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Wegen des Verdachts auf Beihilfe zu Tausenden Morden muss sich die 96-jährige KZ-Schreibkraft vor Gericht verantworten.
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Wegen des Verdachts auf Beihilfe zu Tausenden Morden muss sich die 96-jährige KZ-Schreibkraft vor Gericht verantworten.

KZ Stutthof

Anklage wegen möglicher Beihilfe zum Massenmord: Ex-KZ-Sekretärin schweigt

  • VonJoachim F. Tornau
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Wegen ihrer möglichen Beihilfe zum 11.000-fachen Mord wird Irmgard F. angeklagt: Nach ihrer Flucht kann der Prozess gegen die ehemalige KZ-Sekretärin beginnen.

Itzehoe - Eines war Verteidiger Wolf Molkentin so wichtig, dass er es beim Prozessauftakt zuallererst loswerden wollte. Die Solidaritätsaufrufe „gewisser Kreise“ für die einstige KZ-Sekretärin Irmgard F. seien „ausdrücklich nicht im Sinne der Angeklagten“, sagte der Anwalt am Dienstag in seinem Opening Statement vor dem Landgericht in Itzehoe. „Sie leugnet nicht die Verbrechen der Schoah. Sie tritt lediglich dem Vorwurf entgegen, auch persönlich eine strafrechtliche Schuld auf sich geladen zu haben.“

Was Molkentin damit sagen wollte: Die 96-Jährige tauge nicht als Märtyrerin für die rechte Szene – auch wenn sie sich Ende September, als ihr Prozess eigentlich hatte beginnen sollen, per Taxi aus dem Pflegeheim davon- und kurzzeitig auf die Flucht gemacht hatte. Und auch wenn sie danach ankündigte, künftig genauso wenig vor Gericht erscheinen zu wollen.

Elektronische Handfessel für Irmgard F.: 96-Jährige war Sekretärin im KZ Stutthof

Als die weiß gelockte Seniorin, mit Kopftuch, Sonnenbrille und FFP2-Maske unkenntlich gemacht für die Kameras, nun im Rollstuhl in den Verhandlungssaal geschoben wurde, trug sie deshalb eine elektronische Handfessel. Die Staatsanwaltschaft legt Irmgard F. Beihilfe zum Mord in mehr als 11.000 Fällen zur Last. Vom Juni 1943 bis April 1945 habe die Stenotypistin, damals noch keine 20 Jahre alt, im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig als Schreibkraft für den Lagerkommandanten Paul Werner Hoppe gearbeitet und seinen gesamten Schriftverkehr organisiert. „Damit hat sie die reibungslose Funktionstüchtigkeit des Lagers sichergestellt“, sagte Staatsanwältin Maxi Wantzen.

„Sie hatte teilweise bis ins Detail Kenntnis von den verschiedenen Tötungsarten.“ Von der als Arztzimmer getarnten Genickschussanlage, von den Vergasungen mit Zyklon B, von der „Tötung durch Herbeiführung und Aufrechterhaltung lebensfeindlicher Bedingungen“. Auf 65.000 wird die Zahl der Menschen geschätzt, die in Stutthof insgesamt von den Nazis ermordet wurden.

Unzählige NS-Täter blieben straflos – Angeklagte 96-Jährige empfindet Prozess als Zumutung

Die Angeklagte selbst werde sich zu diesen Vorwürfen nicht äußern, jedenfalls noch nicht, sagte Verteidiger Molkentin. Sie empfinde es als „Zumutung“, jetzt noch vor Gericht gestellt zu werden – während unzählige NS-Täter straflos blieben oder sehr glimpflich davonkamen. Auch Lagerkommandant Hoppe war in den 1950er Jahren lediglich wegen Beihilfe zum Mord verurteilt worden. Irmgard F. wurde damals nur als Zeugin vernommen.

Dass die ehemalige KZ-Sekretärin im hohen Alter noch angeklagt wurde, ist einem sehr späten Umdenken der Rechtsprechung geschuldet. Erst seit dem Urteil gegen den einstigen Sobibor-Wachmann John Demjanjuk vor zehn Jahren gilt auch als Mordhelfer:in, wer als kleines Rädchen in der nationalsozialistischen Mordmaschinerie gewirkt hat. Ob sich das auch auf eine Schreibkraft in der Lagerverwaltung anwenden lässt, ist die zentrale Frage, die das Landgericht Itzehoe beantworten muss. Die Verteidigung, so viel wurde klar, bezweifelt das stark.

Prozess gegen Sekretärin im KZ Stutthof bei Danzig: Industriehalle als Gerichtssaal

Für den Prozess hat das Gericht eine Logistikhalle im Industriegebiet angemietet. 30 Stutthof-Überlebende haben sich dem Verfahren als Nebenkläger:innen angeschlossen. Bereits beim Auftakt kam von ihren Anwälten scharfe Kritik an der Verhandlungsführung.

Weil sich der Strafkammervorsitzende Dominik Groß zierte, einem Nebenklage-Anwalt ein Eröffnungsstatement zuzubilligen, warf ihm Anwalt Mehmet Daimagüler mangelndes Gespür für die historische Bedeutung des Verfahrens vor. „Ich kann nur an Sie appellieren, das noch einmal zu überdenken.“ Im Publikum brandete da Applaus auf. (Joachim F. Tornau)

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