränkungen mit Widerständler:innen aus der NS-Zeit zu vergleichen.

Man muss sich jetzt klar gegen Gewalt oder rechte Umtriebe abgrenzen. Es gibt auch Demos wie zum Beispiel die „5-vor-12-Demo“ von der Berliner Veranstaltungsbranche, die sich klar davon distanziert hat und auch Leute mit „Querdenken“-Logos von der Demo verwiesen hat. Und wer sich nicht klar abgrenzt, braucht mehr Widerspruch. Es ist in den vergangenen Jahren gelungen, den Satz „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen“ immer weiter nach rechts auszudehnen. Auch im Bekanntenkreis sollten wir da mehr widersprechen. (Fabian Scheuermann)

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