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Protest gegen die Arbeitsbedingungen in rumänischen Krankenhäusern. Viele Approbierte verlassen das Land.

Der Exodus der Mediziner

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Rumänien verliert jährlich Tausende Ärzte durch Freizügigkeit / Deutschland beliebt

Sie wolle wenigstens noch ein paar gute Jahre erleben, hat die Neonatologin an der Klinik von Vaslui ihrer Direktorin gesagt, und dann ist sie, mit 50 Jahren aus ihrer Kleinstadt in der Moldau nach Frankreich gegangen. Jetzt, da sie fort ist, sollten die Babys in dem 890-Betten-Haus besser ohne Komplikationen zur Welt kommen. Auch Lungenkrankheiten sind nicht mehr ratsam: Die einzige Fachärztin dafür ist auch schon weg. Ana Smaranda-Rinder, Leiterin des Kreiskrankenhauses, zuckt die Achseln. Es fehlen Anästhesisten und Intensivmediziner, an Psychiater oder Radiologen ist gar nicht zu denken.

Geht es um die Freizügigkeit in der EU, denkt man in Deutschland oder Frankreich meistens an Roma, die im Park schlafen oder auf der Straße betteln. In Rumänien denkt man an Ärzte. „Zwischen 1990 und 2007 haben jährlich so um die 7000 Kollegen das Land verlassen“, sagt Vasile Astarastoae, Präsident der rumänischen Ärztekammer. „Das ging.“ Aber seit dem EU-Beitritt sind es pro Jahr um die 14 000. „Das ist nicht mehr zu verkraften“, sagt Astarastoae. Es sei ein „Exodus“.

Durchschnittsalter bei 46

Rumänische Ärzte bevölkern inzwischen Klinikflure und Sprechzimmer in ganz Europa. In Frankreich kommen 60 Prozent der approbierten Ausländer aus Rumänien. In Großbritannien stehen sie nach den Indern auf Platz 2, in Belgien stellen sie jeden vierten. Deutschland holt auf. „Seit man den gefürchteten Sprachkurs im Land selbst nachholen kann und die Deutschen auch die Kurse bezahlen“, so Astarastoae, „hat die Emigration enorm zugenommen.“ Gingen vorher nur um die 200 bis 300 jährlich nach Deutschland, waren es 2012 und 2013 jeweils um die 1200. Beliebt sind rumänische Ärzte besonders als Praxisvertretung für Niedergelassene. Es gehen vor allem die erfahrenen Fachärzte. Das Durchschnittsalter der Emigranten liegt laut Ärztekammer bei 46 Jahren. In der Diagnostik-Abteilung in Vaslui steht ein nagelneuer Computertomograph japanischer Bauart.

„Ich würde ihn gern in Betrieb nehmen“, sagt Stationschefin Angelina, eine Medizinisch-technische Assistentin; eine Radiologin gibt es hier schon lange nicht mehr. „Aber mir fehlt die Anleitung.“ „Angelina“, die ihren richtigen Namen nicht preisgeben will, hat auch schon ans Auswandern gedacht. „Aber man braucht jetzt überall einen Uni-Abschluss, und den habe ich nicht.“ Sie geht auf die fünfzig zu, ist seit 23 Jahren im Beruf und verdient 300 Euro im Monat. Nach Feierabend arbeitet sie noch in einer Privatpraxis.

Mit 1,9 Ärzten pro 1000 Einwohnern ist Rumänien schon jetzt das medizinisch am schwächsten versorgte Land Europas; der EU-Schnitt liegt bei 3,4. Dramatisch ist die Entwicklung vor allem in den Kliniken: Waren dort 2010 noch 21 000 Ärzte beschäftigt, so wurden Anfang 2013 noch ganze 14 100 gezählt. „Es gehen die Erfahrenen, von den Jüngeren die Begabten“, sagt der Kammerpräsident. Bestrahlung für Krebspatienten gibt es nur noch an drei Uni-Kliniken. Ganze Fachrichtungen sterben aus: Noch 34 Onkologen wurden in dem Land mit seinen fast 20 Millionen Einwohnern im vorigen Jahr noch gezählt, Herz-Kreislauf-Spezialisten gibt es noch 71. Von den 1600 Planstellen für Intensivmediziner sind 632 besetzt.

Tun kann man wenig. Zwar hat die Regierung das Einstiegsgehalt für junge Ärzte auf fast das Doppelte aufgestockt. Aber das Geld ist gar nicht der wichtigste Grund für den Exodus. Schlimmer sind die Arbeitsbedingungen – und die werden immer schlechter, je mehr Kollegen auswandern. Beklagt werden vor allem die Unterfinanzierung, die Parteibuchwirtschaft, die steilen Hierarchien. Nichts sei mehr planbar. Alles, was man noch lernen könne, sei das Improvisieren, sagt Astarastoae. „Darin allerdings kann uns kein deutscher Arzt das Wasser reichen.“

Schlusslicht in Europa

Aus der Sicht der Ärztekammer ist das Problem an erster Stelle hausgemacht. Rumänien gibt für sein Gesundheitswesen gerade einmal 4,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, und das ist gegenüber den vorigen Jahren schon eine Steigerung um ein Drittel. In entwickelten Ländern sind es zwischen zehn und zwölf Prozent, und selbst das benachbarte – und noch ein wenig ärmere – Bulgarien, drückt immerhin etwa über fünf Prozent ab. Bei wichtigen Indikatoren für die Qualität eines Gesundheitswesens, etwa die der Säuglingssterblichkeit oder der Überlebenswahrscheinlichkeit bei Brust- und Gebärmutterkrebs, ist das Land Schlusslicht in Europa.

Hindern lassen sich die Ärzte an dem Exodus nicht. Dass die rumänische Approbation erst nach der dreijährigen Facharztausbildung erteilt wird, hilft zwar, die Absolventen für einige Zeit im Land zu halten. Es macht es zugleich aber teurer: Allein die Facharztausbildung für künftige Emigranten hat das Land schon drei Milliarden Euro gekostet.

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